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Quigley der Australier (1990) Blu-ray-Kritik

© capelight pictures

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Der Western: das ur-amerikanische Genre schlechthin. Von der Herausbildung einer eigenen staatlichen Identität wird erzählt, errungen durch den langwährenden Kampf der Zivilisation gegen die Barbarei. So zumindest das Bild vieler romantisierender Western, das mit dem Aufkommen des Italowestern in den 1960er-Jahren erstmals Risse erfuhr. Ambivalente Helden gab es dort, denen es meist eher ums Geld als um die Prinzipien ging. Und ein Western wie Clint Eastwoods „Ein Fremder ohne Namen“ (1972) verortete die Barbarei dann auch nicht mehr auf Seiten der Indianer (die in dem Film gar nicht vorkommen), sondern auf Seiten der (eigentlich) zivilisierten Stadtbewohner. Das Genre entwickelte sich, es gibt Spätwestern, Antiwestern und Filme, die Motive des Western aufgreifen (beispielsweise „Brokeback Mountain“) oder den Western in die urbane Gegenwart verlegen: der so genannte Großstadtwestern wie „Assault – Anschlag bei Nacht“, „Coogans großer Bluff“ oder „Die Warriors“. Auch die deutschen Karl-May-Verfilmungen lassen sich im weitesten Sinne als Western klassifizieren. Doch was geschieht, wenn man den Western nicht nur auf Produktionsseite in andere Länder verlegt (und dann beispielsweise in Kroatien oder Spanien dreht), sondern auch inhaltlich ein anderes Land bespielt? Diese Idee nimmt sich „Quigley der Australier“ vor, der – wie der deutsche Titel es vermuten lässt – die Westernmythologie nach Australien verlegt, dabei zentrale Bestandteile bewahrt, aber dennoch einiges anders macht.

Gleich bleibt die Figur des Westernhelden, der auch hier ein US-Amerikaner ist. Matthew Quigley (Tom Selleck, wie immer mit „Magnum“-Schnauzer), einer der besten Schützen des Westens, kommt nach Australien, um dort auf der Farm von Elliot Marston (Alan Rickman) als Wächter zu arbeiten. Dachte er ursprünglich, es ginge um die Jagd von wilden Tieren, um das Wild zu schützen, so zeigt sich, dass Marston ihn eigentlich eingestellt hat, um die auf seinen Ländereien befindlichen einheimischen Aborigines zu töten. Quigley weigert sich und wird gemeinsam mit der „verrückten Cora“ (Laura San Giacomo) ausgesetzt, die ihn immer wieder für ihren verstorbenen Mann zu halten scheint. Doch sie überleben, woraufhin Quigley sich Rache schwört. Der Film ist folglich recht simpel, aber sehr effektiv strukturiert. Interessant ist hierbei eine für den Spätwestern typische Identifikationsverschiebung: So sind die angeblich „zivilisierten“ Australier rund um Alan Rickman ziemlich widerwärtige und sadistische Ekel und auch die dort stationierte britische Armee ist nicht besser. Hingegen werden die australischen Ureinwohner ausnahmslos positiv besetzt und stellen mehr als einmal eine Hilfe für Quigley und Cora dar. Aufgrund der Sprachbarriere, die der Film nicht überwindet, finden hierbei zwar keine tiefgreifenden Charakterisierungen statt, doch werden die Aborigines mit einigen wenigen Zügen als eine friedliebende und in Harmonie mit der Natur lebende Gemeinschaft gezeichnet. Zwar stellt „Quigley der Australier“ die große systemische Frage wie auch viele eigentlich durchaus kritische US-Western nicht; dass es sich nämlich in den USA wie in Australien (und Neuseeland und Südamerika und…) eigentlich von vornherein um das Land der Ureinwohner handelt, das ihnen rechtswidrig weggenommen wurde, doch nimmt er das Verhältnis von Natives und westlichen Siedlern immer noch verhältnismäßig progressiv in den Blick. Dass dann aber derjenige, der als Retterfigur auftritt, natürlich ein US-Amerikaner ist und man nicht von vornherein den Konflikt inner-australisch halten konnte; nun gut. Immerhin ist er ab und an auf die Ureinwohner angewiesen und auch Cora bekommt ihre Momente, in denen sie aktiv ins Geschehen eingreifen darf.

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Der Film geht recht schnell in medias res, so dass der Schwenk hin zu einem Rachewestern rasch vollzogen ist. Marston merkt sehr bald, dass Quigley nicht tot ist und schickt immer wieder neue Leute auf die Suche, die Quigley stets auszuschalten vermag. Der Kreis zieht sich nach und nach enger um die Farm und auch wenn letztlich immer klar ist, wie der Film endet, so vermag „Quigley der Australier“ aufgrund der einer-nach-dem-anderen-Dramaturgie, in der auch nicht immer alles glatt läuft für den Protagonisten, konstant seine Spannung zu halten: Es ist weniger die Frage nach dem Was, als vielmehr die Frage nach dem Wie, die der Handlung ihre Motivation gibt. Quigley ist letztlich so etwas wie ein aus der Zeit gefallener Superheld: Er kann mit seinem aufgerüsteten Gewehr schier irrsinnig gut schießen, was er auch immer wieder unter Beweis stellt, findet aus den meisten brenzligen Situationen einen Ausweg und ist nebenbei noch moralisch integer.

„Quigley der Australier“ hat zwar einige äußerst dramatische, aber immer wieder auch humorige Momente, gerade im Rahmen der Reibereien und Wortgefechte zwischen Quigley und Cora, die beide wie in einer RomCom erst merken müssen, dass sie eigentlich ziemlich gut zueinander passen. Der Film ist ein äußerst unterhaltsamer Quasi-Western mit einer politisch durchaus progressiven Note, sehr guten Darstellern und immer wieder fantastischen Bildern, die erneut unter Beweis stellen, dass es sich atmosphärisch lohnt, on location zu drehen und Studiokulissen zu vermeiden.

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Die Edition: capelight pictures veröffentlicht „Quigley der Australier“ in der altbekannten und -bewährten Mediabook-Reihe im schicken matten Look, wie immer mit Booklet (zudem erscheint der Film als Single-DVD). Als Bonus gibt es ein Interview mit Cora-Darstellerin Laura San Giacomo, ein sehr interessantes Featurette über die Waffen des Filmes und die Frage ihrer historischen Akkuratesse sowie die üblichen Trailer.

Autor: Jakob Larisch

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