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Kong: Skull Island (2017) Review

Eines der größten Monster der Filmgeschichte und das im doppelten Sinne – nicht nur durch seine schiere Monumentalität dürfte der Riesenaffe King Kong dem popkulturellen Gedächtnis über 80 Jahre seinen Stempel aufgedrückt haben. Kong ist auch eine der ersten „großen“ Eigenerfindungen für die Leinwand, fernab von literarischen Vorlagen der Science-Fiction oder Monsterfabeln. Der Primat mit dem großen Herz für kleine Frauen und den noch größeren Pranken für gewaltige Prügeleien fand durch die Dekaden immer wieder einen Platz im Kino, zuletzt 2005 als Leidenschaftsprojekt von „Herr der Ringe“-Regisseur Peter Jackson. Mit „Kong: Skull Island“ liefert nun der noch eher unbeschriebene Jordan Vogt-Roberts seinen Beitrag zum Monster-Mythos. Dabei stellt er nicht nur, wie der Titel zu verraten mag, Affe und Heimatinsel in den Vordergrund, sondern auch einen temporeich fetzigen Erzählton. Und scheint, mal so völlig nebenbei, auch noch für einige Verbeugungen vor dem Vietnam-Kriegsfilm Zeit zu finden.

1972, Südost-Asien, der Krieg gegen den Vietcong scheint verloren. Oder wie es der niedergeschlagene Colonel Packard (Samuel L. Jackson) lieber sehen möchte: „beendet“. Der ruhelose Kriegstreiber ist mit seinem bevorstehenden Abzug gar nicht glücklich, da kommt ihm ein zugeschobener Einsatzbefehl gerade recht. Packard und seine Hubschrauber-Kavallerie sollen ein Forschungsteam um den Regierungsagenten Bill Randa (John Goodman) und den Geologen Houston Brooks (Corey Hawkins) zu einer entlegenen Insel transportieren, einem der „letzten weißen Flecken auf diesem Planeten“. Mit von der Partie sind außerdem die Kriegsberichterstatterin Mason Weaver (Brie Larson) sowie der britische Survival-Experte James Conrad (Tom Hiddleston). Nur allzu schnell wird allerdings klar, dass Randa mit wichtigen Informationen sehr sparsam gehaushaltet hat. Wie beispielsweise der Vermutung, dass auf der Insel ein gigantisches Monster haust, dass die überraschten Soldaten auch sogleich mit Brusttrommlern und geworfenen Palmenbäumen gebührend zu empfangen weiß. Die Truppe findet sich schnell verstreut und noch schneller am Boden der tropischen Insel wieder und das einzige Ziel von nun an kann nur lauten, den vereinbarten Abholpunkt rechtzeitig zu erreichen. Das sich die lokale Flora und Fauna dabei absolut lebensfeindlich gestaltet, scheint bald zum kleineren Problem zu werden. Denn der dem Wahnsinn verfallende Colonel Packard hat nicht vor, diesen zweiten „Krieg“ auch noch zu verlieren – und sei es auch gegen einen hochhaushohen Gorilla.

