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Logan: The Wolverine (2017) Review

© 20th Century Fox

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Man kann nicht gerade behaupten, dass die Welt mit „Wolverine“-Solofilmen bislang besonders gute Erfahrungen gemacht hätte. Sowohl „X-Men Origins: Wolverine“ (2009), das Prequel zur ursprünglichen „X-Men“-Trilogie, wie auch „Wolverine: Weg des Kriegers“ (2013), ein Sequel zu „X-Men: Der letzte Widerstand“ (2006) scheiterten an einem wenig durchdachten Drehbuch und nicht zuletzt an schlechten visuellen Effekten. Nun also ein dritter Anlauf, womit man sich so langsam um die innere Chronologie des „X-Men“-Universums besser keine allzu großen Gedanken mehr machen sollte. Doch es gibt wahrlich Schlimmeres, denn was Regisseur (und Mit-Drehbuchautor) James Mangold mit „Logan: The Wolverine“ im wahrsten Sinne des Wortes auf die Leinwand kloppt, ist nicht weniger als die beste Comicverfilmung der letzten Jahre!

Der Film wählt dabei einen komplett anderen Fokus, als man es bisher aus dem „X-Men“-Universum gewöhnt ist. Er ist weniger ein klassischer Superheldenfilm als vielmehr ein emotional angehauchtes Roadmovie mit ein paar saftigen Actioneinlagen. Das erzählerische Zentrum bilden nahezu ausschließlich der sichtbar gealterte und gesundheitlich angegriffene Logan/Wolverine (Hugh Jackman), der sich gemeinsam mit dem erkrankten Charles Xavier (Patrick Stewart) und der elfjährigen Laura (Dafne Keen), die er eher widerwillig als Schutzbefohlene akzeptiert, auf der Flucht vor dem Technologie-Konzern Essex Corporation befindet. Hierbei bezieht „Logan“ einen Großteil seiner dramaturgischen Dynamik daraus, dass es einen klassischen Antagonisten kaum gibt. Am ehesten nimmt diese Rolle Donald Pierce (Boyd Holbrook) ein, der Sicherheitschef von Essex, welcher aus an dieser Stelle nicht näher zu erläuternden Gründen hinter Laura her ist, wobei Wolverine wiederum verhindern muss, dass er sein Ziel erreicht. Neben der Tatsache, dass der herausragend agierende Boyd Holbrook seinen Charakter mit genau der richtigen Prise diabolischem Charisma ausstattet, was ihm sogleich eine gewisse Tiefe verleiht, taucht er nur dann auf, wenn es nötig ist und besitzt auch keinen größenwahnsinnigen und vor allem unnötig komplizierten Plan, aus unbestimmten Motiven die Herrschaft über irgendeine geografische Entität zu übernehmen („X-Men: Apocalypse“, „Batman v Superman“ und ja, auch „Guardians of the Galaxy“ lassen grüßen). Die „höhere“ Bedrohung, die durch ihn verkörpert wird, ist in wenigen, punktuell gesetzten Szenen rundum hinreichend etabliert und reicht als dramaturgischer Auslöser für dieses Roadmovie der etwas anderen Art vollkommen aus. Die Actionszenen werden zwar in der Regel gleichwohl verbal von ihm eingeleitet, die Action selbst speist sich jedoch größtenteils aus dem Kampf von Wolverine und Laura gegen seine zahlreichen Schergen, die stets aufs Neue dezimiert werden.

Womit man bei einem zentralen Novum von „Logan“ angekommen wäre, für das kurz etwas ausgeholt werden muss: Hatten die Studios hinter Blockbuster-Comicverfilmungen bislang strengstens darauf geachtet, für entsprechende Filme lediglich eine PG-13-Freigabe zu erhalten (äquivalent zur deutschen Freigabe ab zwölf), um sie auf diese Weise für ein jugendliches Publikum zugänglich machen zu können und damit durch die Möglichkeit des Einbezugs dieser umfangreichen Zuschauergruppe den finanziellen Umsatz zu steigern, so war der ebenfalls im „X-Men“-Universum verortete „Deadpool“ (2016) der erste Superheldenfilm eines größeren Franchises seit (dem ohnehin eher auf Erwachsene fokussierten) „Blade: Trinity“ (2004), der aufgrund einer höheren Vorlagentreue von diesem Schema abwich und in den USA mit einem R-Rating in die Kinos kam; dies entspricht im deutschen Vergleich einer Freigabe ab 16 Jahren. Prompt wurde er zum zweiterfolgreichsten R-Rated-Film aller Zeiten, was das produzierende Studio 20th Century Fox Anfang 2016 anscheinend dazu beflügelte, auch „Logan“ mit einem R-Rating in die Kinos zu bringen, ein Schritt, der hinsichtlich der Vermarktung von Comicverfilmungen beinahe revolutionär wirkte. An dieser Stelle sei gesagt: Den Unterschied merkt man und nicht nur deswegen, weil (zumindest im englischen Original) in fast jeder Szene ausgiebig geflucht wird.

