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Marvel’s The Avengers (2012) Review

Wenn ein Halbgott mit einem Technikgenie kämpft und ein Supersoldat aus dem Zweiten Weltkrieg sie zur Ordnung rufen muss, nachdem eine halbe Waldlandschaft zu Kleinholz verarbeitet wurde, so kann das nur eines bedeuten: Nach diversen Cameos, versteckten Szenen, jeder Menge Superschurken, vier Jahren und fünf Filmen finden sich die erfolgreichsten Helden des Comicverlages Marvel endlich zusammen, um gemeinsam die Welt zu retten. Iron Man kann schließlich nicht immer alles allein machen.

Der (seit „Captain America“) im Besitz der Geheimorganisation S.H.I.E.L.D. befindliche Tesserakt, ein Würfelartefakt, das über unbegrenzte Energie verfügt, lässt sich nicht unter Kontrolle bringen und verhält sich seit kurzer Zeit merkwürdig, sehr zur Sorge des Wissenschaftlers Erik Selvig (Stellan Skarsgard) und des Leiters der Organisation, Nick Fury (Samuel L. Jackson). Dummerweise ist der Tesserakt nämlich auch ein Tor zu anderen Welten, was sich Loki (Tom Hiddleston), der Halbbruder von Thor (Chris Hemsworth) zunutze macht und auf die Erde kommt. Nachdem er Selvig und Agent Clint Barton alias Hawkeye (Jeremy Renner) unter seine Kontrolle bringt, stiehlt er den Tesserakt und zerlegt dadurch das Hauptquartier von S.H.I.E.L.D. Für Nick Fury und seine rechte Hand Phil Coulson (Clark Gregg) gibt es nur eine Lösung, um Loki, der die Erde mit Hilfe der außerirdischen Macht der Chitauri in seine Gewalt bringen will, zu stoppen: Schleunigst alle Superhelden, die gerade zur Verfügung stehen, zusammenzutrommeln, um die Welt zu retten. Nacheinander werden Black Widow (Scarlett Johansson), Bruce Banner alias Hulk (Mark Ruffalo), Iron Man (Robert Downey Jr.) und Steve Rogers alias Captain America (Chris Evans) reaktiviert und auch Thor kann nach einem kurzen Scharmützel überzeugt werden, dass die Superheldentruppe der „Avengers“ eigentlich die Guten sind. Doch der große Auftrag gestaltet sich als nicht so einfach und es bedarf einiger Konflikte, bis sich die Avengers zusammenraufen, um in der großen Endschlacht Loki und seine nahezu unbesiegbaren extraterrestrischen Truppen aufzuhalten…

Außerirdische, Götter, grüne Monster, Superhelden, unerschöpfliche Energiequellen…klingt wirr? Ist es auch ein wenig. Macht aber nichts, denn die Handlung ist letztlich nur ein Alibi, um die Helden wahlweise aufeinander, auf Loki oder auf New York loszulassen. Das „Marvel Cinematic Universe“ hat mit „The Avengers“ einen vorläufigen Höhepunkt gefunden. Der Comic-Verlag mit eigener Filmproduktionssparte hat auf diesen Film hingearbeitet, seitdem Samuel L. Jackson nach dem Abspann von „Iron Man“ (2008) als Nick Fury in Tony Starks Haus stand und ihm mitteilte, dass er mit ihm „über die Rächer-Initiative“ reden wolle. Als weitere Bestandteile des „Universe“ folgten „Der unglaubliche Hulk“ (2008) mit einem Gastauftritt von Tony Stark, „Iron Man 2“ (2010), mit einem Gastauftritt von Thors Hammer, „Thor“ (2011) und „Captain America“ (2011), die bereits explizit auf „The Avengers“ vorbereiteten. Personell zusammengehalten wurden die Filme durch wiederkehrende Auftritte von Nick Fury (außer in „Der unglaubliche Hulk“) und Agent Phil Coulson, der in den beiden „Iron Man“-Filmen eingeführt wurde und danach in „Thor“ erneut auftauchte. Ist es nun möglich, all diese Helden und zusätzlich die anderen Charaktere adäquat zusammenzuführen, zumal Tony Stark ein sehr ausgeprägtes Ego besitzt? Die Antwort lautet: Ist es, denn die Scherereien zwischen den einzelnen Protagonisten sind ein Grund dafür, dass „The Avengers“ nicht in ein stumpfes Actiongewitter abgleitet.

