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Oscar 2013 – Die Retrospektive

Wieder einmal ist es soweit: Die amerikanische Filmindustrie feiert unter enormem Aufwand sich selbst, das Zentrum der medialen Welt liegt für einen mit vielen Werbepausen versehenen Abend im Dolby Theatre in Los Angeles. Witzig soll die Veranstaltung sein, locker, ein klein wenig Selbstironie ist erlaubt, aber bitte nicht zu viel. Eine zumindest im Vorfeld angenehme Überraschung: „Family Guy“ Seth MacFarlane durfte das ganze Spektakel moderieren, seine respektlose Komödie „Ted“ schien die Herrschaften hinter den Kulissen davon überzeugt zu haben, dass die dringend nötige Verjüngungskur der Oscars in dem 39jährigen Komiker gefunden war.

MacFarlane dürfte sicherlich nicht alle enttäuscht haben. Der für seinen aufmüpfigen und provokanten Humor bekannte TV-Produzent schoss verbal durchaus ein wenig um sich, beleidigte hier und da jemanden, wagte es jedoch nicht, die hundertprozentige Sau rauszulassen. Sicher, im Gegensatz zum Veteranen Billy Crystal 2012 war MacFarlane geradezu erfrischend und seine Texte klangen definitiv nicht so schrecklich abgelesen wie bei Anne Hathaway und James Franco 2011. Jedoch gab es vermutlich im Vorfeld durchaus Hoffnungen, dass MacFarlane die Oscars ähnlich wie Ricky Gervais 2010 die Golden Globes von unten nach oben kehren, sämtliche Tabus hinter sich lassen und knallhart politisch inkorrekt sein würde, um sich der in gewissen Zügen selbstherrlichen und latent verkrusteten Strukturen zumindest bedingt zu entledigen. So weit ging MacFarlane nicht, aber auch wenn Ansätze da waren, scheinen die Oscars nach wie vor zu wichtig zu sein, um sie, anders als den „schmutzigen kleinen Bruder“ Golden Globes, einmal grundlegend zu reformieren.

Leider fehlte zu Beginn die traditionelle „Moderator schneidet sich in die nominierten Filme“-Montage, aber der Eröffnungsmonolog war nett anzuhören. Der unvermeidliche Witz über Ben Afflecks Nicht-Nominierung für den besten Regisseur kam relativ schnell, als sich plötzlich William Shatner als Captain Kirk per Leinwand von der Saaldecke meldete, um MacFarlane mitzuteilen, dass er aus der Zukunft käme und gesehen habe, dass letzterer als der schlechteste Oscar-Host aller Zeiten in die Geschichte einginge, unter anderem wegen eines im Musical-Style gesungenen Songs „We saw your Boobs“. Diesen nutzte der Moderator sogleich dazu, um aufzuzählen, welche weibliche Hollywoodstars in welchen Filmen bereits oben ohne zu sehen waren, nebenbei bemerkte, dass Jennifer Lawrence so weit noch nicht gegangen war und das Stück mit dem Abschlussgag beendete, dass Kate Winslet bereits zahlreiche Filme genutzt hatte, um ihre Oberweite zu präsentieren. Relativ schnell begann im Netz eine Debatte über sexistische Anwandlungen MacFarlanes, doch was ist letzten Endes sexistischer: Schauspielerinnen, die blankziehen, um in vielen Fällen ihre Karrierechancen zu erhöhen, oder ein Komiker, der das Auditorium darauf hinweist?

Die eigentlich Preisverleihung begann mit einer angenehmen Überraschung, die so groß eigentlich nicht war: Christoph Waltz bekam für seine zweite Kollaboration mit Quentin Tarantino seinen zweiten Oscar und zeigte sich in seiner Dankesrede erstaunlich gerührt und emotional. Die technischen Oscars wurden routiniert abgehandelt, Überraschungen gab es eigentlich keine, außer dass wegen Stimmengleichheit sowohl „Zero Dark Thirty“ als auch „James Bond 007: Skyfall“ mit dem Oscar für den besten Tonschnitt bedacht wurden. Begleitet wurde diese Prämierung von der vermutlich progressivsten Laudatio des Abends, welche Mark Wahlberg gemeinsam mit dem von MacFarlane kreierten Teddybär „Ted“ aus dessen gleichnamigem Film hielt. Ted war dann auch der einzige Laudator des Abends, der (erwartungsgemäß) über die Stränge schlug, eine jüdische Unterwanderung Hollywoods beschwor und die Aftershow-Party in eine Orgie uminterpretierte, deren Ort daraufhin von Mark Wahlberg ins Haus von Jack Nicholson verlegt wurde, wo Roman Polanski 1974 eine Minderjährige vergewaltigt haben soll.

Angenehm war in der Tat, dass es keinen Durchmarsch eines einzelnen Films gab und der am häufigsten prämierte Film „Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger“ lediglich vier Auszeichnungen auf sich vereinen konnte. Großer Verlierer des Abends war „Lincoln“, der von seinen zwölf Nominierungen lediglich zwei in Preise umwandeln konnte, von denen Daniel Day-Lewis irgendwie vorher schon feststand; Laudatorin Meryl Streep schien jedenfalls nicht sehr überrascht, als sie das Ergebnis bekanntgab. Auch ansonsten war vieles eher Routine: Einige Laudatoren sprachen frei, andere klangen wie aufgezogen. Das Mittelsegment, in welchem zumeist die Filme jenseits des Mainstream ausgezeichnet werden (Bester Kurzfilm, Bester animierter Kurzfilm, Bester Dokumentar-Kurzfilm, Bester Dokumentarfilm) schien ein Großteil der Celebrities möglichst schnell hinter sich bringen zu wollen. In den Laudatios gab es wenig Platz für Improvisation, lediglich Jennifer Lawrence, Nicole Kidman und Sandra Bullock wichen ein klein wenig vom Protokoll ab. Lawrence stolperte auf dem Weg zur Entgegennahme ihres Preises und baute diesen Fauxpas in ihre Dankesrede mit ein, Kidman wurde bei der Präsentation dreier Nominierungen für den besten Film von Applaus unterbrochen, den sie in eine spontane Ehrung der Filme umwandelte und Bullock schließlich bekam unter dem Schneiden von Grimassen ihren Umschlag für die Ehrung des besten Schnitts nicht auf.

