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Org (1967/1978) DVD-Kritik

© Filmgalerie 451

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Wer schon immer meinte, die Filme Alejandro Jodorowskys enthielten zu viel von dieser so genannten Handlung; und wer Jean-Luc Godard für einen zu stringenten Erzähler hält; wer sich bei Stan Brakhage denkt: „Bitte das, nur mit Überlänge und Ton.“, der ist ein perfekter Kandidat für „Org“.

Dabei ist das so nicht ganz richtig. Denn technisch gesehen wird der fast dreistündige Experimentalfilm des argentinischen Regisseurs Fernando Birri durchaus von einer Handlung durchzogen. Wenn man sie im beiliegenden Booklet zur DVD durchliest, klingt sie auch mehr oder weniger schlüssig – im tatsächlichen Film sieht das schon anders aus. Die grundlegende Prämisse ist folgende: In der Welt nach der nuklearen Katastrophe reisen Zohommm, seine Freundin Shuick und ihr gemeinsamer Freund Grrr zusammen auf einen fremden Planeten für ein interplanetares Wochenende. Dort befragt Zohommm eine alte elektronische Ruine zum Stand seiner Beziehung – die kybernetische Sybille offenbart ihm jedoch wenig Erfreuliches, weshalb er sich selbst enthauptet. Als Grrr ihn auffindet, enthauptet er sich ebenfalls. In Trauer setzt Shuick die beiden wieder zusammen – vertauscht dabei aber die Köpfe der beiden (Zohommm und Grrr haben verschiedene Hautfarben – ob es sich also um eine absichtliche Verwechslung handelt, ist ungewiss). Durch die gemischten Gefühle zwischen den Dreien und das Ausschließen einer Ménage-à-trois muss der neue Grrr (auf dem Körper von Zohommm) von dannen ziehen. Das Paar ist zunächst glücklich und bekommt ein Kind, doch das Glück verblasst und sie suchen nach dem verschwundenen Grrr. Doch nach wie vor ist keine Lösung in Sicht für die Dreiecksbeziehung. Die verbleibende Möglichkeit ist der Freitod. Das Trio vernichtet sich selbst und hinterlässt dem Kind gemeinsam seine besten Eigenschaften (nochmal großen Respekt für das Booklet; aus dem Kopf wäre das unmöglich gewesen).

Nun muss man sich aber vorstellen, dass es sich hier nicht um ein Sci-Fi-Epos handelt, sondern, wie oben erwähnt, um einen Experimentalfilm, der in seiner Form nicht reiner sein könnte. Höchstens einzelne Passagen sind am Stück konstant verständlich; vieles muss mühsam aus Symbolen und Allegorien herausgearbeitet werden. Und das ist alles andere als einfach, denn allein schon die Gelegenheit, einen Schwenk in Gänze zu sehen, ist hier äußerst selten. Ein Großteil der zwei Stunden und 57 Minuten besteht aus sehr kryptischen Schnittsequenzen, Collagen von Bild und Ton; mit Bildern, die manchmal nur ein einzelnes Frame zu sehen sind. „Org“ ist in seiner Reinform einer der epochalsten Experimentalfilme, die jemals irgendwo im Universum über eine Leinwand gelaufen sind. Man muss nur ein paar Daten zitieren, um zu überblicken, welche Ausmaße der Film annimmt. Nicht nur verwendete man acht Monate auf die Vorbereitung des Films, sondern gab es einen Schneideprozess von 120 (!) Monaten, so dass mit zusätzlichen Effektbearbeitungen und Vertonung fast elf Jahre vergangen, bis „Org“ fertig war. 429 Mischbänder, 616 Vormischbänder und unglaubliche 26.625 Schnitte hat dieses Werk vorzuweisen. Im Jahr 1979 uraufgeführt, war die Langfassung weitestgehend unauffindbar, wurde aber in den letzten Jahren aufwendig restauriert und auf der Berlinale – 50 Jahre nach Beginn der Dreharbeiten – erneut aufgeführt.

