Hinterlasse einen Kommentar

Personal Shopper (2016/2017) Blu-ray-Kritik

© Weltkino / Universum Film

© Weltkino / Universum Film

Man muss Kristen Stewart wirklich zu Gute halten, dass sie es tatsächlich geschafft hat, sich aus dem Gefilde des Jugendfilms erfolgreich zu lösen und im Gegensatz zu ihrem damaligen „Twilight“-Co-Star Robert Pattinson – dessen nennenswerteste Errungenschaften bisher leider noch seine Rolle als Lawrence von Arabien in Werner Herzogs langweiligstem Film und die zweifache Besetzung in den unwichtigsten Cronenberg-Streifen bleiben – Rollen an Land zu ziehen, die auch die Fachpresse zu überzeugen wussten. So konnte „Personal Shopper“, ihre zweite Kooperation mit dem alteingesessenen Regisseur Oliver Assayas, in Cannes einen Preis erringen (für die beste Regie); ihr voriger Film „Die Wolken von Sils Maria“ war für die Goldene Palme nominiert. Während Stewart vor einigen Jahren noch als verblasste Nervensäge von ähnlich blassen Männern mit Superkräften durch die Gegend getragen wurde, drehte Assayas seinen fünfeinhalbstündigen Dreiteiler „Carlos – Der Schakal“ über den Revolutionär / Terroristen mit ebenjenem Spitznamen. Seitdem sind beide Performances wieder deutlich handlicher geworden – „Personal Shopper“ kommt in kompakten 105 Minuten in die Heimkinos.

Als ein „Personal Shopper“ – quasi ein Handlanger, der für die reiche Prominenz Klamotten und Schmuck für schicke Galas und Fashion Shows besorgt – taumelt Maureen (Kristen Stewart) durch die Tage in europäischen Großstädten. Mit einem Gemisch aus dezent in ihr aufkochendem Neid, einem direkt gerichteten Hass auf die selbsternannte Modekönigin, der sie assistiert, aber immer einer sehr kühlen Distanz erledigt sie ihre Botengänge, die fast schon eine träumerische Qualität haben. In ihrer aufgeriebenen Attitüde, die immer versteckt bleibt hinter der ständig ausgestrahlten Unterkühlung, wirkt Maureen stetig fehl am Platz in einer Welt, in der sie als Mensch eigentlich keinen Wert hat.

Doch auch in ihrem Privatleben kennt Maureen keine Nähe mehr. Ihr Freund befindet sich tausende Kilometer weit entfernt für ein Projekt im Oman und von einer Familie ist kaum die Rede. Lediglich ihr Zwillingsbruder Lewis schien ihr und seinem restlichen Umfeld sehr nahe zu stehen und einen großen Eindruck zu hinterlassen. Nachdem dieser etwa vor drei Monaten verstarb und seine Freundin sein Haus verkaufen möchte, soll Maureen darin nach Zeichen suchen, die Lewis ihr geben könnte. Beide sehr spirituell veranlagt, planten sie schon zu seinen Lebzeiten, dass der, der zuerst sterbe, dem anderen eine Nachricht aus dem Jenseits zukommen lässt. In Einsamkeit und der Suche nach etwas scheinbar Ungreifbarem wird Maureen immer weiter befangen, bis sie sich schließlich in Paranoia und Gedanken an die Übernatürlichkeit zu verlieren scheint.

© Weltkino / Universum Film

© Weltkino / Universum Film

Was in einer nüchternen Beschreibung doch recht kitschig und aufgesetzt daherkommt, ist in Wirklichkeit sehr organisch gelöst. Der Genremix aus Drama und psychologischem Thriller gelingt „Personal Shopper“ einwandfrei und begleitet Kristen Stewart als die verträumte und apathische Assistentin durch ihre surreale Welt. Ihre androgyne und kühle Ausstrahlung tragen nicht unwesentlich dazu bei, denn besonders während der punktuell gesetzten und bisweilen hart treffenden Gefühlsausbrüche, die Maureen schwer verstecken kann, kehrt letztlich doch der Mensch aus der sonst nur anwesenden Hülle, die sich nirgendwo so recht zu verorten weiß. Schön gelöst durch viele gleitende Kamerafahrten und die stetige Begleitung einer nervlich zusehends aufgeriebenen Performance von Kristen Stewart gelingt es „Personal Shopper“, die spirituelle Geisterwelt im Alltag mitzuerleben, um sie jäh mit der Panik, die Maureen vor dem Unbekannten und der Zukunft einholt, zu stören. Auch am Ende des Films wird nichts so richtig klar, alles schwebt im luftleeren Raum, ohne dass viel einer „Auflösung“ gegeben würde. Vielleicht wird vor allem im letzten Drittel etwas zu stark mit der Ambivalenz der Dinge gespielt, indem sie dem Zuschauer immer wieder recht deutlich  vor Augen gehalten wird, aber insgesamt fühlt sich der Film doch recht stimmig an. Mag mit „Personal Shopper“ weder für den Arthouse-Film noch für den Thriller ein Meilenstein geschaffen sein, so bleibt er doch ein handwerklich mehr als solider und intelligent umgesetzter Film mit tollen Performances und einem Ansatz, den man nicht alle Tage sieht. Und mehr braucht es manchmal gar nicht.

© Weltkino / Universum Film

© Weltkino / Universum Film

Die Edition: Für eine „normale“ Blu-Ray kann sich das Aufgebot gut sehen lassen. Bild und Ton sind einwandfrei (lediglich eine englische Untertitelspur wäre nett gewesen), es gibt eine Hörfilmfassung, was immer eine schöne Sache ist, und neben Trailern ist auch ein Interview mit Kristen Stewart und zwei kurze Film-im-Film-Segmente als Extras vorhanden, was man lobenswert erwähnen sollte. Nicht nur kann man dabei etwas über Hilma af Klint – Pionierin der abstrakten Malerei – lernen, sondern auch eine Darstellung eines 60er-Jahre TV-Films bewundern, die wirklich nett anzuschauen ist. In diesem Fall also keine Wagenladung an Extras, aber immerhin liebevoll ausgewählt und das ist am Ende doch besser als ein zusammengewürfeltes „Behind-the-Scenes“ oder ähnliche Spirenzchen.

Autor: Janosch Steinel

Leave a Reply