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Kingdom – Staffel 1 & 2 (2014/2015) Review

© AXN

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Gründe, warum man die von Byron Balasco kreierte Serie „Kingdom“ nicht anschauen sollte (als Frau) und nicht ernst nehmen sollte (als Mann), gibt es genug: Gewalt, Blut, Schweiß, jede Menge Testosteron, MMA, ein fürchterliches erstes Poster, das an eine neue Reality-TV-Show erinnert, sowie einer der Jonas-Brothers als Kämpfer. Und doch schreibt eine von der Serie begeisterte Frau diese Review, da „Kingdom“ sich eben nicht in eine Gender-Box stecken lässt, nicht in Klischees verhaftet bleibt und neue, kreative Wege beschreitet, um komplexe Geschichten über menschliche Dämonen zu erzählen.

Die Original Series von DirectTV aus dem Jahr 2014 dreht sich seit zwei Staffeln um die dysfunktionalen Mitglieder der Kulina-Familie, sowie deren nächste Bekannte. Im Zentrum steht der gealterte MMA-Kämpfer Alvey Kulina (Frank Grillo), der mit seiner Freundin Lisa Prince (Kiele Sanchez) ein Fitness-/MMA-Studio in Venice, Kalifornien betreibt. Da dieses dem finanziellen Ruin nahe steht, braucht Alvey einen neuen „Champion“, um sein Studio zu retten und meint diesen in seinem Sohn Nate (eine der größten Überraschungen: Nick Jonas) gefunden zu haben. Dieser wird allerdings durch eher tragische Umstände verletzt und kann vorerst nicht kämpfen. Obwohl Alveys älterer Sohn Jay (ein ganz eigenständiger Grund, diese Serie zu schauen und zu lieben: Jonathan Tucker) ebenfalls großes Talent zeigt, macht die schwierige Beziehung der beiden zueinander es fast unmöglich, dass sie gemeinsam an einem Strang ziehen. Als Ryan Wheeler (Matt Lauria), Alveys ehemaliger Schüler, einstiger MMA-Star und Ex-Verlobter von Lisa, aus dem Gefängnis entlassen wird, sieht Alvey die große Chance, seine eigenen glorreichen Kämpfer-Tage noch einmal aufleben zu lassen. Währenddessen versucht Alveys Ex-Frau Christina (ebenfalls großartig: Joanna Going) ihren Weg aus der Drogensucht und Prostitution heraus zu finden, um ihrer Familie wieder näher zu sein.

Wie oben schon angedeutet, ist vor allem Jonathan Tuckers Figur des Jay Kulina ein Grund, sich „Kingdom“ anzusehen. Jay Kulina ist sich selbst gegenüber absolut verantwortungslos, nimmt Drogen, trinkt zu viel, aber kämpft – wenn er denn nüchtern ist – wie ein junger Gott. Seine sensible Seite weiß er gut zu verstecken und doch bringt sie ihn immer wieder an den Rand des Wahnsinns. Die schwierige Beziehung zu seinem Vater, seine eigenen Selbstzweifel und die Drogensucht seiner Mutter machen Jay zu schaffen und doch versucht er, sich stets an den eigenen Haaren aus dem eigens geschaffenen, viel zu tiefen Sumpf zu ziehen.

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Doch auch die anderen Darsteller können sich sowohl schauspielerisch als auch kämpferisch sehen lassen. Durch monatelanges, intensives Training mit echten MMA-Kämpfern trumpft „Kingdom“ mit actionreichen, realistisch wirkenden Kampfszenen auf. Nick Jonas gewinnt durch seine Rolle in der Serie nicht nur jede Menge Muskeln, sondern auch einen erwachsenen Fan nach dem anderen. Der junge Herr kann definitiv mehr als sich in die Herzen von weiblichen Teenagern singen. Byron Balasco und Team schreiben Nate als einen ruhigen, verantwortungsbewussten, jungen Kämpfer, der in seiner exzentrischen Familie häufig unterzugehen scheint. Wie jeder Charakter in „Kingdom“ wirkt auch Nate innerlich zerrissen, weil er die Messlatte an sich selbst natürlich viel zu hoch anlegt. Zudem trägt er ein seiner Meinung nach fürchterliches Geheimnis mit sich herum, das schwer auf seinen Schultern lastet und das er niemandem anvertrauen kann. Bleibt noch Ryan Wheeler, der den Kämpfernamen „The Destroyer“ trägt (vor allem in Staffel 2 erinnert dieser optisch an den MMA-Star Conor „The Notorious“ McGregor). Ryan war ganz oben angekommen, nur um wieder nach ganz unten abzustürzen. Nach seiner vier Jahre langen Gefängnisstrafe tastet er sich wieder vorsichtig an den Ring heran. Sein Charakter ist dabei geplagt von Schuld und der Angst davor, wieder die Kontrolle über sich selbst zu verlieren. In Staffel 2 wird der Kader durch die Kämpferin Alicia Mendez (Natalie Martinez) erweitert und „Kingdom“ zeigt, dass MMA auch Frauenpower im Ring zu bieten hat. Außerhalb dessen stehen Lisa und Christina wie schon seit Staffel 1 weiterhin ihren Mann bzw. ihre Frau. Die beiden zeigen, wie schwer es sein kann, mit dominanten Athleten zu leben und zu arbeiten. Vor allem Christina ging kaputt an ihrer Ehe mit Alvey und versucht nun, langsam wieder ins Leben zurück zu finden.

Die Serie handelt in erster Linie vom menschlichen Kampf mit den eigenen Dämonen und in zweiter Linie vom tatsächlichen Kampf im Ring und kann an dieser Stelle mit dem Film „Warrior“ von Gavin O’Connor aus dem Jahr 2011 verglichen werden. „Warrior“ zeigt ebenfalls die dysfunktionale, menschliche Seite der Kämpfer, allerdings kondensiert in 140 Minuten. „Kingdom“ kann sich hier auf Grund des seriellen Formats mehr Zeit nehmen, wodurch das Publikum wirklich mitfühlen kann, wenn die Charaktere leiden, kämpfen, triumphieren, fallen und vor allem, wenn sie fühlen. Überraschend und faszinierend an „Kingdom“ ist das Fehlen eines Bösewichts. Vor allem Staffel 1 lässt sich Zeit, die komplexen Geschichten seiner emotional und seelisch beschädigten Charaktere ausreifen zu lassen. „Kingdom“ zeigt, dass niemand von uns ausschließlich gut oder ausschließlich böse ist. Es ist die berühmte Grauzone, eine Schattenwelt, in der die kämpferischen Figuren zu finden sind. Wie es Michael Morris, einer der Regisseure von „Kingdom“ einmal so schön ausgedrückt hat: „Nothing is simple in this show“. „Kingdom“ ist nichts für schwache Nerven. Wer aber realistische, provokante Charaktere und herausragende schauspielerische Leistungen auf höchstem athletischen Niveau zu seinen Favoriten zählt, wird von „Kingdom“ nicht genug bekommen können.

Ratings: 9/10 für Staffel 1, 7/10 für Staffel 2

Autorin: Caren Heim

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