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Memento (2000) Review

© EuroVideo Medien GmbH

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Christopher Nolan ist ohne Zweifel ein Phänomen und das nicht erst, seitdem er mit seiner „The Dark Knight“-Trilogie (2005 / 2008 / 2012) zeigte, dass auch Comicverfilmungen ernstzunehmende Beiträge zu einer Debatte um die Verfasstheit einer globalisierten und durch Ängste geprägten Gesellschaft sein können. Nein, die Wurzel des Phänomens Nolan und all dessen grandios-kreativer Nebeneffekte wie „Prestige – Meister der Magie“ (2006) oder „Inception“ (2010) liegt weiter in der Vergangenheit und lässt sich, wenn man den Beginn des Anfangs sucht, möglicherweise im Jahr 1997 finden: Sein Bruder Jonathan hatte damals die Idee zu einer Kurzgeschichte namens „Memento mori“ und Christopher Nolan begann sogleich, diese in ein Drehbuch umzuschreiben. Drei Jahre und einen ersten Langspielfilm namens „Following“ (1998) später sah er sich schließlich der Möglichkeit gegenüber, ebenjenes Skript zu verfilmen. Heraus kam „Memento“, welcher für Nolans internationalen Durchbruch sorgte und vermutlich ohne Übertreibung einen neuen erzählerischen Standard setzte: ein Werk nicht weniger als eine filmische Offenbarung.

Der ehemalige Versicherungsangestellte Leonard Shelby (Guy Pearce) leidet seit der Ermordung seiner Frau unter Verlust des Kurzzeitgedächtnisses: Er erinnert sich zwar an alle Details seines Lebens vor diesem Ereignis, ist jedoch nun nicht mehr in der Lage, sich Dinge zu merken, die länger als ein paar Minuten zurückliegen. Mit Hilfe eines umfangreichen Archivs an Akten versucht er, den Mörder seiner Frau finden und führt dabei sein alltägliches Leben anhand von Polaroid-Fotos und Tätowierungen auf seinem Körper. Scheinbare Hilfe bekommt er von dem mysteriösen Teddy (Joe Pantoliano) sowie der nicht minder zwielichtigen Natalie (Carrie-Anne Moss), die jedoch beide auch eigene Interessen zu verfolgen scheinen…

Mehr sollte man über die Handlung gar nicht verraten, denn was sich auf dem Papier nach einer mäßig spannenden Kriminal-Story mit erhöhtem Schwierigkeitsgrad für den Protagonisten anhört, ist eines der formal virtuosesten Experimente der Filmgeschichte. So ist „Memento“ in zwei miteinander verschachtelte Handlungsstränge aufgeteilt: Einen schwarz-weißen, welcher chronologisch vorwärts läuft und einen farbigen, dessen Bestandteile wiederum rückwärts angeordnet sind, so dass jedes seiner Elemente mit dem Beginn des vorigen Bausteins endet. Die beiden Linien treffen sich schließlich am Ende des Films, welches somit die Mitte der Story darstellt. Während der vorwärts laufende Strang dabei größtenteils in einem Motelzimmer spielt, aus welchem Leonard mit einem zunächst unbekannten Gesprächspartner telefoniert und dem Zuschauer auf diese Weise wichtige Fakten über seine Vergangenheit vermittelt, spielt sich die Haupthandlung auf der farbig gehaltenen Ebene ab. Durch die komplexe Erzählform gelingt es dem Film jedoch auf brillante Weise, das Gefühl des permanenten Gedächtnisverlusts auf den Rezipienten zu übertragen. Da dieser ebenso wie Leonard durch die rückwärtige Narration nicht weiß, was eigentlich kurz zuvor passiert ist, entfalten die extrem gut platzierten und sehr zahlreichen Surprise-Momente, welche die Handlung ein ums andere Mal in neue Gefilde lenken, eine umso stärkere Wucht.

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„Memento“ ist ein Mindgame-Movie, wie es im Buche steht. Doch anders als Genrekollegen (sofern man diese filmische Spielart als Genre bezeichnen will) wie beispielsweise „Die üblichen Verdächtigen“ (1996) oder „Fight Club“ (1999) transformiert Nolans Opus magnum das filmische Erzählen auf eine neue Stufe und reizt die Gegebenheiten des Mediums auf eine bis dato ungekannte Weise aus. Warum Filme immer nur mit Flashbacks bestücken, warum die Handlungssegmente einfach nur neu anordnen? „Memento“ kann sich dabei jedoch dem Vorwurf einer „style over substance“-Erzählung auf jeder Ebene entziehen, jedes noch so kleine Detail ist narrativ motiviert, alle losen Fäden, jedes einzelne Kleidungsstück, jede einzelne Bemerkung werden durch das brillante Drehbuch nach und nach zu einem perfekt kombinierten Ganzen verwebt. Gezielt eingebaute Unsicherheiten lassen den Zuschauer nach und nach an der Kohärenz von Leonards Weltbild zweifeln, Gegenstände tauchen auf, verschwinden wieder und werden am Ende fast beiläufig mit Bedeutung aufgeladen.

Hinsichtlich seiner Identitätsthematik beschwört „Memento“ eine fatalistische Gefangenheit des Individuums in seinen eigenen Ideen und Vorstellungen, womit er einer objektiven Erklärbarkeit der Welt eine Absage erteilt. In einer Szene sitzen Leonard und Teddy in einem Diner, letzterer fragt, ob es denn nicht ein wenig riskant sei, die Suche nach einem Mörder auf ein paar Fotos und Tätowierungen zu stützen. Leonard, von der Objektivität seiner Aufzeichnungen überzeugt, antwortet darauf: „Fakten, nicht Erinnerungen. So wird ermittelt.“ Die damit einhergehende Implikation, dass er letztlich gar keine Erinnerungen brauche, so lange er sich auf (scheinbar) nachweisbare Fakten stütze, konterkariert der Film dabei mehr als einmal. Auch als objektive angenommene Gegebenheiten sind stets subjektiv eingefärbt, in jeder Beschreibung schwingt eine eigene Interpretation mit. Leonard und mit ihm der Zuschauer müssen dies jedoch erst selbst erfahren: „Wir alle brauchen Erinnerungen, damit wir nicht vergessen, wer wir sind.“

„Memento“ ist ein Meisterwerk. Ganz einfach. Kaum ein Film hat die ihm eigenen Ausdrucksmöglichkeiten so perfekt genutzt, hat Story und Stil eine derart brillante Symbiose eingehen lassen. Es ist eines der Werke, welches man pro Jahr ein Mal schauen sollte, um sich wieder und wieder daran zu erinnern, was Film eigentlich kann, wozu das Medium in der Lage ist. „Memento“ ist ein Erweckungserlebnis für die, die ihn nicht kennen und die wiederkehrende Vollendung einer filmischen Rezeptionserfahrung für die, die ihn kennen. Auch wenn sie nicht an einem Verlust des Kurzzeitgedächtnisses leiden.

Autor: Jakob Larisch

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