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Night Moves (2014) Review

© MFA

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Wenn Kelly Reichardt Filme dreht, dann ohne opulenten Vorspann. Kein Studiologo. Keine Fanfaren. Der Film beginnt einfach – wie es sich eben für einen Independent-Streifen gehört. Die Dozentin, die im Bundesstaat New York Film unterrichtet, kratzt sich ihre Finanzierungen selbst zusammen. Vielmehr arbeitet sie solange am Bard College, bis sie das Geld für ihre Filmwerke in der Tasche hat. Dass dabei keine Big-Budget-Projekte rausspringen, ist klar. Aber angesichts ihrer prämierten und wirkungsstarken Filmographie kann sie auch Stars wie Jesse Eisenberg, Dakota Fanning und Peter Sarsgaard für ihre Projekte begeistern.

Die minimalistische Produktion spiegelt sich in Reichardts ebenso schlicht gehaltener Inzenierungs- und Erzählarbeit wider. Von „Meek’s Cutoff“, einem spartanisch eingerichteten Western aus dem Jahr 2010, verfolgt sie nun die Spur von Umweltschützern in ihrem neuesten Film „Night Moves“. Dabei ist ein Gefühl zentral: Distanz. Ich kann mich noch daran erinnern, als ich den Trailer zu „Night Moves“ das erste Mal sah. Leise trieben zwei namenlose Figuren in einem Boot dahin. Stille. Verklausuliert wirkte die Aufmachung des Trailers, der eher für das Mystery-Genre sprach. Keine Idee, wohin die Geschichte führen könnte. Kein Impuls, diesen Film sehen zu müssen.

Nun: Nach dem Film ist vor dem Film. Diese Trailerstrategie scheint mir jetzt nach Filmende einzuleuchten. Ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage, dass es um eine Aktion dreier Umweltaktivisten geht. Jesse Eisenberg spielt dabei Josh, den Protagonisten. Nicht nur die Kamera, sondern auch seine lakonische, beinahe apathische Spielweise distanzieren uns von ihm. Aber das aus einem guten Grund: Die Figuren von Reichardts neustem Film sind undurchdringlich – sie misstrauen sich gegenseitig und sind auch für uns keine gläserne Box, in die wir hineinschauen können. Daher ist sein starrer Blick, die wenigen zögerlichen Worte und die phlegmatische Haltung ein bedrückendes Erlebnis für uns. Gerne würden wir mehr über diese Figur erfahren. Woher kommt seine depressive Haltung? Seit wann und warum arbeitet er auf dem Bauernhof? Wo ist seine Familie?

Vergebliche Fragen. Keine Antworten. Denn gerade die Unkenntnis darüber lässt uns eine eigenartige Spannung empfinden. Die Hälfte des Films dreht sich um die Planung und Durchführung einer Umweltaktion. Ganz nach Reichardts Stil gibt es keine gewaltigen Umstürze in der Handlung oder eine hochdosierte Injektion an Plot, die den Zuschauer auf Achterbahnniveau durch das Geschehen jagt. Es ist eine einfache und leise Geschichte. Sie erzählt uns akribisch und sensibel das Vorgehen der kleinen Gruppe. Sie separiert die anfänglich grauen und facettenlosen Figuren voneinander. Bis schließlich dem Zuschauer eines klar wird: Diese drei Menschen wollen etwas. Auch wenn wir nicht wissen warum, aber SIE wollen es. Und diese Ambivalenz schafft eine subtile Spannung, die uns an den Kinosessel bindet.

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Die zweite Hälfte des Films befasst sich mit den Konsequenzen ihrer Aktion. Die Figuren werden bis auf das Mark strapaziert, aber der Zuschauer leider nicht mehr. Das mag daran liegen, dass Dakota Fannings Rolle in der zweiten Hälfte zu einer blassen und durchschaubaren Figur verkommt. Schade. Denn die weltbekannte Kinderdarstellerin hat in der ersten Stunde durchaus bewiesen, dass sie sich auf dem erwachsenen Terrain der Schauspielkunst sicher bewegen kann.

Auch wenn die langsame Erzählweise eigentlich nicht zu großen Umschwüngen im Leben der Figuren einlädt, sondern eher die Details feinfühlig beleuchten will, so gelingt Reichardt die Konstruktion einer enormen Fallhöhe. Der Film eskaliert zum Ende hin und treibt durch zwei simple Wendepunkte unseren Protagonisten Josh in eine fatale Situation aus Reue, Not und moralischer Verantwortung. Dabei bleibt der pädagogische Zeigerfinger stets zu einer Faust geballt. Denn „Night Moves“ will uns nicht die zerstörerische Kraft der Menschheit aufzeigen, die Erhabenheit der Natur näher bringen oder uns selbst zu Umweltaktivisten formen. In der lakonischen und distanzierten Form der Darstellung sitzt etwas Persönliches – etwas Unheilvolles. Für den einen kann es die Erkenntnis sein, dass seine Überzeugungen aus einer anderen Perspektive gar nicht so überzeugend aussehen. Für den anderen ist es der harte Schlag ins Gesicht, dass man Konsequenzen nicht einfach abschütteln kann, sondern man zu einer Sache und zu sich stehen muss. Es ist nicht nur der politische Fundamentalismus, sondern etwas zutiefst Menschliches, was in diesem Film herausgestellt wird.

„Night Moves“ ist ein Independent-Film, vor dem man als Blockbusterfan auch nicht zurückschrecken sollte. Denn Independent heißt in diesem Fall nicht die Abwesenheit von Struktur, Logik und Zuschauerverständnis. Im Gegenteil: Die Struktur ist klar und beinahe formelhaft. Das Milieu wurde akribisch studiert. Der Film erzählt eine klare Geschichte ohne viel Schnickschnack. Diese spartanische Erzählweise zielt auf den Kopf des Zuschauers. Es bleibt ein Splitter zurück, den man sich nicht sofort traut, herauszuziehen. Man hofft, es wird von alleine wieder gut. Aber das wird es nicht.

Autor: David Daubitz

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