Wer an Peter Jacksons „King Kong“ oder auch Gareth Edwards‘ „Godzilla“ von 2014 zurückdenkt, dem dürften bald die üblichen Formalia des Monsterfilms in den Kopf kommen: Eine sanft ansteigende Spannungskurve, gesäumt von ersten Vermutungen und Anzeichen – ein überlautes Brüllen in der Ferne, ein gigantischer Schatten im Nebel oder Fußabdrücke der Schuhgröße 3000, welche für die Filmfiguren nur den Schluss zulassen, „so etwas Großes könne es doch gar nicht geben“. Dies begünstigt den für die zweite Filmhälfte angestrebten Effekt der Monumentalität und Überwältigung, wenn Kong sich erstmals auf die Brust trommelt oder Godzilla in einer Totalen aus dem Meer auftaucht. Dies kann in gleichem Zuge auch zu Frustration beim ungeduldigen Zuschauer führen, der sich bei einem zweieinhalbstündigen Kaiju-Film dann (zu Recht?) darüber ärgert, dass das Titelmonster insgesamt keine zwanzig Minuten im Endprodukt zu bestaunen ist. Regisseur Vogt-Roberts geht mit seinem Affen-Zirkus jedoch einen anderen, schnelleren, teils überraschenden, aber vor allem irrwitzigeren Weg. Das beginnt mit einem so pulpig inszenierten und farb-intensiven Intro, dass man sich kurz fragen mag, ob man als Zuschauer im falschen Kino-Saal gelandet sein könnte und gipfelt in einer ersten Schlacht zwischen Kong und Kavallerie, gefühlt keine halbe Stunde nach Filmbeginn. Die „Fremden“ haben das heimische Eiland des Riesenaffen keine zwei Minuten besucht (und mit seismischen „Bohrern“ bombardiert) bevor sich nicht schon ein gewaltiger Schemen aus dem Sonnenuntergang schält und kurzen Prozess mit all den lästigen Hubschraubern macht. Vogt-Roberts nimmt mit dieser Sequenz fast schon sein eigenes Finale vorweg, den für ein Action-Abenteuer ist dieser Moment bereits pures Gold. Der Schattenwurf Kongs auf Hubschraubern und ungläubigen Gesichtern vermittelt mit wenigen Einstellungen perfekt die Größe der Kreatur. Ein Augenblick, den die Inszenierung bis zum Knackpunkt abfeiern möchte, wenn sich die Rotorblätter der Helikopter dank Zeitlupe nur im Takt des Herzschlags zu bewegen scheinen. Von Ruhe vor dem Sturm kann hier nicht die Rede sein, eher freudiger Anspannung; und wenn es kracht, dann in einem Rahmen, der viel mehr mit einem „Pacific Rim“ von Guillermo Del Toro gemein hat als mit den eingangs erwähnten, eher ruhigeren „Großen“ des Monsterkinos.

Wo dieser starke Moment fast dazu führen könnte, dass der Film sich selbst zu früh toppt, kann dieses spätere Fehlen von absoluter Monumentalität in der Inszenierung gut durch einen schelmischen Einfallsreichtum ausgeglichen werden. Ob es sich dabei um zu Waffen umfunktionierte Bäume und Schiffsteile, einen Katana-schwingenden Tom Hiddleston mit Gasmaske oder ein Set-Piece bestehend aus den gigantischen Skeletten von Kongs Eltern handelt, ist dabei dann fast schon Nebensache. Obwohl Kong absolut überpräsent ist und schnell klar wird, dass Skull Island definitiv seine Insel ist, während andere nur geduldete Besucher sind, muss das Geschehen natürlich auch mal auf die Bremse treten und Raum für Plot und Figuren machen. Hier liefe der Film auch am ehesten Gefahr, große Risse aufzuzeigen, denn weder ist die Dramaturgie sonderlich auf Spannung gebürstet noch bekommen die Figuren allzu interessante Charakterzüge verpasst. „Skull Island“ weiß sich aber an beiden Fronten zu retten, dank einer Top-Besetzung und der in sich interessanten Wahl des Zeitfensters der Geschichte. So flach ihre Figuren auch sein mögen, ein Veteran wie John Goodman oder ein charismatische Lächeln verteilender Hiddleston stecken diese Widrigkeiten locker weg. Und auch Oscar-Gewinnerin Brie Larson als die notwendige „Weiße Frau“ darf hier schon mal gekonnt den Zeh ins Blockbuster-Wasser tauchen für ihren bevorstehenden Auftritt im Marvel-Universum – hier hätte das übliche Kino-Blondchen wesentlich größeren Schaden anrichten können als nur das flache Skript. Den besten Beweis dürfte aber Samuel L. Jackson als antagonistischer Colonel abliefern. Eher vom Drehbuch zum Bösewicht erzwungen als natürlich aus der Handlung erwachsen, schafft es Jackson mit seiner ihm typischen Spielfreude, dem wahnsinnigen Kriegstreiber genug Profil zu verleihen, damit sich dieser Gegenspieler lange genug zu halten weiß, bevor im Finale natürlich obligatorisch wesentlich größere Gegner die erste Geige spielen. Bis dahin wird ein eigentlich eindimensionaler Bösewicht aber immerhin mit fulminanten Blickkontakten zwischen Mensch und Affe und einem stare-down vor Flammenwänden aufgeladen, wie es außer Jackson wohl kaum einer gekonnt hätte. Da auch „Kong: Skull Island“ sich in die immer größer werdende Liste von Blockbustern mit chinesischem Geld-Anteil einreiht, darf auch hier die vorgeschrieben besetzte Nebenrolle nicht fehlen. Wie wenig Anteil an der Handlung Schauspielerin Tian Jings Figur dann aber letztendlich hat und teils völlig vergessen im Hintergrund verschwindet, ist weniger nervig und viel mehr ein kurioses Ausstellungsstück moderner Produktionspolitik. John C. Reilly soll hier auch noch kurz erwähnt werden, der Mann für Albereien darf später eine gar nicht so kleine Rolle übernehmen und sorgt für den Comic-Relief-Anteil, der sich dabei sehr gut einfügt und für Blockbuster-Verhältnisse nur sehr selten sauer aufzustoßen weiß.

