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Oliver Stones „The Doors“ (1991) Review

© STUDIOCANAL

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Bevor es losgeht, habe ich zur Einstimmung eine kleine Playlist von „The Doors“-Songs zusammengestellt, um in das richtige Feeling für den Artikel zu kommen.

Ladies and Gentlemen, from Los Angeles California: The Doors

„Is everybody in?
Is everybody in?
Is everybody in?
The Ceremony is about to begin.
Wake up!
You can´t remember where it was
had this dream stopped?“

Der Film beginnt mit einer Rückblende auf ein tragisches Ereignis in Jim Morrisons Jugend. Er und seine Familie werden Zeugen eines tödlichen Autounfalls einer Indianerfamilie. Dieser Unfall brennt sich dem jungen Morrison in den Geist und wird ihn fortan begleiten. Die Haupthandlung setzt zu Morrisons Studentenzeit an der UCLA ein. Dort lernt er den jungen Keyboarder Ray Manzarek kennen, welcher ihn überredet, mit ihm eine Band zu gründen und Millionen zu verdienen. Drummer John Densmore und Gitarrist Robbie Krieger sind schnell gefunden, und schon ihre erste Single „Light My Fire“ steigt auf Nr. 1 der Charts des Jahres 1967 ein. Mit steigendem Ruhm der Band gerät Morrison aber immer mehr in einen Strudel aus Alkohol und Drogen, welche ihm nach und nach seine Zurechnungsfähigkeit rauben und ihn auf einen endlosen Abgrund zusteuern lassen.

Bevor ich zur tatsächlichen Bewertung des Filmes komme, ein paar Worte zum Autor. Ich habe die Musik der „Doors“ im Alter von 12 Jahren entdeckt und schätze sie bis heute als die wahrscheinlich einflussreichste Band meines Musikverständnisses. Ich habe jede Biografie der verbliebenen Bandmitglieder mehrfach gelesen und darf, neben den regulären Studioalben, auch ein paar extrem rare Vinylpressungen und Morrisons längst vergriffenen Gedichtband „An American Prayer“, mein Eigen nennen. Ebenfalls sehr aufschlussreich war Danny Sugermans Biografie „Wonderland Avenue“, welche seine langjährige Freundschaft mit Morrison aus der gänzlich anderen Perspektive eines heranwachsenden Teenagers nachzeichnet.

Oliver Stones „The Doors“ bekam ich noch lange vor DVD und Co. als Fernsehmitschnitt auf einer alten, ausgeleierten VHS in die Hände. Ich war damals mehr als begeistert von diesem Film und habe ihn mir, als die DVD dann Jahre später erschien, bestimmt mehr als einhundert Mal angesehen. Heute hat sich meine Sicht auf den Film jedoch drastisch geändert. Was mich damals so endlos begeistert hat und was meine Sicht des Films heute relativiert, folgt nun in der Besprechung.

Noch bevor man irgendeinen anderen Aspekt des Films anspricht, steht die Leistung Val Kilmers als zentrale Figur des James Douglas Morrison im Mittelpunkt. Nicht nur sein Aussehen, sein Acting, sondern seine Stimme ist es, welche den Film trägt. Bei einem direkten Vergleich mit den Originalaufnahmen und denen des Films kann man eigentlich nur durch das neue Sounddesign des Films einen Unterschied ausmachen. In diesem Film ist seine Stimme die von Morrison. Dies sagten auch die ehemaligen Mitglieder der „Doors“ über Kilmers Leistung. Es heißt sogar, dass Kilmer mehr als ein Jahr vor den Aufnahmen im Outfit Morrisons in dessen ehemaliger Wohnung gelebt haben soll, um sich die Rolle anzueignen. Eine bessere Besetzung hätte es nicht geben können.

„Awake,  Shake dreams from your hair
My pretty child, my sweet one.
Choose the day and choose the sign of your day
The day’s divinity
First thing you see.“

Oliver Stone sorgt auf der Seite der Regie für einen Filmfluss wie ein Wasserfall. Er jagt durch die Geschehnisse, als gäbe es kein Morgen mehr. Stone schrieb das Drehbuch nach der Rhythmik der jeweils verwendeten Songs, so dass eine perfekte Harmonie zwischen Bildern und Ton entsteht. Wenn zum ersten mal das Intro von „Light My Fire“ erklingt, entfesselt er einen Bilderstrudel der seinesgleichen sucht, um nur ein paar Szenen später in einer nahezu hypnotischen Drogensequenz zu „My Wild Love“ in der sprichwörtlichen Wüste fast zum Stillstand zu kommen. Die Szenerie gipfelt in einem kathartisch, orgiastisch anmutenden Auftritt der „Doors“ bei der legendären Liveaufführung von „The End“, als Morrison zum ersten mal seine Adaption der Ödipusgeschichte in die Welt hinausschrie. Der absolute Wahnsinn.

