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McLintock! (1963) Blu-ray-Kritik

© capelight pictures

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Kaum ein US-Schauspieler dürfte so viele Western in Hauptrollen gedreht haben wie John Wayne. In gewisser Weise verkörpert er als Person das Western-Kino der Zeit des klassischen Hollywood, er ist quasi der Western jener Zeit und auch wenn andere Darsteller wie James Stewart sich ebenfalls einen Namen in diesem Genre gemacht haben, so dürfte es doch immer noch John Wayne, der „Duke“, sein, den man am ehesten mit den mythisch aufgeladenen Fabeln um Cowboys, Indianer, Siedler, Wüsten, Saloons, Schießereien und den immer gegenwärtigen Frontier-Mythos verbindet. Seinen Durchbruch schaffte er mit einem Western („Stagecoach“, 1939; der deutsche Titel ist wahlweise „Höllenfahrt nach Santa Fé“ oder „Ringo“) und auch sein letzter Film war ein Western („The Shootist“ / „Der Scharfschütze“, 1976). Gemeinsam mit insbesondere den Regisseuren John Ford und Howard Hawks war er an einer Reihe Klassiker beteiligt, in denen er meist ein Sinnbild harter, gelegentlich etwas raubeiniger Männlichkeit verkörperte. John Wayne ist jedoch auch ein politisches Statement, der aus seiner republikanischen, (rechts-)konservativen Weltanschauung keinen Hehl machte, die sich häufig in seinen Filmen widerspiegelte und ihren sehr zynischen Höhepunkt im 1968 erschienenen Vietnamkriegs-Propagandafilm „Die grünen Teufel“ fand. Ein etwas unbekannterer Film in Waynes Schaffen ist der 1963 unter der Regie von Andrew MacLaglen entstandene „McLintock!“, ein Western, klar, aber keiner der typischen kantigen John-Wayne-Western, sondern ein lose an Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“ angelehnter komödiantischer, leichtfüßiger Film, an dem sich hervorragend einige interessante Fragen zum Verhältnis von Kunst und Realität verhandeln lassen.

Wayne spielt die Haupt- und Titelrolle eines Viehbarons, dessen impulsive Frau Katherine (Maureen O’Hara) in die Stadt zurückkommt, um ihre Scheidung und die Zukunft ihrer gemeinsamen Tochter Becky (Stefanie Powers) zu diskutieren. Parallel entfaltet „McLintock!“ einige Nebenstränge um McLintocks neue Köchin Louise Warren (Yvonne De Carlo) und deren Sohn Dev (John Waynes Sohn Patrick Wayne), der beginnt, für McLintock zu arbeiten und ein Auge auf dessen Tochter geworfen hat; um das Schicksal der kleinen Western-Stadt sowie um das Schicksal eines Indianerstammes, die aus staatlicher Gefangenschaft zurückkehren und ein ruhiges Leben führen wollen.

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Letzter Punkt ist dabei für einen klassischen US-Western eher ungewöhnlich, denn „McLintock!“ behandelt die Native Americans mit viel Respekt und viel Wohlwollen. Wayne selbst soll diese Darstellung befördert haben, um dem negativen, stereotypen Bild von Indianern entgegenzuwirken, was etwas ironisch anmutet, hat er doch selbst über Jahrzehnte mit seinen Filmen mitgeholfen, ebenjenes negative Bild medial zu etablieren. Wer den Ureinwohnern im Weg steht, ist dieses Mal somit nicht der Held, sondern der reaktionäre Anführer einer Gruppe von Siedlern (Gordon Jones) sowie insbesondere unfähige Bürokraten, verkörpert durch den Gouverneur Humphrey (Robert Lowery). Damit reiht sich der Film ganz in eine individualistische Tradition ein, typisch für John Wayne, typisch für den konservativen Schlag US-amerikanischer Politik. Nicht der Staat mit seiner als unfähig und meist lebensfern porträtierten Bürokratie löst Probleme (im Gegenteil, er schafft sogar permanent neue), sondern das Individuum bzw. die eingeschworene Gemeinschaft. In den Western von John Ford ging es oftmals um die Auseinandersetzung von community und society und Ford beantwortete sie in der Regel eindeutig zugunsten der community. Auch „McLintock!“ entwirft dieses Bild, die kleine Stadt funktioniert letztlich autark und vollkommen reibungslos, es sind Eindringlinge von außen (neue Siedler), die das Gefüge und die Ordnung in Frage stellen. Bemerkenswert, und dies muss man erneut erwähnen, ist dabei, dass die Indianer, die ebenfalls von außen kommen, an dieser Stelle als Teil der Gemeinschaft letztlich akzeptiert werden und nur von den anderen Externen (den Siedlern und den Bürokraten) beargwöhnt bis hin zu angefeindet werden. Dem entgegen stehen Figuren, die den Bezug zu im wahrsten Sinne des Wortes Land und Leuten nicht verloren haben, die wissen, wie man anpackt und arbeitet, die wissen, wie man kocht, Vieh hütet und Ackerbau betreibt. Auch dieses mythisch angehauchte Bild ist typisch für die Western dieser Zeit und unterstützte die Skepsis gegenüber denen „von außen“ noch, den Städtern als Ausdruck einer neuen, als gefährlich oder zumindest bedrohlich eingeschätzten Moderne.

