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Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen (2018) Review

Schon 2016 konnte man sich mit Blick auf „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“ fragen, ob es denn sowohl J.K. Rowling als auch Warner Bros. wirklich nötig hätten, ein im Harry-Potter-Universum angesiedeltes Schulbuch (das es immerhin auch in der „realen Welt“ in Buchform gibt, wenn auch unter 100 Seiten lang) zu verfilmen. Doch wo Geld zu holen ist, ist Geld zu holen und so wurde der entsprechend betitelte Film zu einer Vorgeschichte der in den sieben Romanen und acht Filmen geschilderten Ereignisse umgeformt, mit einer erstaunlich guten Besetzung, nebenbei bemerkt. Zwar merkte man dem fertigen Werk seine ökonomische Fundierung definitiv an, allerdings war er eine leidlich launige Revue komödiantischer Momente, die immer dann ganz nett funktionierte, wenn man sich nicht bemühte, die sehr dünn gestrickte Handlung weiterzuverfolgen. Teil 1 war dabei an einer dramaturgischen Schnittstelle angesiedelt: Zum einen ging es darum, dass der von Eddie Redmayne gespielte Protagonist Newt Scamander seine titelgebenden magischen Tierwesen, die ihm in New York entflohen waren, wieder einsammeln musste, zum anderen wurde bereits der erweiterte Blick auf ein ein (neues) ganzes Franchise deutlich, denn die Geschichte um den bösen Zauberer Grindelwald (Johnny Depp), die wiederum nichts mit dem anderen Handlungsbogen zu tun hatte, sah sich lediglich angeschnitten. Im nun erschienenen Teil 2 wird sie zwar fortgeführt, aber nur sehr rudimentär, schließlich muss noch genug für die weiteren drei geplanten Filme zu erzählen bleiben. Doch fehlt hier die Story, welche ausschließlich in diesem Film aufgeworfen und auch gelöst wird (wie eben die Handlungslinie um das Wiederfinden der Tierwesen in Teil 1), so dass man eher den Eindruck eines Brückenfilms bzw. einer viel zu langen Serienepisode erhält.

Es ist spürbar, dass „Harry Potter“-Autorin J.K. Rowling, die in beiden Teilen alleinig für das Drehbuch verantwortlich war, sich sehr bemühen muss, um noch etwas halbwegs Interessantes erzählen zu können. Zwar geht es eigentlich um Grindelwalds Griff nach der Macht (er möchte, dass die Zauberer sich nicht mehr verstecken müssen und sieht die Nicht-Zauberer als ihnen untergeordnet, was wiederum zu Konflikten in der Zauberergemeinschaft führt), doch das Ganze wird derart gedehnt, dass man am Ende des Films eigentlich nur einen kleinen Schritt weiter ist als am Anfang. Zudem drängt sich der Eindruck auf, das alles schon einmal gesehen zu haben: So sind in der Konstellation um die Magierinnen und Magier, die sich und ihre Welt verstecken müssen, eindeutig die Comicfiguren der X-Men zu erkennen, nur ohne die progressive Note, welche die im Kontext der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung zu lesenden Marvel-Mutantenfiguren ausmacht. Auch stellt sich die berechtigte Frage, ob Grindelwald nicht einfach nur ein Voldemort-Neuaufguss ist, schließlich ist die Geschichte um den einen, unglaublich mächtigen bösen Zauberer, der seine Anhänger neu versammelt und dem eigentlich nur Albus Dumbledore (hier verkörpert von Jude Law) ebenbürtig ist, doch exakt das, was schon in den sieben Harry-Potter-Büchern (und den entsprechenden acht Filmen) durchgespielt wurde. Der dort jedoch einmal unter einem frischen Blickwinkel durchgespielte und (zumindest in den Büchern) sehr vielschichtig erdachte Kampf zwischen Gut und Böse, der in einer Welt angesiedelt war, die sich direkt neben der unseren befindet und ihr dabei gar nicht so unähnlich ist, wird hier mit mehr Effektgewitter einfach nochmal neu und platter aufgegossen. Stichwort Effekte: Auch wenn Regisseur David Yates mit ein, zwei netten visuellen Spielereien aufwartet, so ist doch gerade die erste größere Actionszene unfassbar schlecht und unübersichtlich in Szene gesetzt. Auch später im Film ist in einigen Momenten der Greenscreen mehr als deutlich sichtbar.