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Die Neuinterpretation der Musik ist im Vergleich zur originalen ein Tick dynamischer und viel basslastiger ausgefallen. Dies wird besonders bei einer Konzertsequenz deutlich, in der die Band „Not to touch the Earth“ spielt. Ich muss tatsächlich zugeben, dass mir diese Version sogar einen Spur besser gefällt als die Originale; und das will was heißen.

Richtig gelungen ist ebenfalls die Besetzung der restlichen Band. Kyle MacLachlan als Keyboarder Daniel Raymond Manzarek, Frank Whaley als Gitarrist Robby Krieger und Kevin Dillon als Drummer John Densmor sind ihren damaligen Ebenbildern mehr als ähnlich und liefern eine super Leistung ab. Selbst Meg Ryan als Pamela Courson Morrison legt eine überzeugende Darstellung hin, auch wenn ihr Charakter mit der echten Pamela nicht viel gemein hat. Was mir immer wieder ein Schmunzeln abverlangte, sind kleine Nebenrollen wie Tom Baker (Michael Madsen) oder Paul Rothchild (Michael Wincott). Den Vogel schießt aber Andy Warhol (Crispin Glover) ab: „Somebody gave me this telephone. They said that I can talk to God with it, but I don’t have anything to say. Here, this for you. Now you can talk to God.“

Man kann also sagen, dass „The Doors“ auch für „Nicht-Fans“ der Gruppe zumindest einen soliden, unterhaltenden Film mit einer Einladung zu einem Biergelage (oder in Morrisons Fall Whiskygelage) bietet. Doch dem wahren „Doors“-Fan(atiker) stoßen einige Sachen extrem sauer auf.

Was ich gerade eben schon sarkastisch formulierte, wird im ganzen Film leider als übelstes und total übertriebenes Klischee ausgelebt. Morrison wird zu einem dauersaufenden, drogenabhängigen, prolethaften Soziopathen, genannt Jimbo, degradiert. Gut, ich kannte den Menschen nicht persönlich, aber wie eingangs erwähnt, habe ich mich mit diversen Schriften zu seiner Person aus seinem engsten Umfeld vertraut gemacht und weiß, dass er viel mehr war. Eigentlich alle bis auf Densmore beschreiben ihn als einen äußerst intelligenten Mann mit einer unheimlichen Aura und einem leichten Drang zum Verwegenen. Nicht als ein „Ich“-fokussiertes Etwas auf der Suche nach dem nächstem Schuss. Morrison war, nicht nur in meinen Augen, ein missverstandener Poet, der wie viele seiner Zeit (Janis Joplin, Jimi Hendrix, Paul Jones, John Bonham) dem Druck der Öffentlichkeit und dem daraus resultierenden Hang zur Selbstzerstörung zum Opfer fiel. Außerdem empfinde ich es als eine Beleidigung der Band gegenüber, den gesamten Fokus des Films lediglich auf ihn zu legen. Es gibt nur eine kurze Szene von wenigen Sekunden, in welcher er nicht zu sehen ist. Es ist nun mal, wie der Titel schon sagt, die Geschichte der „Doors“; nicht die vom fiktiven Morrison.

„A vast radiant beach in a cool jeweled moon
Couples naked race down by it’s quiet side
And we laugh like soft, mad children
Smug in the wooly cotton brains of infancy
The music and voices are all around us.“

Des weiteren gibt es in dem Film mehrere Sequenzen, die Stone kaltschnäuzig zugunsten der Dramaturgie frei erfunden hat. Manzarek schrieb in seiner Biografie mit lauter Empörung über eine Szene auf der Party von Andy Warhol. In dieser bittet Morrison die anderen Bandmitglieder, welche den Abend in einem Restaurant verbringen wollen, ihn nicht zu verlassen, da er sich fürchtete, etwas könnte passieren („I don’t know what’s gonna happen, maybe death.“). Im Film weisen sie ihn einfach zurück und verlassen die Party, was im wahren Leben niemals passiert ist, da die Band, wie Mazarek es beschreibt, ein magisches Viereck bildete, das nur zusammen bestehen konnte. Keiner von ihnen hätte, auch während der größten Differenzen in der Band, jemals eine solche Bitte verweigert. Noch viel grotesker kommt eine Szene daher, in welcher Morrison seine Freundin Pamela in einen Schrank einsperrt, diesen anzündet und anschließend das Haus verlässt. Wie kommt man auf eine so bescheuerte Idee? Sie funktioniert noch nicht einmal auf der filmischen Ebene, da diese Szene keine Konsequenzen für die folgende Handlung hat. Vom Realitätsbezug ganz zu schweigen. Was soll das?