„McLintock!“ beschwört dabei das Bild des von Slavoj Žižek so benannten „liberalen Kommunisten“, desjenigen, der reich ist, seinen Reichtum zwar teilt, damit jedoch implizit das System stützt, dass ihn erst so reich gemacht hat und die systemische Veränderung verhindert, die für eine gleichmäßigere Verteilung von Wohlstand sorgen könnte, womit die Gesellschaft im Umkehrschluss von der Gnade der Superreichen abhängig gemacht wird. Auch hier meldet sich der Individualismus zu Wort; der Einzelne ist nach diesem Weltbild besser in der Lage, das Schicksal der community zu lenken als das Kollektiv. John Waynes McLintock stellt dabei das utopische Idealbild dieses Menschenschlages dar, er ist aufrichtig und (meistens) respektvoll; er ist reich, aber bescheiden; er ist hart, aber gerecht; er schenkt nichts, aber sorgt für andere. Zwei Zitate machen dies deutlich: So sieht er sich selbst als Angestellter all jener US-Amerikaner, die in der Metzgerei ein T-Bone-Steak kaufen würden (seine eigene Rolle als Nutznießer des Produktionsprozesses dabei negierend), zum anderen kommt sein Weltbild im vermutlich bekanntesten Ausspruch des Filmes zur Geltung: „I don’t give jobs, I hire men!“ Man muss sich seine Position im Leben verdienen, denn das Leben schenkt einem nichts.

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Traditionell angelegt ist auch das Geschlechterverständnis bzw. das Familienbild: Probleme zwischen Männern werden mit einer zünftigen Schlägerei gelöst, nach der man sich die Hand reicht und sich zu einem „fairen Kampf“ beglückwünscht, die scheidungswillige Gattin ist wieder in die Familie einzugliedern und die Tochter unter die Haube zu bringen, wobei den Frauen dabei auch mal der Hintern versohlt werden muss, wenn sie nicht spuren. Nun ja. Insbesondere die letztgenannten Szenen dürften heutzutage ein gewisses kontroverses Potenzial in sich bergen, doch setzt an genau dieser Stelle die Aufgabe gesellschaftlicher Reflexion an: Natürlich sind solche Handlungen abzulehnen, doch lassen sie sich aus ihrer Zeit sowie der entsprechenden ideologischen Fundierung des Films im Kontext der Welt von John Wayne und des Western-Genres heraus durchaus erklären (nicht rechtfertigen; das ist ein Unterschied!) und entsprechend reflektieren. Andere Länder, andere Sitten; dies gilt auch für andere Zeiten. Der Film bleibt ein Kunstwerk, das in gesellschaftliche, politische, soziale Strukturen eingebunden ist, die stets mitberücksichtigt werden müssen. Doch bleibt diese Kontextualisierung heutzutage in aufgeheizten Diskussionen leider oftmals auf der Strecke. Es ist möglich, „McLintock!“ als Film gut zu finden, gleichermaßen jedoch Teile der durch den Film vertretenen ideologischen Koordinaten zu kritisieren.

Denn „McLintock!“ ist auf erzählerischer und ästhetischer Ebene extrem kurzweilig, eine Komödie nicht im Sinne von Gags im Minutentakt, doch mit enorm witzigen Szenen, wobei die teils durchaus ernsten Themen deutlich lockerer als in anderen Genrevertretern verhandelt werden. Mehrere Szenen rücken den Film fast schon in Richtung einer Parodie; etwa wenn ein Scharmützel an einer Schlammgrube ausbricht und alle Beteiligten das eine oder andere Mal im Schlamm landen (insbesondere Katherine McLintock); wenn der betrunkene Protagonist nach Hause kommt, verschiedene Missverständnisse zwischen ihm, Katherine und Louise ausgespielt werden und alle drei es über einen längeren Zeitraum nicht schaffen, ordnungsgemäß die Treppe hochzugehen oder wenn als Running Gag immer wieder die Bedeutung von Fremdwörtern erklärt werden muss, die von den in der Großstadt sozialisierten Personen genutzt und von den Kleinstädtern nicht verstanden werden. Natürlich sind aus heutiger Sicht die Konfliktlinien vorhersehbar; dass etwa Dev und Becky zusammenkommen müssen, ist in dem Moment geklärt, in welchem Becky aus dem Zug steigt; dass die Siedler und die Bürokraten die gerechte Strafe für ihr hintertriebenes und teils barbarisches Gebaren erhalten müssen, steht ebenfalls außer Frage. Doch ändert dies nichts an der grundlegenden Heiterkeit, die den Film umweht und die ihn äußerst vergnüglich macht. Unterhaltung geht immer mit einer Ausrichtung als politischem Zeitdokument einher und wenn man in der Lage ist, die ideologischen Ambivalenzen des Filmes zu reflektieren, dann kann man „McLintock!“ als das rezipieren, was er nicht nur, aber eben auch ist: ein wahnsinnig unterhaltsamer Film.

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Die Edition: Zunächst ist an dieser Stelle das fantastische Bildmaster zu loben, das den Film in einer für die Entstehungszeit exzellenten Schärfe und knalligen Farbigkeit präsentiert. capelight pictures veröffentlicht „McLintock!“ in der bewährten Mediabook-Reihe, wobei das Bonusmaterial zunächst eher spärlich ausfällt und lediglich aus einem knappen Making-Of von 1963 und den obligatorischen Trailern besteht. Doch besitzt das Mediabook ein enorm dickes Booklet, was nicht auf den Text von Mike Siegel, sondern auf eine konzeptionelle Besonderheit zurückzuführen ist: Der Film wurde 1964 als Comic adaptiert, welcher in der vorliegenden Edition vollständig vorliegt und eine grandiose Beigabe darstellt!

Autor: Jakob Larisch

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