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Moonlight (2016/2017) Review

© A24 / DCM

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Ein Film ist nie einfach nur ein Film. Diese so trivial anmutende und doch gleichzeitig nicht von der Hand zu weisende Aussage lässt sich sehr treffend mit einem Exkurs in juristisches Vokabular beleuchten: Die grundgesetzlich garantierte Kunstfreiheit schützt aus rechtlicher Perspektive sowohl den so genannten Werkbereich wie auch den Wirkbereich. Der Werkbereich bezeichnet die künstlerische Aktivität an sich, also die individuellen und konkreten Ideen des Künstlers bei der Gestaltung seines Kunstwerkes. Der Wirkbereich reicht einen Schritt weiter; er benennt das Gefüge, in dessen Rahmen das Kunstwerk der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird, wo es nach der Rezeption bestimmte Wirkungen bei den jeweiligen Rezipienten entfalten kann. Angewandt auf das Medium Film heißt das somit: Ein Film ist nicht nur die Summe der kreativen Entscheidungen seines Regisseurs (und des Produktionsstabs), sondern umfasst auch seinen Einfluss auf künftige Handlungen und Verhaltensweisen des Publikums. Doch was hat das mit dem frischgebackenen Oscar-Gewinner „Moonlight“ zu tun?

Nun, an „Moonlight“ lässt sich der Gegensatz von Werk- und Wirkbereich in einer vereinfacht heruntergebrochenen Variante sehr gut veranschaulichen und das nicht lediglich, weil der Trailer mit theatralischen Rezensionszitaten wie „Wir verlassen das Kino als andere Menschen“ (Rolling Stone) nur so um sich wirft. Da sei zunächst der Werkbereich genannt, bezüglich dessen es bei „Moonlight“ wenig auszusetzen gibt. Der Film ist formal auf hohem Niveau angesiedelt, insbesondere hinsichtlich der formidablen Kameraarbeit: Regisseur Barry Jenkins (und sein Kameramann James Laxton) spielen gekonnt mit Stilmitteln wie Plansequenzen, Unschärfen, Brüchen der Vierten Wand und Bild-Ton-Asynchronitäten. Das alles wirkt in keinem Moment irgendwie forciert oder übertrieben, sondern fügt sich ohne Frage zu einem stilistisch bemerkenswerten Werk zusammen.

Auch die dramaturgische Ebene gestaltet sich rund: Die Story um einen homosexuellen Schwarzen, den der Film in drei verschiedenen Lebensabschnitten (als Kind, als Jugendlicher und als junger Erwachsener) jeweils für eine kurze Zeit begleitet, ist zwar zunächst ein kaum ungewöhnlicher Zugriff auf eine Coming-of-Age- bzw. Coming-Out-Thematik, die jedoch eine sinnvolle Auswahl trifft hinsichtlich der Ereignisse, die sie zeigt. „Moonlight“ ist klug erzählt und wird getragen durch exzellente Darsteller, sowohl bei den etablierten Gesichtern (Mahershala Ali und Naomie Harris) wie auch den eher unbekannten Schauspielern (Alex R. Hibbert, Ashton Sanders und Trevante Rhodes, die den Protagonisten Chiron in den verschiedenen Stadien seines Lebens verkörpern; Janelle Monáe als Chirons Beinahe-Pflegemutter; Jharrel Jerome und André Holland als sein Freund Kevin als Jugendlicher bzw. Erwachsener). So weit der Werkbereich.

