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Merida – Legende der Highlands (2012) Review

Weibliche Protagonisten suchte man bei Pixar-Produktionen bisher vergeblich. Egal ob in „Wall-E“, der „Toy Story“-Reihe oder in anderen Werken der aus Kalifornien stammenden Pixar Animation Studios; die weiblichen Figuren wurden stets mit Nebenrollen abgespeist. Doch im aktuellen Pixar-Film „Brave“ (im Deutschen: „Merida – Legende der Highlands“), bei dem die Regisseure Mark Andrews und Brenda Chapman Hand anlegten, ändert sich dies gewaltig, denn die Story, die den Zuschauer in die fantastische und märchenhafte Welt der schottischen Mythologie und Highlands führt, stellt den ersten animierten Pixar-Film dar, bei dem der Fokus auf einer Heldin liegt. Pixar bricht also mit den Traditionen, aber reicht das auch aus, um den bescheidenen Auftritt von „Cars 2“ im letzten Jahr wettzumachen und die Erfolgsstudios wieder zu alter Stärke finden zu lassen?

Die schottische Königstochter Merida steht vor einem großen Moment in ihrem noch jungen Leben. Sie soll, wie es sich für eine Prinzessin gehört und wie es sich ihre Mutter, Königin Elinor, für sie wünscht, mit einem Sohn der drei verbündeten Clans ihres Vaters, „Bärenkönig“ Fergus (überlebte den Angriff des Bären Morduns, verlor aber ein Bein), verlobt werden und die uralte Tradition in den Highlands weiterführen. Das Problem dabei ist nur, dass Merida keine gewöhnliche und piekfeine Prinzessin ist, die irgendwelche Anweisungen befolgt und keinen Wert auf Traditionen geschweige denn adliges Verhalten legt. Die angehende Monarchin mit den ungezähmten, roten Haaren und den erstaunlichen Fähigkeiten im Bogenschießen will sich nicht binden und ihr Leben stattdessen lieber in Freiheit und in der schottischen Natur mit ihrem Pferd Angus genießen. Als der Tag der Entscheidung über Meridas Schicksal gekommen ist und die erstgeborenen Söhne der Clans im Bogenschießen um die Gunst der Königstochter buhlen, tritt Merida selbst als Erstgeborene und exzellente Bogenschützin an und kämpft eigens für ihre Freiheit; ganz zum Missfallen ihrer Mutter. Als die Zeremonie im Streit mit Merida und ihrer konservativen Mutter endet, entschließt die eigenwillige Königstochter ihrem Schicksal auf die Sprünge zu helfen, reitet in die Wälder Schottlands und trifft eine mysteriöse Hexe, die Merida ihre Hilfe anbietet und deren Mutter mit Hilfe eines Zaubers ändern kann. Dass ein solcher Zauber schief gehen kann hat zwar die Geschichte der Highlands gezeigt, trotzdem bringt es die sture und rebellische Merida nicht von ihrem Wunsch ab frei zu sein; mit unangenehmen Folgen für ihre Familie und das Bündnis der Clans…

Der 13. abendfüllende Animationsfilm der Pixar Studios ist technisch erneut auf gewohnt hohem Niveau. Die Landschaftsbilder der schottischen Highlands und Wälder, für die die Designer des Films extra nach Schottland geflogen sind um für eine ausreichende Authentizität des Settings zu sorgen, sind atemberaubend schön und gerade am Anfang des Films, als Merida mit Angus in die Natur reitet und den Moment der Leichtigkeit genießt, entsteht bei dem Zuschauer durch die wunderschönen Bilder das Gefühl der Magie in der Natur und der Freiheit, nach dem sich die Protagonistin so sehr sehnt. Weitere technische Spielereien wie die Darstellung von Meridas gelockten Haaren, zeigen klar und deutlich, dass die Entwickler wieder einmal viel Herzblut in ihr neues Projekt gesteckt haben. Auffällig bei der Darstellung ist außerdem, dass der neueste Pixar-Streich trotz zahlreicher lustiger Passagen viel düsterer und damit erwachsener wirkt. Sei es die animalische und wilde Darstellung des Bären Morduns oder die nebelverschleierten Landschaftsbilder; der neue Pixar-Film ist um einiges dunkler und mystischer als seine Vorgänger.

Musikalisch wird der Film vom schottischen Komponisten Patrick Doyle weitestgehend mit traditioneller, schottischer Folkmusik und einigen leicht moderneren Einlagen begleitet, welche natürlich Geschmackssache sind, für mich persönlich aber gut zu den jeweiligen Situationen gepasst haben und das mystische Schottland ansprechend untermalen. Auch die Synchronsprecher der gut gestalteten Figuren, unter anderem bekannte Stimmen wie Arne Elsholtz (die Synchronstimme von Tom Hanks) oder Bernd Rumpf, der hauptsächlich Liam Neeson synchronisiert, sind sehr gut gewählt worden, vor allem Nora Tschirner (im Original: Kelly Macdonald), die der titelgebenden Heldin ihre Stimme leiht, macht ihre Sache meiner Meinung nach hervorragend.

Nach all diesen Lobeshymnen gibt es aber auch einige Kritikpunkte, die „Brave“ unglücklicherweise nicht ganz auf die Ebene anderer Pixar-Meisterwerke wie die „Toy Story“-Reihe heben. Leider ist die Story um Merida sehr vorhersehbar (was für einen Kinderfilm üblich ist), sodass der erwachsene Zuschauer nach der Hälfte bereits weiß, worauf der Film hinauslaufen wird und die Kritiken, in denen der Film für Pixar-Standards als zu konventionell beschrieben wurde, treffen auch teilweise zu. Gerade in den emotionalen Szenen wandelt der Film teilweise sehr stark am Rande des Kitsches und die Motivation bei dem Angriff des Bären Mordun kann ich bis jetzt noch nicht erkennen, sodass hier das Gefühl entsteht, man müsse auf Biegen und Brechen den Antagonisten erscheinen lassen.

Jede Kritik an diesem Film, der Pixar-Mitbegründer Steve Jobs gewidmet wurde (die Figur MacIntosh lässt grüßen), ist allerdings auf hohem Niveau und so steht am Ende „Brave“ auf jeden Fall für einen Schritt in die richtige Richtung nach dem gefloppten „Cars“-Nachfolger von 2011. Gerade im technischen Bereich liefert Pixar hier die Referenz im Animationsbereich und ein Fest für die Augen ab, das trotz der etwas konventionellen Story den Zuschauer immer noch gut unterhält. An die gestandenen Pixar-Größen wie „Ratatouille“ oder „Toy Story“ reicht das Abenteuer um die rebellische Merida leider nicht ganz heran. Der Pixar-typische Vorfilm „La Luna“ (im Deutschen „Mondlicht“), der im Vorfeld lief und für den Kurzfilm-Oscar 2012 nominiert war, zeigt jedoch, dass die Animationsstudios aus Kalifornien immer noch in der Lage sind, mit schönen Geschichten Magie auf die Leinwand zu zaubern. Den richtigen Weg haben sie also eingeschlagen…

Autor: Nicolai Gwiasta

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