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Moonrise Kingdom (2012) Review

„Boy meets Girl“ mal wörtlich und auf eine sehr ungewöhnliche Art und Weise. Der für skurrile Filme bekannte Regisseur Wes Anderson bleibt dieser Linie auch in seinem siebten Werk „Moonrise Kingdom“ treu und inszenierte eine bewegende Geschichte über Freundschaft und die erste Liebe.

Eine Insel vor der amerikanischen Ostküste in den 1960er-Jahren: Der etwa zwölfjährige und von seinen Kollegen schikanierte Pfadfinder Sam (Jared Gilman) verliebt sich in die von ihren Eltern vernachlässigte gleichaltrige Suzy (Kara Hayward). Gemeinsam beschließen sie, ihrem Umfeld zu entfliehen und brennen miteinander durch. Ihr Verschwinden bleibt nicht lange unbemerkt und so versuchen Suzys Eltern (Bill Murray und Frances McDormand) unter der Hilfe von Scout Master Ward (Edward Norton), seinen Pfadfindern und dem Polizisten Sharp (Bruce Willis) die beiden Ausreißer zu finden, was ihnen auch relativ schnell gelingt. Doch auch unter Zwölfjährigen kann die Liebe schon sehr stark sein und das ganze Katz-und-Maus-Spiel beginnt von vorn. Wäre die Situation nicht schon kompliziert genug, zieht ein schweres Unwetter auf und das autoritäre Jugendamt (Tilda Swinton) naht…

Bereits der Beginn des Films macht die Fahrtrichtung klar: Eine mehrminütige Plansequenz durch das Haus von Suzys Familie, majestätisch untermalt von Benjamin Brittens „A young Person’s Guide to the Orchestra“. Kindheit und Jugend werden somit schon zu Beginn als das bestimmende Thema des Films inszeniert. Es geht um Jugendliche in einer Welt, die sich nicht für sie interessiert und die sich deshalb entscheiden, ihre eigenen Pläne gegen den Willen der Erwachsenen durchzusetzen. Dazu passt, dass Autoritäten durchgehend als inkompetent oder nicht mehr existent hingestellt werden. Sams Eltern sind tot, seine Pflegeeltern wollen ihn nicht mehr aufnehmen. Suzys Vater versinkt in Selbstmitleid, ihre Mutter hat eine Affäre mit dem Dorfpolizisten, der wiederum verbittert ist und seinen Job mittlerweile mit eher spärlicher Begeisterung ausübt. Der Scout Master des Pfadfinderlagers zeigt sich mit der Situation des flüchtenden Jungen heillos überfordert und das Jugendamt ist schlichtweg sadistisch und möchte den Jungen am liebsten mit Elektroschocks ruhigstellen. Die Insel fungiert hierbei als Miniaturabbild einer Gesellschaft, in der einiges schiefgeht. Dazu passt, dass Jugendamt (die Figur heißt passenderweise wie ihre Funktion) erst von außerhalb eingeflogen werden muss, deshalb mit den inneren Strukturen der Inselgesellschaft nicht vertraut ist und die Probleme, die sich hier manifestieren, in ihrer Komplexität nicht wahrnehmen kann. Es ist eine Milieustudie einer versagenden Sozialstruktur, innerhalb derer zwei Kinder versuchen, in den Wirren des nahenden Erwachsenwerdens ihren eigenen Weg zu finden. Und dabei durchaus erfolgreich sind.

Der Film fokussiert sich neben den Suchmaßnahmen der Erwachsenen und der eigentümlich bewaffneten Pfadfinder die meiste Zeit auf die beiden Flüchtigen und ihre teilweise eher eigenwilligen Aktionen in der Wildnis der Insel. Hierbei gelingt es Regisseur Wes Anderson, bereits nach wenigen Szenen ein recht eindeutiges, aber dennoch vielschichtiges Bild seiner zwei jungen Helden zu zeichen. Die beiden Charaktere Sam und Suzy und ihre gemeinsamen Aktionen sind zwar häufig tendenziell eher abgedreht, sie agieren auf der anderen Seite zum Teil jedoch auf eine verquere Art so liebevoll und einfühlsam, dass man sie einfach mögen muss. Hier zeigt sich „Moonrise Kingdom“ als gefühlvolle Hommage an die Kindheit, ein Plädoyer dafür, diese wahrzunehmen. Darüber hinaus ist der Film eine warmherzige Charakterisierung der ersten großen Liebe mit all ihren faszinierenden und spannenden Facetten. Der erste Kuss, erste Körperlichkeit, das erste Mal jemanden haben, dem man sich anvertrauen kann, bei dem man sich geborgen fühlt. Der Film schafft es, beim Zuschauer die damit verbundenen und vermutlich längst verloren geglaubten Gefühle wieder hervorzurufen.

