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Outrage Coda (2017/2018) Blu-ray-Kritik

© capelight pictures

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Die „Coda“ soll es sein, also der Abschluss, das Ende. Mit „Outrage“ begann 2010 die Geschichte um den Yakuza Otomo, gespielt von Regisseur Takeshi Kitano selbst, wurde 2012 mit „Outrage Beyond“ fortgeführt und findet nun mit „Outrage Coda“ ihr Finale. Kitano, der im Laufe seiner stattlichen Karriere sonst nie Fortsetzungen gedreht hat, entwirft mit dieser Trilogie ein Epos, welches das in Japan sehr populäre Genre des Yakuza-Films (vergleichbar mit den eher US-amerikanisch geprägten Mafia-Filmen) modernisiert, vielleicht gar weiterentwickelt hat.

Kitano bleibt sowohl sich als auch den beiden Vorgängerfilmen treu, er entwickelt die Story konsequent weiter, anstatt sie schlicht jedes Mal neu aufzugießen. Wurden bereits in „Outrage Beyond“ nur einige (dafür sehr zentrale) Charaktere aus „Outrage“ übernommen und viele neue Figuren eingeführt, so setzt sich dies mit „Outrage Coda“ nun fort: Auch hier gibt es jede Menge Neuzugänge und lediglich wenige bekannte Gesichter aus Teil 2, mit Ausnahme des Protagonisten Otomo findet sich zudem kaum eine personelle Konstante zurück zu Teil 1, was in Anbetracht des in jedem Film enorm hohen Bodycounts auch kaum zu überraschen vermag. Dieses dichte Netz an Figuren trägt dazu bei, dass man die Trilogie fast schon als eine Art Saga wahrnimmt, da Kitano ein umfangreiches und teils sehr komplexes Beziehungsgeflecht auf die Beine stellt. Konstant kommen neue personelle Verbindungen zum Vorschein, verbündet sich an der einen Stelle jemand neu, während an anderer Stelle ein Bündnis gelöst bzw. in der Regel ziemlich gewaltsam und rücksichtslos aufgekündigt wird. Nicht immer werden alle geschmiedeten Intrigen auf Anhieb deutlich gemacht, stattdessen wird mehrfach ein produktives Überraschungsmoment ausgespielt, wenn etwa das Publikum von einem neuen Schachzug eines Charakters ebenso überrascht ist wie der Rest der Figuren. Nicht nur deswegen lädt die Trilogie definitiv zu einer Zweitrezeption ein, da sich mit entsprechendem Vorwissen im Kopf teils ganz neue Perspektiven auf das Geschehen ergeben können.

Vor allem bleibt ein zentrales Motiv der Reihe erhalten: Rache. Die „Outrage“-Trilogie hat weniger etwas mit der im Gangsterfilm häufig anzutreffenden Rise-and-Fall-Mythologie zu tun, die Erfolg und Aufstieg sowie Niedergang und Absturz einer entsprechenden Gangster-Figur behandelt (klassisches Beispiel: „Scarface“ von Brian De Palma), zumindest nicht mit Blick auf ihren Protagonisten. Otomo ist zu Beginn des ersten Filmes ein eher kleiner Yakuza, so dass er eigentlich die prototypische Aufstiegsposition innehätte, doch der Erfolg bleibt aus, stattdessen folgt durch diverse Intrigen der Absturz aus einer Position, aus der er kaum möglich erschien. In „Outrage Beyond“ rückt das Rache-Motiv ins erzählerische Zentrum, wenn Otomo durch den korrupten Polizisten Kataoka (Fumiyo Kohinata) natürlich nicht ganz uneigennützig die Möglichkeit erhält, für jene Intrigen Vergeltung zu üben. Nun, im dritten Teil, hat sich Otomo unter dem Schutz des Geschäftsmanns Chang (Tokio Kaneda) eigentlich nach Südkorea ins Exil begeben, doch durch eine Verkettung von Ereignissen sieht er sich gezwungen, nach Japan zurückzukehren, wo er sich bald inmitten weiterer Intrigen und wechselnder Bündnisse wiederfindet. Otomo wäre jedoch nicht Otomo, wenn er nicht die Möglichkeit nutzen würde, seine Rache fortzusetzen.