© 20th Century Fox

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Denn „Logan: The Wolverine“ ist extrem brutal. Wobei man dazu sagen muss, dass Superheldenfilme dies eigentlich immer sind, die entsprechende Gewalt und vor allem ihre Auswirkungen sich nur in der Regel nicht bebildert sehen: So werden in den meisten Comicverfilmungen Gegner lediglich mit Strahlenwaffen unschädlich gemacht und zerspringen oder fallen einfach um und wenn doch mal Schusswaffen oder Messer gebraucht werden, ist in der Regel kein Blut zu sehen; ganze Städte stürzen ein, ohne dass man die konkreten Auswirkungen auf einzelne Menschen sähe; oder aber die Gewalt wird stets auf knapp außerhalb des Bildkaders verlagert und der Imagination des Zuschauers überlassen. Dass hinter dieser familientauglichen Brutalität (in den USA gerne mal unter dem pejorativen Schlagwort „PG-13-Violence“ zusammengefasst) eine ganz eigene Form der Gewaltverharmlosung steckt, welche die verheerenden Auswirkungen von Gewaltakten in gewisser Weise negiert, dürfte klar sein und soll an dieser Stelle nicht weiter vertieft werden.

So konnte man sich in jedem „X-Men“-Film bisher fragen, warum eigentlich Wolverines Krallen stets tödlich sind, aber bei seinen Gegenspielern eigentlich keinerlei sichtbare Spuren hinterlassen. „Logan“ ist der erste Film, der die tatsächlichen Auswirkungen einer derartigen Waffe regulär demonstriert und dabei sprichwörtlich keine Gefangenen macht. Es fliegen Köpfe, werden Gliedmaßen abgetrennt sowie Körper aufgeschlitzt und zerstochen, flankiert von jeder Menge meist spritzendem Blut. Dass man sich zu diesem im Rahmen des Genres radikalen inszenatorischen Schritt entschieden hat, war eine gute Entscheidung. Und zwar nicht, weil es dadurch „näher an der Vorlage“ ist, was ein Hauptgrund von Comicfans für die Forderung einer höheren Freigabe war. Auch nicht, um plumpen Gewaltfetischismus zu bedienen, sondern deswegen, weil die Folgen von Wolverines Aktionen im Kampf schlichtweg genau so aussähen. Der Film ist infolgedessen nicht mehr in dieser schwer zu fassenden Manier glatt und ungreifbar, wie es so viele der unter maßgeblichem Einfluss von digitaler Technik hergestellten Blockbuster der letzten Jahre sind (negatives Highlight: „Independence Day: Wiederkehr“), sondern besitzt auf positive Weise Ecken und Kanten. Man spürt regelrecht, was auf der Leinwand passiert, die Action besitzt das Potenzial, dem Publikum die Geschehnisse auf körperlich affektive Weise be-greif-bar zu machen, zumal die blutigen Handlungen an keiner Stelle zum Selbstzweck verkommen oder ästhetisch wahnsinnig extravagant überhöht werden. Klar, ein gewisses Maß an Ästhetik ist immer vorhanden, schließlich bestehen die Actionsequenzen aus exzellent durchkomponierten Kampfchoreografien, diese wirken jedoch niemals übertrieben oder im narrativen Kontext deplatziert, sondern fügen sich nahtlos in die eindringliche dystopisch-dreckige Atmosphäre des Filmes ein.

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Auch die innere wie äußere Ambivalenz des Charakters Wolverine wird auf diesem Wege stärker herausgearbeitet als in den bisherigen „X-Men“-Filmen und findet sogar auf der Dialogebene Einbezug, wenn es an einer Stelle darum geht, was das Töten aus einem Menschen macht: „Es verfolgt dich dein Leben lang. Du musst lernen, damit zu leben“, sagt Logan zu Laura und in jedem anderen Film des Franchises hätte dieser Dialog vermutlich ein wenig deplatziert gewirkt, doch aufgrund der Tatsache, dass der Film in einer seltenen Drastik genau dieses Töten wieder und wieder veranschaulicht, passt hier tatsächlich eines zum anderen. In diesem Zusammenhang muss neben dem gewohnt exzellent agierenden Hugh Jackman zudem auf die schlicht irrsinnig brillante Leistung von Dafne Keen als Laura eingegangen werden, die sich als ein absoluter Casting-Volltreffer entpuppt, genau den richtigen Grat zwischen naiv-unschuldiger Kindlichkeit und Killermaschine findet und mit der Zeit zu einer fast ebenbürtigen Kampfgenossin für Wolverine wird. Ab und an fühlt man sich von der dramaturgischen Anlage her an Chloë Moretz in „Kick-Ass“ erinnert, nur vollkommen ohne den humoristischen Unterton. Denn „Logan“ ist für eine Comicverfilmung erstaunlich humorfrei; abgesehen von zwei, drei über die gesamte Laufzeit verteilten Onelinern werden keine Sprüche geklopft oder Gags gerissen, was neben der drastischen Gewaltdarstellung zu seiner gelungenen grimmigen Grundstimmung beiträgt und ihn von all den bunten Science-Fiction-Comic-Spektakeln der letzten Jahre positiv abhebt.

Es gibt sie also noch, die Filme, welche den Mut haben, in bestehenden Erzählrahmen etwas Neues auszuprobieren und von standardisierten Mustern abzuweichen. „Logan: The Wolverine“ trifft nahezu perfekt die Balance zwischen Action und Emotion, indem er den Schwerpunkt von einem Blick auf einen äußeren Feind und den Kampf gegen einen spezifischen Kontrahenten großteils hin zu einem Blick nach innen verschiebt und den Fokus auf das Verhältnis der drei Protagonisten zueinander konzentriert. „Logan“ ist ein unkonventioneller Superheldenfilm, der seine stringente Dramaturgie und seine eruptiv-energische Inszenierung insbesondere in den kompromisslosen Actionsequenzen kraftvoll ausspielt und ein fulminant-grandioses und nachhaltig wirkendes Stück Kino geworden ist.

Autor: Jakob Larisch

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