King Kongs Mär rettet sich an der Figurenfront also mit einer Top-Besetzung, was allerdings bei einem eher generischen Skript wenig bringen würde. Hier kann der Film jedoch seine interessante, wenn auch auf den ersten Blick krude Szenarien-Wahl ausspielen, denn „Kong: Skull Island“ kann nach ein paar Mal blinzeln auch als Vietnam-Kriegsfilm gelesen werden. Er geht dabei schnell über ein paar bloße Anleihen und Zitate hinaus, rote Stirnbänder der Soldaten oder Tom Hiddlestons Figurenname „Conrad“ hin oder her. Die thematischen Verweise sind allgegenwärtig, so der verrückt gewordene Colonel Packard, der sich mit der Niederlage nicht abfinden kann oder wenn die Truppe später sogar ein Kanonenboot besteigt, um die Insel per Fluss zu bereisen. Nur dass „Kong: Skull Island“, Gott sei Dank, dann nie tatsächlich mehr sein will als er ist – die tuckernde Reise den Fluss hinab wird dann nicht zu einem halbseitigen Versuch, verwurstet etwas Pathetisches über das Wesen des Menschen zu erzählen; Vogt-Roberts und seine Autoren wagen glücklicherweise nie den Versuch, hier an Coppola und Co. anschießen zu wollen. Stattdessen hetzen sie lieber eine Meute von Flugsauriern auf das Boot, um die Truppe genregerecht weiter zu dezimieren. Die Soldaten des Films bleiben immer einem „Aliens“ von James Cameron treu, statt an einen „Deer Hunter“ anknüpfen zu wollen, selbst wenn die Optik stellenweise auch mal anderes vermuten lassen könnte. Diese Sicherheit im stilistischen und metaphorischen Dschungel plus dass Skript und Inszenierung immer bei Schusters Leisten bleiben, sorgen dafür, dass „Kong: Skull Island“ ein paradox wildes, aber dennoch gebändigtes Gesamtpaket bleibt.

Wer sich bei Edwards‘ „Godzilla“ noch ärgerte, dass es zu wenig Echse und zu viel Gefasel gab, dürfte mit dem neuesten „Kong“ deutlich glücklicher werden. Der Film hält nicht nur, was seine ersten Trailer versprachen, er feiert sich und seinen wilden Genre-Mix einfach schlicht selbst. „King Kong trifft Apocalypse Now“ ist dann gar nicht mehr so weit hergeholt wie man vielleicht denkt, gleichzeitig scheint ein „Pacific Rim“ hier aber eher Film-Pate stehen zu wollen als die eigentlichen Kino-Urväter des Riesenaffen. Die zu erwartenden Ungereimtheiten wie eine blockbustertypische Handlung und skizzenhafte Figurenzeichnung wollen dabei nicht vermieden werden, können sich aber auf einen Ausgleich durch einen formidablen Cast und die interessante Grundprämisse des wilden Genre-Mix‘ verlassen. Ja, auch „Kong: Skull Island“ ist am Ende natürlich „nur“ ein Abenteuer-Monsterfilm. Aber mit einem Einfallsreichtum und Spaß an sich selbst, wie es jede Marketing-Kampagne zu beschreien nicht müde wird, jedoch immer weniger Filme tatsächlich zu liefern wissen. Mit so einem Baustein im Fundament darf dann auch gerne das angekündigte Finale zwischen Riesenaffe und Urzeitechse auf die Filmwelt losgelassen werden – „Kong: Skull Island“ könnte bessere Werbung für diese Idee nicht sein.

Autor: Simon Traschinsky

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