© Filmgalerie 451

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Und in den fast drei Stunden, deren Kontinuität höchstens als essayistisch beschrieben werden kann, existieren so viele Ideen, Einfälle und Reflexionen, wie sie sonst kaum zu finden sind. Es lässt sich wirklich sehr schwer beschreiben, was alles in einem einzelnen Film passieren kann. Obskure Zauberer, planetarische Ausflüge in spacige Landschaften, eine komplett schwarzen Passage, in der nichts anderes vor sich geht, als dass der Name Grrr immer wieder und überlappend geschrien wird, eine Reflexion über Aufständische oder die „Universalgeschichte der Gewalt“.

Und in dieser zusammengeflickten Geschichte, die viele, viele Geschichten in sich hält, die alle aufgespalten sind in Bilder und Töne, könnte vielleicht zufällig wirken, was auf der Leinwand geschieht, doch wer sich mit Notizen Birris zu Dreh, Schnitt und Idee befasst, findet doch ein umfassendes Konzept, das allerdings beizeiten nicht minder kryptisch formuliert ist als der Film selbst. „Org“ wird selbst vom Regisseur als „Nicht-Film“ bezeichnet. Es ist eine Erfahrung, diesen Film zu sehen und wurde auch als diese konzipiert. Von der Struktur des schnellen Schnitts, um nur dem Auge selbst das Sehen der Gegenwart zu ermöglichen und sich der Erinnerung des Gehirns zu entledigen über die Idee, dass der Ton eigentlich so laut sein müsste, dass die Zuschauer den Saal verlassen bis hin zu einem Entwurf einer räumlichen Anordnung für die Uraufführung, die aber schließlich nicht umgesetzt wurde. Lose fundiert auf einer Thomas-Mann-Geschichte, die wiederum auf einer indischen Legende beruht, ist Birris „dunkles Opus Magnum“ ein pures audiovisuelles Konzept. „Org“ ist Wahnsinn, er ist Exil, er ist ein trauriger und finsterer Albtraum, eine mystische Farce und ein läuternder Sturz in den Abgrund der Gegenwart. Man muss es selbst erfahren, um daran teilhaben zu können – eine Experience, die in sich einzigartig, wenn auch nicht minder anstrengend ist.

Ein kleiner Wink der zusätzlichen Motivation sei jedoch abschließend gegeben: denn bisher wurde nicht erwähnt, wer den Protagonisten Zohommm verkörpert. Niemand anderes als Mario Girotti, der auch als Produzent tätig war, spielt eine der prägnanten Hauptrollen. Dem Publikum ist er besser bekannt als Terence Hill. Sogar seine Rolle aus „Gott vergibt… Django nie!“ darf wieder aufleben, wenn auch in einer eher parodistischen Form. Somit ist „Org“ nicht nur ein dreistündiger Experimentalfilm jenseits jeglicher Grenzen, sondern eine dreistündiger Experimentalfilm jenseits jeglicher Grenzen MIT TERENCE HILL! Und wer das nicht sehen will, der ist selbst schuld. Denn handelt es sich in keiner Weise um einen Film, der für ein Massenpublikum tauglich ist, bietet er doch ein Erlebnis, das sich so nicht reproduzieren lässt.

© Filmgalerie 451

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Zur Edition: Die DVD der Filmgalerie 451 ist überaus gelungen. Der Film liegt schön restauriert vor, mit deutscher und englischer Untertitelspur und enthält sehr interessante Extras. Neben dem Videoessay ist dabei abermals das überaus informative, sauber recherchierte Booklet zu erwähnen, das die Hintergründe noch weitaus mehr beleuchtet, als es hier Erwähnung fand. Es ist mit schön ausgewählten Bildern versehen und ebenfalls in englischer Sprache abgedruckt. Eine bessere Edition wird sich in diesem Umfang so schnell nicht finden lassen.

Autor: Janosch Steinel

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