Dem tut auch der dem Film durchgehend eigene, zeitweise extrem verschroben-skurrile Humor keinen Abbruch, da sich dieser nicht selten erstaunlich feinsinnig präsentiert. Die Dialoge muten teilweise fast sinnfrei an, sind aber dennoch durch eine eigentümliche Tiefe gekennzeichnet. Die Handlungen der Charaktere tragen wahrlich nicht immer einen Nutzen in sich, jedoch lässt ihre jeweilige Motivation einen Blick in ihre Seelen zu und sie dadurch umso menschlicher erscheinen. Höhepunkt ist hier sicherlich Bill Murray, der sich mitten in der Nacht aufmacht, einen Baum zu finden, den er eventuell mal fällen könnte. Allein diese Szene ist fast schon das Eintrittsgeld wert.

Die Skurrilität setzt sich auch auf der Ebene der Stilistik fort. Der Erzähler des Films (Bob Balaban), treibt mit der Wahrnehmung der Zuschauer ein fast schon postmodernes Spiel, indem er in Nachtszenen direkt an der Kamera das Licht ein- und ausschaltet, damit man ihn besser sieht, um danach gerade rechtzeitig das Bild wieder für die Handlung freizugeben. Auch die Darstellung eines Briefwechsels zwischen Sam und Suzy oder eine sehr besonderen Verletzung durch eine Schere werden auf ungewöhnliche Weise dargestellt, was den abgedrehten Charakter des Films noch unterstreicht.

Die Darsteller sind ohne Ausnahme großartig. Bill Murray nimmt man die Gebrochenheit seines Charakters in jeder Minute ab, Frances McDormand kann ihren bei den Coen-Brüdern zur Genüge erprobten skurrilen Humor auch hier wieder einsetzen. Edward Norton überzeugt als entkräfteter Pfadfinder-Scout, der allerdings das Herz am rechten Fleck hat. Daneben ist es sehr nett, Bruce Willis zur Abwechslung mal nicht mit gezückten Waffen durch eine Großstadt laufen zu sehen, auch wenn er sich als Polizist in gewisser Weise treu bleibt, jedoch zeigt, dass er jenseits von John McClane durchaus zu Charakter-darstellungen fähig ist. Tilda Swinton zeigt erneut, dass es sich bei der eiskalten Despotin um ihre Paraderolle handelt. Es spricht für die Schauspieler, dass sie sich im Gesamtpaket für einen Film verpflichtet haben, der eigentlich zwei Kinder als Protagonisten hat und den großen Namen daher jeweils nur etwa eine Handvoll Szenen bietet. Letztlich müssen sich nämlich alle den tragenden Hauptdarstellern Jared Gilman und Kara Hayworth unterordnen, die den Film trotz der Tatsache, dass es sich um ihre ersten professionellen Rollen handelt, auch in Szenen mit den erfahrenen Darstellern mühelos stemmen.

Es lohnt sich übrigens, während des Abspanns sitzen zu bleiben, der mit einer Hommage an Mike Oldfields „Tubular Bells“ glänzt und es auch notorischen Buchstabenphobikern ermöglicht, den Film in seiner Ganzheit auf sich wirken zu lassen und dessen bleibende Eindrücke zu verarbeiten. Denn diese werden bei einem derart hinreißenden Werk definitiv vorhanden sein. „Moonrise Kingdom“ zeigt einmal mehr, dass es sich lohnt, für die Liebe zu kämpfen und dass Außenseiter eigentlich die wahren Helden unserer Gesellschaft sind. Ein wundervoller und anrührender Film, der schon jetzt als eines der (wenn auch ruhigeren) Highlights des Jahres 2012 gelten kann.


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