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Ebenso merkwürdig und äußerst beleidigend gegenüber der wahren Persönlichkeit ist die Rolle der Patricia Keneally. Diese wird im Film als Reporterin dargestellt, die Morrison zu Drogen verleitet und einen Keil zwischen ihn und Pamela treibt. Alles nur zur Dramatisierung, nichts davon ist wahr. Der größte Blödsinn ist die Hochzeitsszene zwischen den beiden.

Auch nicht schlecht an Einfallsreichtum ist ein zu Beginn gezeigter Studentenfilm Morrisons über Nazis, strippende Frauen und Schamanismus. Dieser Studentenfilm hat tatsächlich einmal existiert, gilt aber meines Wissens nach als verschollen. Manzarek schrieb dazu, das einzig Authentische an dem Film wäre, dass eine deutsche Frau darin vorkam. In dieser Szene tritt Stone übrigens als Cameo auf (der Lehrer).

Densmore und Krieger arbeiteten während den Dreharbeiten als Berater mit und gaben ihren filmischen Konterfeis sogar Unterricht an ihren jeweiligen Instrumenten. Wieso ihre Beratung zur Ausgestaltung der Konzertsequenzen gänzlich ungehört blieb, ist mir ein Rätsel, haben diese doch kaum etwas mit den nahezu mystischen Konzerten der „Doors“ gemein. Wahrscheinlich war dies auch der Grund, wieso Manzarek jegliche Beteiligung an dem Film strikt ablehnte und diesen nach wie vor als Film über eine fiktive Band ansieht; aber nicht über die „Doors“.

„Choose they croon the Ancient Ones
The time has come again
Choose now, they croon
Beneath the moon
Beside an ancient lake
Enter again the sweet forest
Enter the hot dream
Come with us
Everything is broken up and dances.“

Fazit Nummer zwei: Bereue ich es, den Film nach all den obskuren Darstellungen über hundert Mal gesehen zu haben? Definitiv nicht! „The Doors“ funktioniert als Film perfekt. Musik, Darsteller, Inszenierung und die fiktive Story passen hervorragend zueinander und entwickeln einen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. Dennoch würde ich mit meinem heutigen Wissen und vor allem der Bedeutung der Musik der „Doors“ für mich ihn wohl kein weiteres Mal anschauen, es sei denn…

Ich bin durch Zufall über einen Kommentar in der IMDb gestolpert: „Oliver Stone states in the commentary for the Director’s Cut that the concert sequences were based on the orgy scene in ‚The Ten Commandments‘.“ Was, es gibt einen Director’s Cut? Die deutsche Fassung weist eine Spielzeit von 134 Minuten auf. Mir war bis heute nicht bekannt, dass es noch eine andere Version geben würde. Recherchen förderten zutage, dass es ausschließlich in den USA eine 140-minütige Version gibt, und die kürzere dort als „Special Edition“ bezeichnet wird. Aber das war noch nicht alles. Im Zuge des zwanzigsten Geburtstages des Films veröffentlichte Arthaus eine neue Anniversary Edition. Diese hat laut den Angaben von Amazon eine Spielzeit von 147 Minuten. Glaubt mir, ich habe versucht, zu erfahren, worin hier die Änderungen bestehen sollen. Keine Chance. Da heißt es wohl kaufen, sehen, rausfinden. In diesem Sinne: „When the Music’s over, turn out the Lights.“

Nachtrag: Ich habe es tatsächlich getan und mir die neue Anniversary Edition bestellt. Und was soll ich sagen, Amazon schreibt Laufzeitangaben, wie es denen in den Sinn passt. Es handelt sich um die reguläre 134-Minuten-Kinoversion. Na ja, noch einmal „The Doors“ digital remastered gesehen, macht immer noch Spaß. Aufgrund der umfangreichen neuen Dokumentationen und der neuen Bild- und Tonqualität list diese Veröffentlichung durchaus zu empfehlen.

Autor: David Schröder

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