So können zwar Bruce Banner und Tony Stark als Wissenschaftler ganz gut zusammenarbeiten, doch Captain America muss das Potenzial einer Kooperation mit Iron Man erst entdecken, zumal er immer noch Anpassungsschwierigkeiten an die für ihn neue Zeit hat. Banner ist wegen der dauerhaften Gefahr, zum Hulk zu mutieren, ohnehin eine Bedrohung und Thor empfindet es als störend, allein wegen seiner Herkunft als mögliches Sicherheitsrisiko zu gelten. Black Widow wird mit ihrer Vergangenheit als Spionin konfrontiert, Hawkeye wiederum muss erst aus dem Bann von Loki befreit werden und richtet bis dahin einiges an Personal- und Sachschäden an. Thors Stiefbruder, den die Avengers kurzzeitig gefangen nehmen können, schafft es dann durch gezielte psychologische Tricks erst recht, die einzelnen Helden gegeneinander auszuspielen. Die daraus resultierenden Wortgefechte sind im ersten Drittel des Films neben den dort noch nicht ganz so zahlreich vorkommenden Actionsequenzen das Highlight, zumal Robert Downey Jr. alles mit schlagfertigen One-Linern garniert. Obendrein entdeckt die Heldentruppe, dass Nick Fury ihnen etwas verheimlicht, was zu Befehlsverweigerungen und der Frage nach dem Sinn der ganzen Mission führt. Diese Pläne von S.H.I.E.L.D., die als „Phase 2“ betitelt werden, sind auch der Grund, warum der Film sich auf zwei verschiedenen Ebenen abspielt, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Das Positive zuerst. Auf der Action-Seite ist „The Avengers“ herausragend und gehört diesbezüglich zum Besten, was innerhalb der letzten Jahre im Kino zu sehen war. Vor der unausweichlichen großen Endschlacht werden durch die zur Einstimmung des Zuschauers dienenden Zweikämpfe der Protagonisten die Dosierungen langsam erhöht, während der Dialogphasen bekommt man immer wieder Zeit zum Durchatmen. Gegen Loki darf jeder einmal beweisen, was er drauf hat, die Highlights sind jedoch Iron Man im Wald gegen Thor, der dadurch ironischerweise überzeugt wird, sich den Rächern anzuschließen und Thor gegen den Hulk, der sich auf dem S.H.I.E.L.D.-Flugschiff als (noch) unkontrollierbar erweist. Scarlett Johansson darf gegen den von Loki kontrollierten Hawkeye die Frauenpower rauslassen und spätestens als Iron Man und Captain America unter Dauerfeuer der Feinde gemeinsam das Schiff vor dem Absturz bewahren, hält den Zuschauer nichts mehr still. Der obligatorische und bereits erwähnte Konflikt zwischen den Protagonisten, durch den die Gruppe kurzzeitig getrennt wird, wirkt nicht fehl am Platze und sorgt für ein gezielt retardierendes Moment vor der finalen Schlacht, der zeigt, dass auch Helden nicht unverwundbar sind. Die Szene, in der schließlich alle Avengers im zerstörten Manhattan erstmals im Kampf vereint sind, hat dann in der Tat fast schon etwas Episches, wenn die Kamera, untermalt von bombastischem Score, fast schon liebevoll um die ernsthaft nach oben zur feindlichen Bedrohung blickenden Rächer herumfährt. Auch in Bezug auf das Personal ist das Finale konsistent, zumindest hier werden alle Helden als gleichwertig dargestellt. Man verbleibt nie zu lang bei einem Akteur, zumal sie teilweise in wechselnden Zusammenstellungen kämpfen und auch die Übergänge von einem Heldenschauplatz zum anderen sind sehr stimmig inszeniert. Die Actionsequenzen sind weder zu kurz noch zu ausufernd sowie immer abwechslungsreich und der Endkampf gegen die außerirdischen Truppen sucht filmisch seinesgleichen; hier wird so viel in Schutt und Asche gelegt, dass man sämtliche Michael-Bay-Filme zusammenrechnen müsste, um dies auch nur annähernd zu erreichen.

Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Bei einer Marvel-Verfilmung darf man sicherlich kein gesellschaftskritisches Soziogramm erwarten (erst recht nicht nach „Captain America“), jedoch haben die beiden „Iron Man“-Filme gezeigt, dass Ansätze zur Selbstironie durchaus vorhanden sind. Der politische Subtext des Filmes ist allerdings in der Tat schwierig, da sich „The Avengers“ ein wenig in die Tradition amerikanischer Invasionsfilme der 1950er und 1960er einreiht. Die geheimen Pläne von S.H.I.E.L.D., die das Team kurzfristig spalten, bestehen nämlich darin, wegen der möglichen Bedrohung durch die Götterwelt von Thor und Loki sowie der damit verbundenen generellen Gefahr durch außerirdische Völker Massenvernichtungswaffen herzustellen. Dadurch, dass Loki dann in der Tat einen Krieg mit der Erde anzettelt, wird die Herstellung und Existenz dieser Waffen zumindest indirekt gerechtfertigt, da man sich gegen einen übermächtigen Feind wehren muss. Die Welt, die von Nick Fury gerettet werden will, lässt sich hierbei im realen politischen Tagesgeschäft mit den USA gleichsetzen (was von vielen US-Amerikanern gedanklich wohl ohnehin getan wird). Die Eindringlinge aus einer anderen Welt stehen somit für Angreifer eines fremden Landes; nachdem Russen oder Chinesen nach dem Ende des Kalten Krieges nicht mehr als wirkungsvolles Feindbild dienen, müssen eben Außerirdische herhalten. Diese sind praktischerweise weder humanoid und sehen ohnehin alle gleich aus, so dass man mit ihnen absolut kein Mitleid hat, wenn sie reihenweise in Feuerbällen aufgehen. Anders jedoch als bei „Transformers“, der eine eher offene Propagandaveranstaltung für das US-Militär war, sind hier eigentlich alle gegen den Krieg, zumal militärgeschichtliche Fehler der USA sogar eingestanden werden, aber was soll man machen, wenn man angegriffen wird. Das Perfide daran ist, dass historisch gesehen ein Krieg mit fremden Mächten im amerikanischen Inland nie stattgefunden hat und die USA sich eher einen Namen als Aggressor denn als Opfer gemacht haben. Das ist alles nichts Neues und auch in anderen Filmen bereits dagewesen, ändert jedoch nichts daran, dass man sich dessen beim Konsum des Filmes durchaus bewusst sein sollte. Zwar gibt es leise kritische Ansätze, indem die politischen Reihen jenseits von Nick Fury als militärisch kompromissloser und deutlich unbedenklicher im Einsatz von Nuklearwaffen dargestellt werden, was sich als mangelnde Chance der von Fury verkörperten Vernunft und Besonnenheit deuten ließe. In der von Samuel L. Jackson verkörperten Figur besteht jedoch ein Hauptproblem der Militärpropaganda. Er ist der Prototyp des aufrechten Soldaten, der nur kämpft, wenn es sein muss, um das Land zu verteidigen, aber niemals Zivilisten in Gefahr bringen würde. Und man lehnt sich vermutlich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn man behauptet, dass zumindest in einer derart hohen militärischen Position, wie Nick Fury sie innehat, derartige Soldaten schlichtweg eine Legende sind. Diese Legende ist durch die gewollte Identifikation des Zuschauers mit Samuel L. Jacksons Figur jedoch riskant, weil sie von einer grundsätzlichen Menschlichkeit des Militärs ausgeht, zwei Dinge, die sich doch eher ausschließen.