Was war wenig überraschend? Klar, Daniel Day-Lewis als bester Hauptdarsteller für „Lincoln“. Anne Hathaway als beste Nebendarstellerin für „Les Misérables“. Adeles „Skyfall“ als bester Filmsong. Beste visuelle Effekte für „Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger“. Natürlich Michael Hanekes „Liebe“ als bester fremdsprachiger Film. Der im Gegensatz zu hyperaktiveren Bühnen-Ausgaben wie Jennifer Aniston angenehm entspannt wirkende Haneke machte bei seiner Dankesrede durch einen starken Akzent auf sich aufmerksam, agierte aber so, als könnte ihn nichts auf der Welt aus der Ruhe bringen. Und letztlich war auch „Argo“ als bester Film insbesondere nach den BAFTAs keine Überraschung, maximal „Lincoln“ wäre ein US-adäquater Ersatz gewesen. Zwei Mal Patriotismus, da fällt die engere Auswahl nicht schwer. Die Vergabe des Haupt-Oscars sorgte allerdings für den skurrilen Gipfel der Verleihung: Laudator Jack Nicholson schaltete live zu Michelle Obama ins Weiße Haus, die schlussendlich „Argo“ als Oscarpreisträger bekanntgab. Bei einem derartigen Film die Präsidentengattin der Vereinigten Staaten zu bemühen – irgendwie drängte sich der leichte Verdacht auf, dass gewisse Menschen das Ergebnis schon vorher wussten, denn natürlich ist ein solcher Umstand ein eindeutiges politisches Zeichen.

Was war überraschender? Vermutlich Jennifer Lawrence. Zwar war sie nie eine komplette Außenseiterin, jedoch hatten wohl die meisten mit der Auszeichnung von Jessica Chastain für „Zero Dark Thirty“ gerechnet, da diese im Gegensatz zu Lawrences Performance in „Silver Linings“ die einzige Hauptrolle ihres Films war und diesen Platz bei aller grundlegenden Kritik an Kathryn Bigelows neuestem Werk durchaus gut füllen konnte. Die Auszeichnung für die stets naseweis und frech wirkende Jennifer Lawrence ist jedoch trotz allem nicht unverdient, auch wenn sich bei „Silver Linings“ als Gesamtkonzept durchaus die Frage nach dem Sinn einer Nominierung für den „Besten Film“ stellt. Ang Lee als „Bester Regisseur“ bei Konkurrenz durch Steven Spielberg? Respekt, auch hier wäre eher mit einem Oscar für den Blockbuster-Altmeister zu rechnen gewesen, so „Lincoln“ schon nicht die Auszeichnung für den besten Film bekam. Schlussendlich natürlich Quentin Tarantino, der gegen durchaus namhafte Konkurrenz mit dem Preis für das beste Drehbuch zu „Django Unchained“ geehrt wurde und die erfrischendste Dankesrede des Abends hielt.

Was bleibt? Kristen Stewart sieht unglaublich fertig aus, ein baldiges Drogengeständnis würde nicht überraschen. Es wurde ein bisschen zu viel gesungen und getanzt, woher die plötzliche Begeisterung MacFarlanes für Revuetheater stammt, bleibt unklar. Jean Dujardin kann immer noch nicht wirklich Englisch. Daniel Radcliffe hat beim Tanzen Probleme, im Takt mit Joseph Gordon-Levitt und Seth MacFarlane zu bleiben. Dustin Hoffman macht Pro-Sieben-Red-Carpet-Sidekick Steven Gätjen für dessen idiotische Fragen auf launige Art und Weise fertig. Die „50 Jahre James Bond“-Retrospektive war irgendwie lieblos. Der „Avengers“-Cast sieht im Film deutlich besser aus in in Wirklichkeit. Channing Tatum weiß, wie schmerzhaft Hair-Waxing ist. Liam Neeson bezeichnet „Zero Dark Thirty“ als das reale Leben…da hat jemand seinen Job nicht verstanden, Filme sind Fiktion! Und final: Die Oscarverleihung lässt sich irgendwie mit dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen in Deutschland vergleichen: Bloß nicht zu viel Neues, keine Risiken, lieber bei alten Rezepten bleiben. Ja, Seth MacFarlane war diesbezüglich ein Schritt in eine andere Richtung, aber dann irgendwie doch nur ein halber. Wie ließe sich das für die Oscars 2014 ändern?
Hm…Ricky Gervais moderiert zusammen mit Ted?

Autor: Jakob Larisch

2 Responses to “Oscar 2013 – Die Retrospektive”

  1. 1
    Harun Says:

    Hut ab, Alter! But: when do you enjoy your studies? oder ist das alles Studium (Opium)? cu

  2. 2
    Nora Says:

    Wunderschöner Schreibstil!!!

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