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Manchester by the Sea (2016/2017) Review

© Claire Folger / Amazon Studios / Universal Pictures

© Claire Folger / Amazon Studios / Universal Pictures

„Manchester by the Sea“ erzählt die Geschichte von Lee Chandler (Casey Affleck), der als Hausmeister in Boston arbeitet und in erster Linie versucht, dem näheren Kontakt mit Menschen aus dem Weg zu gehen. Nach der Arbeit betrinkt er sich meist in seiner Stammkneipe, reagiert kaum auf die Avancen von Frauen und scheint Schlägereien förmlich zu suchen. Als er nach dem Tod seines Bruders die Aufgabe bekommt, dessen Nachlass zu verwalten und sich letztlich auch um seinen 16-jährigen Neffen Patrick (Lucas Hedges) zu kümmern, ändert sich Lees Leben. Denn dafür muss er zunächst aus einem Vorort von Boston in seinen kleinen Heimatort Manchester-by-the-Sea zurückkehren, was er nur sehr unfreiwillig macht, da er eigentlich schon mit seiner Vergangenheit abgeschlossen hatte.

Kenneth Lonergans „Manchester by the Sea” ist einer dieser typischen Indie-Filme, die im vergangenen Jahr auf einigen Festivals angelaufen sind, anschließend im Rahmen der Award-Season nochmal einen kräftigen Push bekommen und dort dann Preise abräumen. Dabei gibt es einerseits immer wieder wahre Perlen, die zum Vorschein gebracht werden, aber andererseits auch Filme, die zwar ganz nett sind, bei denen man sich allerdings fragt, warum ausgerechnet diese es denn geschafft haben, zum erlauchten Kreis der Oscar-Nominierten zu gehören. „Manchester by the Sea“ ist vermutlich irgendwo dazwischen einzuordnen: Zweifelsohne können hier die Darsteller punkten und insbesondere Casey Affleck kann sich berechtigte Hoffnungen auf einen Goldjungen bei den Academy Awards machen. Auch Lucas Hedges kann in seiner ersten Rolle sicherlich einen Achtungserfolg verbuchen und man darf gespannt sein, wie sich seine Karriere weiterentwickelt. Michelle Williams als Lees Exfrau Randi spielt gewohnt stark, hat aber etwas zu wenig Screentime, um dem Film ihren Stempel aufzudrücken.

© Claire Folger / Amazon Studios / Universal Pictures

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Ansonsten ist „Manchester by the Sea“ ein Drama, welches sehr langsam erzählt wird und mit Tragik und Schicksalsschlägen nicht gerade spart, aber auch zwischendurch seine witzigen Momente hat, die besonders durch den Schlagabtausch zwischen Lee und seinem Neffen Patrick entstehen. Der Film kann dabei aber leider nicht über seine gesamte Länge fesseln und driftet immer wieder in Phasen ab, die nur so dahinplätschern. Das ist wegen der sympathischen Figuren nicht unfassbar tragisch, aber man wartet dann doch immer wieder vergeblich darauf, dass die Handlung vorangetrieben wird. Schlussendlich hat man es hier aber vornehmlich mit einer Episode aus dem Leben der Figuren zu tun, die dann auch recht unvermittelt endet und die Zuschauer eher unbefriedigt zurücklässt.

Trotz der Längen kann gerade die Erzählstruktur bei der Stange halten, da nach und nach die Details aus der Vergangenheit Lees gezeigt werden, die maßgeblich für sein Verhalten und seine Persönlichkeit verantwortlich sind. Einen richtigen Spannungsbogen zieht „Manchester by the Sea“ aber eigentlich nur in den Rückblenden auf, die gleichzeitig die Backstory für Lee liefern und auch den Höhepunkt des Films darstellen. Allein dafür lohnt sich ein Blick, auch wenn der Payoff am Ende doch ausbleibt. So kann man festhalten, dass „Manchester by the Sea“ sicherlich nicht die neue Offenbarung am Indie-Himmel ist, aber wirklich auch kein schlechter Film. Dennoch gibt es hier am Ende mehr vom Gleichen zu sehen. Für Leute, die ruhige Filme mögen und die ihre Unterhaltung eher aus Schauspielerleistungen als dem Plot oder der Inszenierung ziehen, ist „Manchester by the Sea“ aber eine klare Empfehlung.

Autor: Torsten Stenske

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