Dadurch, dass Nick Fury dann auch immer sehr ernsthaft ist, kommt Samuel L. Jackson nicht wirklich dazu, viel mehr als einen Gesichtsausdruck zu zeigen. Robert Downey Jr. als schlagfertiger Tony Stark ist unter den Protagonisten das Highlight und schultert einen Großteil der Dialoglast, große charakterliche Anstrengung wird ihm die Rolle allerdings wohl nicht abverlangt haben. Scarlett Johansson ist ebenfalls chronisch unterfordert, aber es ist nett, sie nach „Die Insel“ (2005) und „Iron Man 2“ mal wieder in einem Blockbuster zu sehen. Chris Evans bleibt als Steve Rogers etwas blass, zeigt jedoch in den Kampfsequenzen, dass er zumindest das Zeug zum Actiondarsteller hat, auch wenn Captain Americas Anzug zeitweise etwas peinlich aussieht. Durch seine Herkunft aus der Vergangenheit entstehen jedoch einige sehr humorvolle Momente, etwa als Tony Strak ihn fragt, ob er Pilates mache, um in Form zu bleiben, und Rogers nur Bahnhof versteht, da er diese Form der Körperertüchtigung logischerweise nicht kennt. Mark Ruffalo als Nachfolger von Edward Norton in der Rolle des Bruce Banner hat leider nur wenige Szenen in menschlicher Gestalt, auch er schultert diese jedoch mühelos. Der Figur des Hulk kommt sehr zugute, dass sie deutlich realistischer aussieht als die teilweise unterirdischen Animationen im Film von 2008. Chris Hemsworth spielt als Muskelprotz Thor vermutlich ein Stück weit sich selbst, was dafür sorgt, dass auch er qualitativ nicht wirklich abfällt. Tom Hiddleston als Fiesling kann fast als Geheimtipp des Filmes gelten, er schafft es, seinen Szenen durch die der Figur eigenen Diabolik eine enorme Präsenz zu verleihen. Jeremy Renner erscheint in bisheriger Ermangelung eines eigenen Films am oberflächlichsten, wird jedoch für den geplanten Hawkeye-Streifen gut in Stellung gebracht. Einzige Wermutstropfen sind Gwyneth Paltrow als Tony Starks Assistentin Pepper Potts und Stellan Skarsgard; dies nicht, weil sie schlecht spielen, sondern weil sie mit ihren wenigen Szenen extrem verheizt werden, ein Schicksal, dass insbesondere der Figur der Pepper Potts, die man in den vergangenen „Iron Man“-Filmen als treuen Sidekick des Protagonisten liebgewonnen hatte, nicht gut tut.

In den Actionsequenzen überzeugen dann durch die Bank alle Darsteller, jedoch zeigt sich in den ruhigeren Szenen, dass zumindest ohne die Vorkenntnis der Vorgängerfilme keiner der Charaktere sehr tiefgründig ausfällt. So sollte man zumindest einen der mit den Avengers in Zusammenhang stehenden Marvel-Filme gesehen haben, wobei ironischerweise die beiden besten davon („Iron Man“ und „Iron Man 2“) sowie „Der unglaubliche Hulk“ zumindest für das Verständnis von „The Avengers“ am ehesten zu vernachlässigen sind. „Captain America“ enthält jedoch die Hintergrundgeschichte des Tesserakts und der gesamte Grundkonflikt um Loki und die Götterwelt Asgard baut auf dem Fundament von „Thor“ auf. Die wichtigsten Dinge werden zwar kurz angeschnitten, jedoch sollte man bei Unkenntnis der einzelnen Vorgänger-Werke die zeitweise entstehenden Logiklöcher vernachlässigen und sich einfach auf die Hochglanz-Zerstörungsorgie der Superhelden fokussieren, die übrigens auch in 3D sehr gut aussieht.

Wenn Marvel es schafft, die folgenden Verfilmungen (geplant sind „Captain America 2“, „Thor 2“, „Iron Man 3“, eigene Filme für Hawkeye und Black Widow und als Krönung „The Avengers 2“) auf einem zumindest stilistisch und actionreich ähnlich hohen Niveau zu halten, könnte das „Marvel Cinematic Universe“ zu einem der erfolgreichsten Film-Franchises aller Zeiten werden, wenn man es denn als solches betrachten möchte. Allein bis jetzt haben die Filme weltweit zusammen über 3,5 Milliarden Dollar eingespielt, sind somit erfolgreicher als beispielsweise die „Transformers“- oder die „Herr der Ringe“-Filme und der „Fluch der Karibik“-Reihe dicht auf den Fersen. Da „The Avengers“ zumindest aus der Perspektive des Actionfilms ein lupenreines Werk ist, sich ein Film jedoch nicht einfach in Stilistik und Botschaft aufspalten lässt, sondern immer als Ganzes betrachtet werden muss, bleibt zu wünschen, dass für „The Avengers 2“ der politische Unterbau vielleicht etwas entschärft wird. Denn dann ist die zweite Phase des Marvel-Leinwand-Universums durchaus etwas, worauf man sich aus dem Blickwinkel eines Schauwert- und Spektakel-Kinos schon jetzt freuen kann.


Via YouTube

Autor: Jakob Larisch

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