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Mile 22 (2018) Review

© Universum Film

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Da haben sich zwei gefunden: Mittlerweile vier Filme hintereinander hat Regisseur Peter Berg mit Hauptdarsteller Mark Wahlberg gedreht, von „Lone Survivor“ über ihr unbestrittenes Meisterwerk „Deepwater Horizon“ hin zu „Boston“ und nun „Mile 22“. Stets sind die Filme intensiv inszeniert, stets werden realpolitische Gegebenheiten in den Blick genommen. Doch zumindest letzterer Punkt erfährt mit „Mile 22“ eine gewisse Änderung: Der Film spielt in einem fiktiven südostasiatischen Land und auch wenn Parallelen zum so genannten „War on Terror“ erkennbar sind, so liegen „Mile 22“ erstmals bei einer Berg-Wahlberg-Kooperation keine wahren Begebenheiten zugrunde, wie zuvor der Afghanistan-Krieg, der Brand auf der Ölbohrplattform Deepwater Horizon 2010 oder der Anschlag auf den Boston-Marathon 2013. Nichtsdestotrotz ist auch „Mile 22“ als ein Statement und eine teils durchaus kritische Beschäftigung mit den Auswüchsen internationaler militärischer Aktionen zu verstehen.

Die Story ist simpel: Mark Wahlberg spielt den den Anführer eines geheimen Elite-Teams namens „Overwatch“, die unter Anleitung von John Malkovich immer dann tätig werden, wenn sowohl Diplomatie als auch das klassische Militär keine Option mehr darstellen. Nun sollen sie einen von „The Raid“-Protagonist Iko Uwais gespielten Doppelagenten quer durch die Stadt zum Flughafen bringen, damit dieser im Austausch für ein neues Leben in den USA militärisch wichtige Informationen preisgibt. Einen Großteil von „Mile 22“ nimmt nach einer kurzen Einführung der Teammitglieder die Fahrt von der US-Botschaft zum Flughafen ein, während der sich zeigt, dass noch andere Parteien mitmischen, die auch vor brachialer Gewalt nicht zurückschrecken.

Peter Berg schafft es, sowohl Action und Atmosphäre als auch einen gewissen politischen Aussagewert zu bedienen. Zwar sind Schlägereien, Verfolgungsjagden und Schießereien teils relativ schnell geschnitten, arten jedoch nie in ein unübersichtliches Schnittgewitter aus. Iko Uwais darf in zwei Szenen zeigen, was er als Martial-Arts-Kämpfer so drauf hat und auch sonst hält sich der Film wahrlich nicht zurück. Durch die einfache und geradlinige Prämisse ist „Mile 22“ auf das Nötigste fokussiert und setzt stets rechtzeitig den nächsten dramaturgischen Ankerpunkt, ab und an fast wie eine Plotstruktur, die aus mehreren Levels besteht: Fahrt zum Flughafen, ein Problem taucht auf, das Problem muss eine Lösung finden, wobei in der Regel Fahrzeuge und Orte gewechselt werden. Der Film ist dadurch höchst effektiv, abwechslungsreich und spannend gestaltet, wobei der Regisseur erneut sein Gespür für eine sehr dichte Szenengestaltung unter Beweis stellt.

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Im Vergleich mit anderen Filmen, die sich um militärische oder nachrichtendienstliche Einheiten drehen, fällt dabei auf, dass „Mile 22“ eine eindeutige Identifikationsfigur zu fehlen scheint. Zwar ist der von Mark Wahlberg gespielte James Silva der Dreh- und Angelpunkt des Filmes, doch wäre „Sympathieträger“ hierbei nicht das Wort der Wahl. Durch Rückblenden wird er als ein wenig neurotisch gekennzeichnet, womit ihm ein Großteil des Gespürs für zwischenmenschliche Kommunikationsmechanismen oder Emotionen abgeht, was in mehreren Wutausbrüchen resultiert, die ihn als fast schon zwanghaften Perfektionisten markieren. Das ist in seinem Job zwar durchaus sinnvoll, führt aber auch zu einer gewissen Distanz, die er um sich herum aufbaut, sowohl mit Blick auf seine Kollegen als auch mit Blick auf das Publikum. Folglich begleitet man im Zuge des Filmes zwar das Team auf seiner Mission, die Möglichkeiten zur Identifikation sind allerdings entweder nicht vorhanden oder werden, soviel sei gesagt, recht schnell wieder genommen, wodurch immer wieder auch eine gewisser gedanklicher Abstand zu den Aktionen der Einheit entsteht. Auch wird trotz mehrfach vorhandener Kameraschwenks über die US-amerikanische Flagge Patriotismus nicht glorifiziert, sondern eher in einen destruktiven Kontext gestellt, auch wenn der Blick auf die Opfer in der fiktiven asiatischen Stadt dann doch das eine oder andere Mal fehlt.

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Schließlich muss man über den Twist am Ende reden, der hier natürlich nicht verraten werden soll, der jedoch in seiner Konsequenz den Filmen von M. Night Shymalan alle Ehre machen würde und den man in dieser Form kaum kommen sieht. Loyalitäten werden auf den Kopf gestellt, Konfliktlinien neu gezogen und dann, ja dann ist „Mile 22“ vorbei. Die in ihrer Komplexität für den Einzelnen (eigentlich) unüberschaubaren Folgen globaler militärpolitischer Aktionen werden zum Zwecke einer Veranschaulichung auf konkret erfahrbare Gegebenheiten heruntergebrochen, die sich auf keine Weise verklärt oder anderweitig für das (im Rahmen der potenziellen Identifikation gesprochen) „Eigene“ positiv aufgeladen sehen. Kein „weiter so!“, keine in irgendeiner Weise hoffnungsvolle Umkehr, noch nicht einmal eine diesbezügliche Andeutung, stattdessen ein im besten Sinne offenes Ende, welches die Zuschauer mit offenen Gedanken zurücklässt.

Autor: Jakob Larisch

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