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Kiss the Cook – So schmeckt das Leben (OT: Chef) (2014/2015) Review

© STUDIOCANAL / Koch Media

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Comicfans ist er seit der „Iron Man“-Trilogie ein Begriff, hat er doch bei Teil 1 und 2 Regie geführt sowie in allen drei Teilen den Sicherheitschef, Chauffeur und Kumpel von Tony Stark gespielt. Weitere seiner Regie-Arbeiten wie „Buddy – Der Weihnachtself“ oder „Zathura – Ein Abenteuer im Weltraum“ sind in Deutschland eher unbekannt, „Cowboys & Aliens“ ist leider am internationalen Boxoffice hinter den hochgesteckten Erwartungen meilenweit zurück geblieben. Aber dieser Regisseur, Schauspieler, Drehbuchautor und Produzent Jon Favreau, von dem hier die Rede ist, hat ziemlich was auf dem Kasten, auch wenn der durchaus ambitionierte und sehr unterhaltsame „Cowboys & Aliens“ sowohl beim Großteil des Publikums als auch bei den meisten Kritikern nicht besonders gut an- bzw. weggekommen ist; dafür aber – wie soll es auch anders sein? – immerhin bei mir. Mit „Iron Man“ und „Iron Man 2“ hat sich Favreau als Fachmann für clevere Blockbuster einen Namen gemacht, zusätzlich konnte er dort auch sein Comedy-Talent in seiner wiederkehrenden Rolle als Starks Bodyguard Happy Hogan unter Beweis stellen. Seine nächste Arbeit soll eine Neuverfilmung von „Das Dschungelbuch“ werden – erneut hoch budgetiert und mit einem überaus beeindruckenden Voice-Cast, der Stars wie Bill Murray, Ben Kingsley, Idris Elba, Scarlett Johansson etc. vorweisen kann. Mit über einem Jahr Verspätung erscheint nun aber erst einmal Favreaus neuer Streich in den deutschen Kinos, die Tragikomödie „Kiss the Cook“ (OT: Chef; wer denkt sich immer nur diese dämlichen „deutschen“ Verleihtitel aus?), hochkarätig besetzt mit Sofía Vergara, Scarlett Johansson, Dustin Hoffmann, Robert Downey Jr. und John Leguizamo. Favreau selbst zeichnet hierbei für Regie, Produktion und Drehbuch verantwortlich, zudem übernimmt er neben diesem mehr als ordentlichen Staraufgebot auch noch die Hauptrolle. Der größte Unterschied zu seinen vorherigen Filmen: Favreau erzählt eine kleine, intime Selbstfindungs- und Familiengeschichte – nicht im Gewand eines Blockbusters, sondern als verspielte Independent-Produktion.

Favreau spielt den geschiedenen Chefkoch Carl Casper, der im Restaurant von Besitzer Riva (Hoffmann) seit Jahren für kulinarischen Hochgenuss sorgt. Als ihn allerdings der renommierte Restaurantkritiker Ramsey Michel (Oliver Platt) für seinen Mangel an Innovationen in der Luft zerreißt, Carl diesen dann versehentlich öffentlich auf Twitter beleidigt und die ganze Streiterei dann im Restaurant so sehr eskaliert, dass unser Held zum viralen Gespött via YouTube avanciert, sieht sich Chefkoch Casper gezwungen, seine berufliche Laufbahn neu zu überdenken. Da kommt es wie gerufen, dass ihm seine Ex-Frau Inez (die wundervolle Sofía Vergara, die trotz wenig Screentime stets Akzente zu setzen vermag) anbietet, sie und ihren gemeinsamen Sohn Percy (Emjay Anthony) nach Miami zu begleiten, um mal den Kopf frei zu bekommen, sich beruflich ggf. etwas umzuorientieren und endlich wieder Zeit mit seinem aufgrund der vielen Arbeit sträflich vernachlässigten Sprössling zu verbringen. Und Carl soll tatsächlich eine zweite Chance erhalten: Inez‘ Ex-Mann Nummer 1, der verpeilt-spleenige Schwerenöter Marvin (hilariös: Robert Downey Jr.) stellt Casper einen ausrangierten Food-Truck zur Verfügung, mit dem er sich fortan selbstständig machen kann. Gemeinsam mit seinem loyalen Freund und ehemaligen Arbeitskollegen Martin (comic relief at its finest: John Leguizamo) sowie seinem Sohn Percy macht er sich daran, diesen langgehegten Traum von Unabhängigkeit zu erfüllen.