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Der Wirkbereich von „Moonlight“ zeichnet sich zunächst durch ein fast durchgehend positives bis zumeist sogar eher überschwängliches Presseecho aus, in dessen Rahmen Kritiker, die den Film nicht ganz so gut fanden, auch gerne mal als rassistisch bezeichnet wurden. So geschehen bei Camilla Long, der Kritikerin der britischen Times. Sie wagte es nicht nur, „Moonlight“ schlicht nicht zu mögen, sondern machte ihm (auf Twitter) folgenden Vorwurf: „a film for a non-black, non-gay, non-working class, chin-stroking, self-regarding, turbo smug audience“ (smug lässt sich mit selbstgefällig übersetzen). Zusammengefasst: Die eigentliche Zielgruppe des Filmes stimmt nicht mit den soziokulturellen Gegebenheiten seiner Protagonisten überein, sondern dient lediglich dazu, einem weißen und selbstfixierten Mittelschichtpublikum ein gutes Gefühl zu geben, in etwa auf die Weise: Ganz gut, dass man mal darüber gesprochen hat; gut, dass ein Film die Beherztheit aufweist, zu zeigen, dass es Homosexualität auch „auf der Straße“ gibt. Dort, wo das Gesetz des Stärkeren und Homosexualität als Schwäche gilt, wo Homophobie an der Tagesordnung ist und Drogen zum Alltag gehören. Wohlgemerkt: Dieser Satz ist als Konjunktiv zu verstehen, als Gedanken, die Camilla Long vermutlich ebenjener „non-working class, chin-stroking, self-regarding, turbo smug audience“ nach Rezeption des Filmes unterstellen würde. Das bringt einen zu der zentralen Frage, die da nicht lautet: „was will ‚Moonlight’?“, denn die Anthropomorphisierung von Filmen ist in der Regel wenig zielführend. Nein, die Frage muss im Anschluss an den juristischen Einstieg lauten: „wie wirkt ‚Moonlight’?“ Und dann könnte es sein, dass Camilla Long, bei aller Pauschalisierung, die sie ohne jeden Zweifel selbst betreibt, am Ende nicht völlig Unrecht hat.

Ein erster Einwand gegenüber der Auffassung von Camilla Long, welcher auch bereits gemacht wurde, könnte jedoch sein: Regisseur (und Drehbuchautor) Barry Jenkins ist schwarz, Tarell Alvin McCraney, der Autor des Theaterstücks, das dem Film als Vorlage diente, ist ebenso sowohl schwarz wie zudem auch homosexuell; „Moonlight“ basiert auf seinen eigenen Erfahrungen. Es ließe sich also argumentieren, dass der Film nicht aus einer Art weißen Generosität gegenüber dem Umgang mit Homosexualität in (hierbei hauptsächlich von Afroamerikanern bewohnten) „Problemvierteln“ heraus entstanden ist, sondern aus authentischer Überzeugung. Dieser Punkt lässt sich tatsächlich erst einmal nicht von der Hand weisen: Dass es Jenkins und insbesondere McCraney um eine aufrichtige, ehrliche und natürlich auch ein wenig dramatische Darstellung der zugrundeliegenden Problematik ging, soll an dieser Stelle absolut nicht bezweifelt werden. Doch so schnell ist man wieder beim Werkbereich angelangt. Was Regisseur und Autor vorhatten, ist nicht immer zwingend äquivalent zu dem, was hinterher bei den Zuschauern ankommt. Und an dieser Stelle soll es ja um den Wirkbereich gehen.