Da man (wie erwähnt) noch drei weitere Filme füllen muss, ist das einzige, was hier eigentlich tatsächlich gelöst wird, das Geheimnis um die Herkunft des „Obscurus“ Creedence (Ezra Miller). Ansonsten wirken die Beziehungen zwischen den Figuren meist träge und konstruiert; wer wann mit wem wie in Verbindung tritt und vor allem zu den passenden Zeitpunkten wo auftaucht, wer welche Fehler in genau den falschen Momenten macht, geht vollkommen in Willkürlichkeit auf. Dies überträgt sich auch auf das Herzstück der Filme: die Zauberei. Hier liegt der größte Schwachpunkt von „Grindelwalds Verbrechen“: War in den Harry-Potter-Büchern und -Filmen stets mehr oder weniger klar, was mit Hilfe von Magie funktioniert und was nicht, so können hier alle Zauberer zu jedem Zeitpunkt immer genau das, was sie gerade brauchen oder eben genau das nicht, was sie gerade brauchen, je nachdem, wie es das sich sehr einfach machende Drehbuch erfordert. Dadurch rutscht das meiste, was passiert, vollkommen in Beliebigkeit ab, so dass auf dieser Ebene kaum Spannung entsteht. Wenn dann auch noch der Showdown nicht hält, was ein Showdown eigentlich halten sollte, da es kein Showdown ist und Grindelwald all seine Anhänger in Paris zusammenkommen lässt, nur um die Veranstaltung (aus äußeren Gründen) nach gefühlt zwei Minuten wieder aufzulösen, woraufhin der Film sehr rasch zu seinem Ende eilt, ohne irgendwie einen möglichen Bombast auszuspielen, dann wirkt das Ganze wie eine vertane Chance. Wenn schon auf der Story-Ebene nicht viel passiert, hätte man das durch große Bilder eventuell noch ein klein wenig kaschieren können. Aber sowohl Rowling als Drehbuchautorin wie auch Yates als Regisseur sind schlicht zu einfallslos, um den Film auf dieser Ebene interessant zu machen. Auch der Ausflug nach Hogwarts wirkt dabei nur wie eine in den Film gequetschte Fan-Fiction, einen Sinn hat das Ganze nicht wirklich. Zwar gibt es ein, zwei nette Anspielungen auf das Harry-Potter-Universum, diese sind jedoch nicht zahlreich genug, um dem Film eine Art postmoderne Meta-Ebene zu verleihen und verpuffen daher meist sehr schnell.

Zudem werden die einzigen beiden Figuren, die Potenzial für interessante dramaturgische Wendungen geboten hätten, vollkommen verheizt: Zum einen Leta Lestrange (Zoë Kravitz), verlobt mit Newt Scamanders Bruder Theseus (Callum Turner), eigentlich jedoch verliebt in Newt, hin- und hergerissen zwischen Loyalitäten und gequält durch eine im Laufe des Films enthüllte und sehr dramatische Hintergrundgeschichte, die jedoch nur erwähnt, aber nie konstruktiv ausgespielt wird. Hier geht dann doch einmal ein Riss durch eine Figur, hier könnten einmal Reibungen und Spannungen entstehen, doch Leta taucht nur dann auf, wenn das Drehbuch wirklich nicht auf sie verzichten kann. Schade. Die andere Figur ist Nagini (Kim Soo-hyun), bekannt als Voldemorts Schlange, hier noch in menschlicher Gestalt, die mit Creedence zusammen aus einem Zirkus flieht, der sie als Attraktion ausstellt. Auch sie ist ein gebrochener Charakter, auch sie böte Potenzial für interessante Wendungen, zumal man ihr bereits bekanntes Schicksal hier ausnahmsweise einmal sinnvoll einsetzen könnte. Das Ende legt gleichwohl nahe, dass man von ihr vermutlich noch etwas mehr sehen wird. Immerhin. Doch darf keine Figur auf Dauer ambivalent sein, das würde nicht zum sehr einfachen Weltbild von Rowling passen. „Ich habe meine Seite gewählt“, sagt Newt passenderweise am Ende zu seinem Bruder, es gibt nur Gut und nur Böse und kaum moralische Graustufen, die für etwas Spannung, geschweige denn Unvorhersehbarkeit sorgen könnten. Jude Law und Johnny Depp sind es, die neben den gerade genannten, jedoch nicht genutzten Ansätzen in der Figurenzeichnung schließlich dafür sorgen, dass der Film nicht vollends abstürzt. Ersterer strahlt als junger Dumbledore in jeder seiner Szenen die der Figur eigene Würde aus, so als könnte ihn nichts aus der Ruhe bringen. Depp wiederum genießt es sichtbar, den Antagonisten zu spielen und trägt mit entspannter Lockerheit all seine Szenen mit spielerischer Energie. Beide geben dem Film ein Mindestmaß an Format, dagegen muss auch ein eigentlich exzellenter Darsteller wie Eddie Redmayne zurückstecken, der seine Figur mit all seinen Ticks mittlerweile allerdings perfekt beherrscht.

Es will etwas heißen, wenn es in einem Film, der in seinem Titel immerhin vor dem Doppelpunkt den Terminus „Phantastische Tierwesen“ trägt, eigentlich nicht mehr um selbige geht. Auch sie verkommen rein zu einem Mittel zum Zweck, die im ersten Teil noch in einigen Momenten durchaus angespielte inszenatorische Kreativität, die mit ihnen einherging, wird vollends reduziert, außer ein paar obskuren Kreaturen schlägt der Titel nur noch die Brücke zum Buch aus der Buchvorlage. Der glattpolierte Film atmet seine ausschließlich ökonomisch fundierte Entstehungsgeschichte quasi auf das Publikum herab und gibt sich nicht einmal mehr durch beispielsweise den Fokus auf Humor (wie noch Teil 1) die Mühe, das zu verbergen. In jeder Sekunde hört man quasi das Geld in den Taschen von Warner Bros. klimpern und so fragt sich, ob das Tierwesen des Nifflers, der gerne glänzende Wertgegenstände hortet, nicht ein selbstreflexives Moment der Produktionsfirma darstellt. Wenn J.K. Rowling so weitermacht, zerstört sie mit den „Phantastische Tierwesen“-Filmen am Ende ihr eigenes literarisches Erbe.

Autor: Jakob Larisch

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