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Mary and Max (2009) Review

Wenn man an Knetanimationsfilme denkt, kommen einem wohl als erstes die „Wallace & Gromit“-Filme in den Sinn; und das aus gutem Grund, denn sie sind sehr unterhaltsam gemacht und sowohl für Kinder als auch für Erwachsene durchaus empfehlenswert. Dass es allerdings auch Animationsfilme aus Knete gibt, die nicht nur auf die Lachmuskeln zielen, sondern richtig herzergreifend sein können zeigt Adam Elliots Knetperle „Mary & Max“ (der in der deutschen Version den sonderbaren Untertitel „Schrumpfen Schafe, wenn es regnet?“ trägt) aus dem Jahr 2009, die unter anderem im selben Jahr das Sundance Film Festival eröffnete und diverse Preise im Animationsbereich abräumte. Diese australische Knetanimation ist Elliots erster Langfilm und kurioserweise relativ unbekannt, weshalb es mir ein besonderes Anliegen ist den Film denjenigen vorzustellen, die ihn noch nicht kennen. Denn eines ist sicher: Der außergewöhnlichen Geschichte von einer Freundschaft zwischen zwei Außenseitern sollte man unbedingt eine Chance geben.

Die achtjährige Mary Daisy Dinkle (Toni Collette) hat es nicht leicht im Leben. Das Mädchen mit den dicken Brillengläsern und dem Muttermal auf der Stirn, das mit ihren merkwürdigen Eltern (die Mutter ist Alkoholikerin, der Vater hat eine Vorliebe für das Ausstopfen von Vögeln) Mitte der 70er Jahre in einem australischen Vorort von Melbourne lebt, hat keine Freunde, wird von ihren Klassenkameradinnen regelmäßig gehänselt und ihre heimliche Liebe zu dem stotternden Nachbarsjungen Damian (Eric Bana) wird nicht erwidert. Da Mary ein sehr neugieriges Mädchen ist, das niemanden kennt, den sie mit Fragen über das Leben löchern kann, entschließt sie mit einer fremden Person aus einem anderen Land eine Brieffreundschaft zu beginnen. Ihre zufällige Wahl per Telefonbuch fällt auf den jüdischen Amerikaner Max Jerry Horovitz (Philip Seymour Hoffman), der isoliert mit seinem imaginären Freund Mr. Ravioli und einem Goldfisch in einem New Yorker Apartment wohnt. Max ist 44 Jahre alt, übergewichtig (nicht ungewöhnlich für einen Mann, dessen Leibspeise Schokoladenhotdogs sind) und findet die Welt mit all ihren Facetten sehr verwirrend, da er viele Redewendungen extrem wörtlich nimmt. Erschwerend kommt hinzu, dass er unter dem Asperger-Syndrom leidet, wodurch die Interaktion mit anderen Menschen für Max nicht gerade als einfach zu bezeichnen ist. Dennoch entschließt er sich Mary zurück zu schreiben und deren naive Fragen („Wo kommen die Babys in Amerika her? In Australien findet man sie auf dem Boden von Biergläsern…“) ungewollt kurios zu beantworten („Wenn man ein Christ ist, werden die Eier, aus denen die Babys schlüpfen, von Nonnen gebrütet…“). Die aus dem Briefaustausch entstehende enge Freundschaft zwischen den beiden Außenseitern hält trotz der großen Distanz und Altersunterschiede über Jahre an, in denen sie versuchen dem jeweils anderem bei dessen aktueller Lebenslage zur Seite zu stehen.

Ein Film über eine Brieffreundschaft hört sich im ersten Moment etwas unspektakulär an und Geschichten über Außenseiter gibt es eigentlich auch schon zu Genüge. Doch dank der beiden ungewöhnlichen und liebenswürdigen Hauptfiguren mit ihren teilweise urkomischen und verrückten Briefinhalten, wird der Film zu keiner Zeit wirklich langweilig oder uninteressant. Man will als Zuschauer immer wieder wissen, was für kuriose Geschichten die beiden erlebt haben und was das Schicksal als nächstes für sie geplant hat. Doch nicht nur die beiden unglücklichen Helden, deren Stimmen meist nur aus dem Off zu hören sind, indem sie die Inhalte ihrer Briefe „vorlesen“, machen den Film zu etwas Besonderem. Auch die kauzig-komischen Nebenfiguren wie Marys Eltern oder Damian tragen mit ihrem Charakter dazu bei, dass man den Film so schnell nicht vergisst. Ebenfalls ist hierbei noch die zentrale Rolle des allwissenden Erzählers (Barry Humphries) zu erwähnen, der die Story von Mary & Max, die verbal nicht miteinander kommunizieren können, zum einen zusammenführt und des Weiteren die tragische Geschichte mit seinen ironisch, komischen Einschüben stets auflockert.

In optischer Hinsicht ist in Elliots Knetfilm die Umgebung sehr düster und trist gehalten, in der nur vereinzelt bunte Farbtupfer aus dem Bild hervorstechen. Ich muss auch ehrlich gestehen, dass mich die ungewöhnliche und trübe Optik des Films anfangs etwas abschreckte. Während in New York die Farben Schwarz und Weiß sowie Grautöne dominieren, werden in Marys australischer Heimat braune Ockerfarben, die meiner Meinung nach einen Vintage-Look entstehen lassen, bevorzugt verwendet. Generell lässt sich sagen, dass die traurige Umgebung sich den unscheinbar wirkenden Hauptfiguren und deren Charakter anpasst. Die Knetfiguren an sich sind im Vergleich zu den „Wallace & Gromit“-Figuren eher grob modelliert und stark überspitzt dargestellt (als Paradebeispiel lässt sich hierbei Marys Mutter nennen). Aber auch hier passt der Look sehr gut zur trostlosen Thematik, die trotz einiger schwarzhumoriger Einsätze auch vor ernsten Themen wie dem Tod nicht zurückschreckt und daher in erster Linie an Erwachsene gerichtet ist.

Adam Elliot schafft es mit diesem Film trotz der bedrückenden Schicksale seiner beiden isolierten Protagonisten eine liebenswerte und emotionale Ode an wahre Freundschaft entstehen zu lassen, die mit ihrem gelungenen Mix aus schwarzem Humor und tragischen Elementen nie zu schwer auf dem Zuschauer lastet. Die Geschichte über zwei Außenseiter, die gemeinsam versuchen die schweren Prüfungen des Lebens zu meistern ist herzerwärmend und tieftraurig zugleich und für mich persönlich einer der schönsten Knetanimationsfilme, die es gibt. Ich bin damals beim zappen drübergestolpert war wirklich begeistert von dieser australischen Animationsperle. Für alle, die sich nicht von der grotesken und tristen Optik abschrecken lassen, ist der Film absolut sehenswert.


Via YouTube

Autor: Nicolai Gwiasta

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