© STUDIOCANAL / Koch Media

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„Chef“ – ich weigere mich vehement, den blödsinnigen deutschen Verleihtitel zu benutzen – ist ein wundervoller, charmanter Film mit ganz viel Herz und Verve. Die kubanischen Rhythmen, die narrative und visuelle Einbettung von allerlei Social-Media-Firlefanz wie Twitter, Facebook, YouTube, Vines etc. sowie die perfekte Harmonie unter den Darstellern übertragen die gute Laune direkt von der Leinwand auf das Publikum. Im Grunde genommen wird eine altbekannte Geschichte à la „verwirkliche dich selbst“ mit einer traditionell amerikanischen Vater-Sohn-Story verknüpft, doch dies geschieht so mitreißend, humorvoll und herzerwärmend, dass man hier nicht von einem abgedroschenen, sondern vielmehr von einem bewährten erzählerischen Konzept sprechen kann und muss. Interessant ist hierbei zusätzlich, dass die dramaturgische sowie audiovisuelle Umsetzung der Geschichte quasi mit dem Plot korrespondiert und somit – wenngleich etwas übertrieben formuliert – eine Mini-Meta-Ebene entsteht: Sowohl Jon Favreau als auch seine Filmfigur gehen back to the roots, machen nichts wirklich Neues, realisieren allerdings eine Herzensangelegenheit mit vielen coolen, individuellen Ideen. Man muss nicht das Rad neu erfinden, weder beim Kochen, noch beim Filmemachen, aber das, was man tut, sollte man tun, um anderen etwas mit auf den Weg zu geben, um sie zu unterhalten und glücklich zu machen, ohne seine eigenen Ideale zu verraten – so die simple, aber warmherzige Botschaft des Feelgood-Movies. Dass zudem die Familiengeschichte noch so berührend in Szene gesetzt worden ist und so gut funktioniert, liegt u.a. auch am hervorragenden Spiel des zur Drehzeit gerade einmal zehnjährigen Emjay Anthony, der eine beeindruckende Darstellung abliefert.

Favreau ist ein kleiner, intimer und in Zügen autobiographisch angehauchter Film gelungen, der vielleicht etwas zu viel Zeit benötigt, um so richtig in Fahrt zu kommen, dies aber mit gelungenen Ideen und toll getimten Gags zu kompensieren vermag. Dass der Film trotz etwas kitschigem Ende nicht im Schmalz ertrinkt, verdankt die Komödie vor allem der teilweise unkonventionellen formalen Umsetzung, die sich z.B. in der finalen Szene in einer tollen Plansequenz äußert, die dem Filmende dadurch den nötigen Pfiff verleiht. Man hat zuweilen den Eindruck, dass Jon Favreau hier ein ums andere Mal geradezu märchenhaft verspielt seine Feelgood-Geschichte inszeniert, wodurch positive Assoziationen zu ähnlich gearteten Filmen wie Danny Boyles „Slumdog Millionär“ entstehen, dem man für seine romantisierte Erzählung ebenfalls nicht böse sein kann. Die Geschichte ist sicherlich nicht neu, in dieser Form allerdings erfrischend aufbereitet und sehr unterhaltsam in Szene gesetzt. Sein Gespür für mitreißende Unterhaltung kann Favreau demnach auch hier wieder unter Beweis stellen. Enden möchte ich jedoch mit einer kleinen Warnung an all diejenigen unter euch, die vorhaben, den Film im Kino zu schauen: Die ganzen kulinarischen Leckereien sind derart deliziös in Szene gesetzt, dass ich noch nie mit einem solch heftigen Hungergefühl das Lichtspielhaus verlassen habe. In diesen Szenen gibt es nur einen adäquaten (Such-)Begriff für „Chef“/„Kiss the Cook“ und die im Film ästhetisch präsentierten Spezialitäten, womit ich letztendlich sogar den Bogen zum oben angesprochenen Internet-Jargon und Social-Media-Kram schlagen kann: #FoodPorn. 8/10.

Autor: Markus Schu

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