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Polaroid (2019) Review

© capelight pictures

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Die Gefahren des Digitalen sind eigentlich ein zuverlässiger Stichwortgeber für das Horror-Genre, das sich ja mit Ängsten aller Art auseinandersetzt. Was liegt hierbei näher als die Angst vor unkontrollierbarer Technik? Filme wie „The Call“ (2003), dessen Remake „Ein tödlicher Anruf“ (2008), „Antisocial“ (2013). „Unkown User“ (2014), „Unfriend“ (2016) oder die Stephen-King-Verfilmung „Puls“ (2016) beschäftigen sich alle auf die eine oder andere Weise mit den Tücken und Gefahren moderner Technik. „Polaroid“ hingegen dreht diese Prämisse um: Hier ist es nicht das Digitale, sondern das Analoge in Gestalt einer Sofortbildkamera, aus dem das Grauen erwächst. Der Blick auf eine technisierte Gegenwart wird durch den Blick in die Vergangenheit abgelöst, die ihren Einfluss immer noch auf finstere Weise geltend zu machen weiß. Was auf dem Papier nach einer spannenden Idee klingt, erweist sich jedoch als Rohrkrepierer.

Der Film basiert auf einem gleichnamigen Kurzfilm, ebenfalls von Regisseur Lars Klevberg. Der Transfer von Kurz- zu Langfilm, der bei „Lights Out“ (2016) noch funktionierte, stößt hier allerdings an seine Grenzen. Die Ausdehnung auf 90 Minuten tut der Handlung um eine von einem Geist besessene Polaroid-Kamera, die jeden dem Tod ausliefert, der von der Kamera fotografiert wird, nicht gut, auch weil das eigentliche Rätsel rund um die Kamera viel zu sehr im Hintergrund steht und erst im letzten Drittel des Filmes in den Fokus rückt. Bis dahin tritt die Story meist auf der Stelle und das, obwohl die verschiedenen Protagonisten schnell von der übernatürlichen Natur der Sache überzeugt sind. Die für entsprechende Horrorfilme so nervigen „ich glaube dir/euch nicht, das ist doch nicht möglich“-Momente bleiben einem daher immerhin erspart. Die Rolle der Nervensäge übernimmt stattdessen Devin (Keenan Tracy), der sich in Fremdbeschuldigungen ohne Grundlage ergeht und den Rest der Gruppe rund um die Protagonistin Bird (Kathryn Prescott) auch schon einmal unnötig in Gefahr bringt. Möge er doch die Klappe halten, denkt man, was für einen Horrorfilm kein gutes Omen ist. Und dann sagt er auch noch: „Ich komme gleich wieder.“ „Scream“ (1996) wäre stolz.

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Der Film denkt zudem kaum über standardisierte Genremuster hinaus. Die zahlreichen Jump-Scares sind in vielen Fällen maßgeblich antizipierbar, es fehlt meist an Ideen, sie wirklich erschreckend zu machen. Immer wieder läuft es so ab: Irgendetwas Ungewöhnliches passiert, eine Figur geht dem Ganzen nach, hinter ihr bewegt sich etwas, Umschnitt auf das Gesicht der Figur, Soundebene wird leise, 3, 2, 1 – Schreckmoment. Der Film macht es sich dabei selbst sehr leicht, indem natürlich fast jede Person, die dies betrifft, die Existenz von Lichtschaltern vergisst. Einmal lässt sich das eventuell noch verzeihen, doch drei, vier, fünf Mal? Nicht einmal eine dramaturgische Erklärung wird geboten, wie beispielsweise Stromausfälle oder eine Manipulationen des Stromnetzes. Nein, im Dunkeln lebt es sich anscheinend leichter. Und es stirbt sich häufiger. Auch hier sei der Verweis auf „Lights Out“ erlaubt, der seinen Charakteren einen gesunden Menschenverstand mit an die Hand gab und trotzdem ein guter Film war. Was passiert, wenn im Bad das Licht anfängt zu flackern und man bereits weiß, dass eine übernatürliche Entität im Haus ist? Richtig, man geht einfach aus dem Raum. Teresa Palmer macht es vor.

Auch inszenatorisch weiß Klevberg offensichtlich nicht, was er mit seinem Breitwandformat anfangen soll. Zwar gibt es durchaus einige gelungene Einstellungen, doch alles in allem ist das zu wenig, um eine kohärente und vor allem spannende Atmosphäre erzeugen zu können. Sogar solche Szenen, die geradezu nach einem Spiel mit verschiedenen Bildebenen rufen, sind eher einfallslos inszeniert. Die spannendste Idee des Filmes, dass alles, was man mit den Fotos anstellt, sich auf die darauf Abgebildeten überträgt (so wird an einer Stelle versucht, das Foto einfach zu verbrennen, mit dem Resultat, dass der Arm der fotografierten Person Feuer fängt), wird kaum weiter verfolgt und ist lediglich am Ende relevant, wobei die Charaktere natürlich sehr lange brauchen, bis sie zur Auflösung kommen. Fotos, die den Tod einer Figur prognostizieren: Das hatte „Final Destination 3“ (2006) deutlich spannender und kreativer hinbekommen.

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Am Ende geht alles wieder seinen geordneten Gang, das Trauma ist bekämpft, die Vaterfigur ist überwunden, das Halstuch ist ab (dieser Kommentar wird nach Sichtung des Filmes verständlich) und das Vertrauen in staatliche Institutionen ist wiederhergestellt. „Polaroid“ lässt auch noch den kleinsten Teil Subversion vertrocknen, der eigentlich schon nicht wirklich einer gewesen wäre. Und das Analoge? Ließen sich einige Szenen als Ansatz eines Kommentars auf technischen Fortschritt lesen (so weiß die oberflächlich-fiese KlischeeMitschülerin natürlich nicht, dass man Polaroid-Fotos an der Luft schwenken muss, um sie zu entwickeln), verpufft all dies jedoch wie ein Blitzlicht in der Sommersonne. Die implizite Verknüpfung des negativen emotionalen sowie historischen Ballastes der Vergangenheit mit analoger Technik ist eine problematische Sicht des Filmes auf die gesellschaftlichen Gegebenheiten, denn das Analoge bedeutet im Gegensatz zum Digitalen vor allem eines: Freiheit.

Autor: Jakob Larisch

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