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Marketa Lazarová (1967/2016) Blu-ray-Kritik

© 1967 Studio Filmowe Barrandov / Státní fond České Republiky

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Nach „Es ist schwer, ein Gott zu sein“ von Aleksei German ist „Marketa Lazarová“ nun der zweite Film aus dem Hause Bildstörung, der osteuropäischer wohl nicht sein könnte. Ein fast dreistündiges Mittelalter-Epos in schwarz-weiß mit bitteren Stimmungen und schwer nachvollziehbarer Handlung. Die besonders zu Anfang der tschechischen Romanverfilmung vorherrschende Sperrigkeit und Verwirrung sollte aber keinesfalls abschrecken. Mag das Prädikat des „besten tschechischen Films aller Zeiten“ für den deutschen Kinozuschauer nicht unbedingt viel bedeuten, kann man sich der geografischen Komponente des Urteils leicht entledigen. Denn es ist vielleicht einer der besten Filme, die überhaupt je gedreht wurden.

Wie bereits erwähnt, fällt es nicht unbedingt leicht, eine konkrete Handlung festzuhalten. Im Grunde genommen ist es die Geschichte von Freibauern im 13. Jahrhundert, die im Gebiet zwischen Böhmen und Sachsen in einen Konflikt geraten. Als die Brüder Adam und Miklas, Söhne des Bauern Kozlík und berüchtigte Hescher, die aus purer Sinnleere in den Wäldern Reisende ausrauben, eine adlige Karawane überfallen, entführen sie den jungen Christian – Sohn des ernannten Bischofs zu Bunzlau. Ihr Vater steht schon seit geraumer Zeit mit Bunzlau im Streit, der sich durch die Entführung noch weiter ausweitet. Im vergeblichen Versuch, den unweit entfernten Freibauern Lazar zu einer Allianz gegen den König zu bewegen, nimmt Miklas dessen Burg ein und ergreift Besitz von seiner Tochter Marketa, die eigentlich gerade ins Kloster eintreten sollte.

Von hier an verstricken sich die Konflikte um die Familien, die sowohl die Kirche als auch die Krone miteinbeziehen. Was die Wiedergabe der Geschichte so kompliziert macht, ist die Tatsache, dass „Marketa Lazarová“ sehr kryptisch erzählt wird. Man befindet sich hier jenseits jeder bekannten filmischen Form. In imposanten Bildern entbrennt eine Fabel, die aus einer recht kurzen Romanvorlage ein Epos von 165 Minuten macht. Jahrelang in Planung und rigoroser Aufbereitung, bemüht sich Regisseur František Vláčil hauptsächlich darum, ein möglichst historisch akkurates Bild der Zeit zu porträtieren. Und in selten gesehener Pracht, die vielleicht nur der oben angesprochene „Es ist schwer, ein Gott zu sein“ erreicht, „erstrahlen“ die malerischen Landschaften und gezeichneten Gesichter in Ruß und Dreck des europäischen Mittelalters, die sich durch jede Pore der Bilder ziehen. Begleitet von mächtigen Choralgesängen und einer Musik, die sich wahrscheinlich nur als psychedelische Folklore bezeichnen lässt, ergießt sich „Marketa Lazarová“ in einer tranceartigen Poesie voll kryptischer und experimenteller Passagen, die elliptisch erzählen, wie sich aus einem simplen Parteienkonflikt fast Kriegszustände ergeben. Die Erzählung ist rau, dreckig und in einem beinahe nicht mehr fassbaren Maße düster, sodass in Sequenzen wie jener, in der von alten Frauen im Lager über „Straba“ berichtet wird, fast eine Horror-Atmosphäre den Saal erfüllt.

© 1967 Studio Filmowe Barrandov / Státní fond České Republiky

© 1967 Studio Filmowe Barrandov / Státní fond České Republiky

Trotz all der mittelalterlichen Finsternis und teilweise deprimierenden, gar depressiven Erscheinung gelingt dem Film an manchen Stellen doch ein eigenartig erheiternder, wenn auch bisweilen trockener und zynischer Humor. In eingeblendeten Textpassagen und Kapitelunterschriften verbirgt sich hier und da zum Beispiel ein abfälliger Kommentar (wie zu Anfang des Films, an dem geschildert wird, das bald Gezeigte sei eigentlich nicht erwähnenswert) und auch der Wandersmönch, der im Film mehr oder weniger die Rolle eines abseitigen Beobachters einnimmt, regt zum Schmunzeln an, wenn er sich auf seinen Wegen durch die verschlammten Felder verärgert mit Gott unterhält.

Mag der Film anfangs etwas sperrig und konfus daherkommen, findet sich nach gewisser Zeit eine Gewohnheit ein und dem aufmerksamen Zuschauer wird es gelingen, so weit folgen zu können, dass er zwar nicht unbedingt kognitiv erfasst, was alles vor sich geht, aber dennoch auf einer tieferen und affektiven Ebene versteht. Über seine doch sehr imposante Laufzeit von über zweieinhalb Stunden wird „Marketa Lazarová“ zu einer mystischen Fantasie, einem verschneiten Fiebertraum, der audiovisuell nicht weniger als begeisternd ist. Selten war der blutige und verrußte Schmerz der Geschichte so schön und im Kanon der Meisterwerke des osteuropäischen Epos sollte es zum guten Ton gehören, „Marketa Lazarová“ im selben Atemzug mit Tarkowskis „Andrej Rubljow“ zu nennen.

Wer am Film genauso viel Gefallen gefunden hat, kann wahrscheinlich ebenso mit Vláčils Folgeprojekt etwas anfangen: „In the Valley of the Bees“ schraubt sowohl Skala als auch psychedelische Natur deutlich zurück, widmet sich klarer religiösen Themen. Aufgrund der massiven Ausgaben bei den 548 Drehtagen von „Marketa Lazarová“ wurden einige Kostüme und Sets wiederverwendet, was dem Film aber in keinem Falle schadet.

Zur Edition: Die Veröffentlichung reiht sich nahtlos ein in die Folge osteuropäischer Perlen, die Bildstörung im Laufe der Zeit herausgebracht hat. Der Film sieht sowohl auf der Leinwand als auch auf Blu-ray fürs Heimkino unglaublich gut aus, der Originalsound im tschechischen Mono ist ebenso formidabel. Dass der Film in Deutschland 50 Jahre nach Ersterscheinen in Tschechien jetzt überhaupt in solch einer Fassung vorliegt, grenzt an ein kleines Wunder. Zusätzlich versehen mit über 80 Minuten Doku-Material, Interviews und einem schön gestalteten Booklet, kann sich diese Veröffentlichung durchaus mit der von der Criterion Collection herausgebrachten Blu-ray messen. Ein weiterer Beweis dafür, dass Bildstörung zur absoluten Spitze der deutschen Labels gehört.

Autor: Janosch Steinel

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