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Wie bereits in den beiden ersten Teilen geht es auch in „Outrage Coda“ um den Kampf der Tradition gegen die Moderne. Otomo ist ein Yakuza der alten Schule, enorm brutal, sich jedoch noch an einen gewissen Ehrenkodex haltend. Mittlerweile werden allerdings auch die Yakuza nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten geführt, in „Outrage Beyond“ bereits angedeutet durch den Clan-Anführer Kato (Tomokazu Miura), der sowohl als Geizkragen bezeichnet wird wie auch tatsächlich als solcher agiert sowie dessen Untergebenen Ishihara (Ryo Kase), der beginnt, die Geschäfte der Yakuza in den Finanzsektor auszulagern. Diese Entwicklung nimmt „Outrage Coda“ auf, hier ist es nun der Yakuza-Boss und Geschäftsmann Nomura (Ren Osugi), der kein „richtiges“ Mitglied der Yakuza ist, sich nicht entsprechend seinen Weg an die Spitze geebnet hat und seine Position lediglich an ökonomisches Denken koppelt. Mehrfach wird dann auch Otomos Vorstellung von Ehre und Loyalität als altmodisch bezeichnet, doch Kitano macht bei aller Ambivalenz seiner Charaktere deutlich, dass man sein Handeln auf diese Weise zumindest an einem gewissen (moralischen?) Fixpunkt ausrichten kann, wohingegen er einem auf reine Wirtschaftlichkeit ausgerichteten Handeln schlicht jegliche Moralität abspricht. Nichts Gutes hält diese Form der marktwirtschaftlich orientierten Moderne folglich bereit, wenn – so „Outrage Coda“ – sogar das organisierte Verbrechen ein ausgeprägteres Regelwerk zu besitzen scheint, das zwar vor Gewalttaten wahrlich nicht zurückschreckt, aber immerhin noch zumindest eine gewisse Sicherheit in Bezug auf Aktion und Reaktion mit sich führte.

Und auch wenn „Outrage Coda“ nicht vollkommen das Niveau der beiden enorm starken Vorgängerfilme erreicht, zumal der dramaturgische Anker, um Otomo erneut in die Auseinandersetzungen rivalisierender Yakuza-Clans zu verwickeln, etwas dünner ist als noch in „Outrage Beyond“, so ist dies Kritik auf hohem Niveau, denn auch der dritte Teil von Kitanos Epos ist virtuos inszeniert und prägnant erzählt. Was eventuell noch viel wichtiger ist: Er ist definitiv ein würdiger Abschluss der Trilogie, zumal es wenig sinnvoll wäre, ihn als singulären Film zu betrachten. Um „Outrage Coda“ auch nur in Ansätzen folgen zu können, ist es zwingend notwendig, die beiden ersten Teile zu kennen. Erweitert man den Blick folglich auf die fulminante dreiteilige „Outrage“-Erzählung als Ganzes, die einmal mehr Kitanos Vielschichtigkeit als Regisseur unter Beweis stellt, so vermag diese sowohl als eine stimmige Einführung in das japanische Kino als solches zu fungieren wie auch gleichermaßen eine adäquate diesbezügliche filmhistorische Vorkenntnis zu bedienen.

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Die Edition: Mittlerweile dürfte bekannt sein, dass capelight pictures das Kitano-Label Nr. 1 in Deutschland darstellt, was mit „Outrage Coda“ nochmals unterstrichen wird: Nahezu seine komplette Filmografie ist in der altbekannten und -bewährten Mediabook-Reihe erschienen, stets begleitet von einem Kitano-Bonusfilm auf Blu-ray (mit einer Ausnahme: „Das Meer war ruhig“ erschien als Beigabe zu „Outrage“ noch auf DVD), der wiederum in der Folge auch zu keinem Zeitpunkt singulär veröffentlicht wurde („Das Meer war ruhig“ stellt hier ebenfalls die Ausnahme dar, er erschien auch einzeln). Kitano-Komplettisten sollten also definitiv auf die Mediabook-Versionen zurückgreifen. Das Mediabook von „Outrage Coda“ (der parallel noch in einer Standard-DVD-Ausführung erscheint) enthält wie gewohnt den Hauptfilm auf DVD und Blu-ray sowie als Bonusfilm „Getting Any?“ (1994), der einen ganz anderen Kitano präsentiert. Jenseits des Trailers gibt es zwar kein weiteres Bonusmaterial, dafür aber ein sehr informatives Booklet von Daniel Wagner (der zuletzt bereits das Booklet zum ebenfalls von capelight pictures erstmals in Deutschland auf Blu-ray veröffentlichten Charles-Bronson-Film „Chatos Land“ (1972) verfasste), das „Outrage Coda“ in den filmhistorischen Kontext des japanischen Yakuza-Genres einordnet.

Autor: Jakob Larisch

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