Denn wenn man einmal ehrlich in sich hineinhört, dann erzählt „Moonlight“ nicht ernsthaft etwas Neues. Dass es homosexuelle Afroamerikaner gibt, ist schon rein statistisch klar. Dass Homosexualität wiederum gerade in Milieus, in denen in Ermangelung einer erfolgsgestützten Identitätsfindung eine chauvinistisch unterfütterte „Männlichkeit“ hochgehalten wird, heutzutage nach wie vor als eine Schwäche gilt, von der sich im Zuge von Mobbing quasi ex negativo abgegrenzt wird, kann vermutlich jeder Lehrer bestätigen, nicht nur in den USA. Dass in ärmeren Gegenden zerrüttete Familienverhältnisse existieren, dürfte ebenfalls nicht anzuzweifeln sein. Selbst wenn man nun einen Moment Abstand von Camilla Longs Argumentation nimmt, dass sich eher eine „non-black, non-gay, non-working class, chin-stroking, self-regarding, turbo smug audience“ den Film anschauen wird und dagegen voraussetzt, dass das Publikum aus genau jener gesellschaftlichen Schicht kommt, die in „Moonlight“ die Hauptrolle spielt: Jene, die nicht homophob sind, wird der Film vielleicht bewegen oder berühren, für sie aber keinerlei tiefergehende Relevanz besitzen à la „man konnte ja nicht wissen, wie schwer es solche Menschen haben“. Jene, deren Gedankengut homophobe Tendenzen aufweist, werden sich aller Voraussicht nach den Film gar nicht erst anschauen. Und falls doch, so kann bezweifelt werden, dass der Rolling Stone hierbei Recht hat und sie das Kino „als andere Menschen“ verlassen. Denn der Film fördert in keinerlei Weise ein Umdenken. Und genau das ist mit Blick auf den Wirkbereich sein großes Problem.

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„Moonlight“ hinterfragt nicht. „Moonlight“ zweifelt nicht. Kein nachhaltiger Kratzer bleibt an jener Welt haften, die Barry Jenkins so stilistisch herausragend präsentiert. Was ist der Grund für Homophobie, speziell unter Jugendlichen, wie sie der Film präsentiert? Was ist der Grund für die Armut der einen, welche zumindest im dramaturgischen Rahmen des Filmes durch die anderen in Form von Drogenverkauf gefestigt wird? „Moonlight“ gibt keine Antwort darauf. Das muss er auch nicht, das ist die Freiheit des Werkbereichs. Als Film-Werk funktioniert er auch so. Er funktioniert auch als ein Statement, aber eben nur als eines, das nicht über einen Einleitungssatz hinausgeht. Er hätte tiefer graben können, das Potenzial ist da. Doch da er es nicht tut, ist sein Wirkbereich eben nicht jener eines „wichtigen“, „relevanten“, „notwendigen“ und „dringlichen“ Filmes, den er in der öffentlichen Wahrnehmung so persistent besitzt; Camilla Long sei hier indirekt zitiert. Denn die von ihr bemühte „non-black, non-gay, non-working class, chin-stroking, self-regarding, turbo smug audience“, deren Vertreter sich natürlich den Film anschauen werden, auch hier sei auf Statistik verwiesen, sind mutmaßlich zu großen Teilen insgeheim froh, mit den auf der Leinwand zu sehenden Verhältnissen nichts zu tun zu haben. So viel Notwendigkeit zur Pauschalisierung sei an dieser Stelle geboten.

„Moonlight“ wird damit primär wie eine Art cineastischer Ablasshandel wirken, ähnlich den Vertretern diverser Hilfsinstitutionen, die ständig in Fußgängerzonen lauern. Mit dem kleinen Betrag, den man pro Monat an irgendeine Organisation überweist, ist das Gewissen beruhigt: Man tut im Hintergrund etwas, aber muss sich nicht weiter drum kümmern. So wird auch der Film funktionieren: Man hat sich die Zustände ins Gedächtnis gerufen, aber das muss auch reichen. In beiden Fällen ändert sich natürlich nichts an den zugrundeliegenden Ursachen, die dafür verantwortlich sind, dass überhaupt Hilfsorganisationen in Fußgängerzonen stehen müssen und die dafür verantwortlich sind, dass Menschen wie der „Moonlight“-Protagonist Chiron in Verhältnissen aufwachsen, die ihnen a) aus ökonomischer Sicht ein kaum menschenwürdiges Leben ermöglichen und es ihnen b) nicht erlauben, zu ihrer eigenen (in diesem Falle homosexuellen) Identität stehen zu können. Nötig dafür wäre ein generelles gesellschaftliches Umdenken. Und das stößt „Moonlight“ mit keiner Faser an.

Autor: Jakob Larisch

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