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Leviathan (2014) Review

© Wild Bunch Germany

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Oscar-Nominierung für den besten fremdsprachigen Film, Gewinner des Golden Globes in der selben Kategorie, ausgezeichnet für das beste Drehbuch in Cannes – das sind die Vorzeichen, die „Leviathan“ umgeben. Bei derartigen Voraussetzungen gibt es generell zwei Möglichkeiten: Entweder wir haben es mit einem Kritikerliebling zu tun, der in die Arthouse-Ecke gepackt wird und nur was für Leute ist, die unbedingt 10.000 Symbole in ihn hineininterpretieren wollen oder wir haben es mit einem Spitzenfilm zu tun, der unter dem Radar gelaufen ist, weil er beispielsweise nicht das Budget hatte oder weil er nicht aus den USA kommt und damit quasi automatisch weltweit vermarktet wird.

„Leviathan“ ist in diesem Jahr der russische Beitrag für den besten fremdsprachigen Film bei den Academy Awards und ist dabei sehr typisch für diese Kategorie. Im Mittelpunkt steht das Einzelschicksal von Nikolai Sergejew, gennant Kolja (Alexej Serebrjakow), der als Automechaniker im Norden Russlands an der Küste der Barentssee mit seiner Frau Lilia (Jelena Serebrjakow) und seinem Sohn Roma (Sergej Pochodajew) lebt. Dort gehört ihm ein kleines Grundstück sowie ein Haus, welche sich seit Generationen im Besitz seiner Familie befinden. Der korrupte Bürgermeister Wadim Schelewjat (Roman Madjanow) versucht allerdings, Kolja mit allen Mitteln von seinem Land zu vertreiben und ihm somit alles zu nehmen, was diesem noch bleibt. Als Strippenzieher hat Wadim natürlich alle Trümpfe in der Hand und Kolja bleibt als letzter Strohhalm nur noch sein alter Jugendfreund Dmitri (Wladimir Wdowitschenkow), der eine belastende Akte zu Tage fördert, die Wadim in die Bredouille bringen können.

Regisseur Andrei Swjaginzew (bekannt für „The Return – Die Rückkehr“, Goldener Löwe in Venedig 2003) hat mit „Leviathan“ einen sehr atmosphärischen, wenn auch langatmigen Film geschaffen, der ruhig inszeniert ist und hauptsächlich durch die Dialoge der Protagonisten getragen wird. Wenn man sich darauf einlässt, dann ist man für die Spielzeit von 140 Minuten gefesselt. Swjaginzew schafft es, das Problem, dass viele Menschen ihre Wohnungen durch mächtigere Menschen aufgeben müssen und somit aus ihrer Heimat vertrieben werden, eindrucksvoll an einem Einzelschicksal zu beschreiben. Auch wenn der Film in Russland spielt und auch auf die gesellschaftlichen Probleme dort eingegangen wird, so zeigt allein schon die Tatsache, dass sich Swjaginzew von der Geschichte des Amerikaners Marvin Heemeyer für das Drehbuch inspirieren ließ, dass es sich um eine globale Thematik handelt, die sonst nur in Statistiken „erzählt“ wird. Insgesamt kann „Leviathan“ als in die Neuzeit verlagerte Hiobs-Geschichte beschrieben werden, denn Kolja erleidet einen Schicksalsschlag nach dem anderen und ist gefordert, diese über sich ergehen zu lassen, wenn er überhaupt einen Erfolg verzeichnen will. Allerdings hätte man mir das nicht in Form eines Pfarrers am Ende so nochmal aufs Brot schmieren müssen, ich hatte die Analogie auch so verstanden.

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Die große Stärke von „Leviathan“ sind dabei die Schauspieler, die durch die Bank weg eine hervorragende Leistung zeigen und auf der einen Seite dem Zuschauer das Schicksal der Familie nahe bringen und auf der anderen Seite die Widrigkeiten des Systems und die Erbarmungslosigkeit der Gegenspieler sehr gekonnt vermitteln. Die Kamera fängt auch exzellent die Umgebung ein und zeigt den Zwiespalt zwischen der an sich wirklich schönen Landschaft und der Armut. Es ist vollkommen klar, dass die Familie dem Untergang geweiht ist, sollte sie auch noch ihr Haus verlieren, beziehungsweise nicht angemessen dafür entlohnt werden. Diese depressive Stimmung trägt den ganzen Film und ist auch sein Aushängeschild, mit der die Kritik am System am besten übertragen wird. Das letzte Drittel nimmt dann nochmal an Fahrt auf und sorgt zusammen mit der Abschlusspredigt vom eben noch so gescholtenen Pfarrer für ein rundes Gesamterlebnis.

Alles in allem ist „Leviathan“ ein Film, auf den man sich einlassen wollen muss. Wen die Thematik nicht interessiert oder wer gelangweilt ist von mehreren langen Szenen, in denen nichts passiert, außer dass Auto gefahren wird oder nur geredet wird, für den ergibt „Leviathan“ keinen Sinn. Man muss sich die Muße nehmen, dann funktioniert „Leviathan“ auch und lässt einen auch noch nach dem Film darüber nachdenken. Aber von sich aus den Zuschauer fesseln wird er nicht. Wenn man den Film im Nachtprogramm erspäht, wird man sicherlich schnell wegzappen, weil er doch etwas langweilig und dröge daherkommt. Das heißt nicht, dass „Leviathan“ ein schlechter Film ist, nur eben nicht jedermanns Geschmack. 6/10

Autor: Torsten Stenske

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