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Kikujiros Sommer (1999) Blu-ray-Kritik

© capelight pictures

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Takeshi Kitano ist ohne Zweifel einer der ganz Großen im japanischen Kino, nicht nur in Bezug auf die Gegenwart, sondern auch mit Blick auf die japanische Filmgeschichte als Ganzes. Seit Beginn der 1990er-Jahre dreht der Regie-Tausendsassa und ehemalige Komiker wahlweise knallharte Yakuza-Thriller, absurde Komödien, blutige Historienfilme oder melancholisch angehauchte Melodramen, wobei er auch selbst immer wieder die Hauptrolle übernimmt. Mit „Hana-Bi – Feuerblume“ gelang es ihm 1997, den Goldenen Löwen bei den Filmfestspielen von Venedig zu gewinnen, wodurch sein Schaffen seitdem auch internationale Aufmerksamkeit genießt. Mit dessen Nachfolger „Kikujiros Sommer“ schuf er daraufhin einen Film, der sich von seinem bisherigen Werk in einigen Facetten abhob und seine melancholischen Tendenzen mit einer leisen und zurückhaltenden Form der Komik verband.

Trotz des Titels ist weniger der von Kitano selbst gespielte Kikujiro der zentrale Charakter des Films, sondern der achtjährige Masao (Yusuke Sekiguchi), der bei seiner Großmutter lebt und sich gemeinsam mit Kikujiro auf die Suche nach seiner Mutter macht, die er zuvor nie kennengelernt hat. Kikujiro stellt sich zwar zunächst als nicht unbedingt kompetent hinsichtlich des sozialen Umgangs mit anderen Menschen heraus, jedoch beginnt sich zwischen den beiden Figuren nach und nach eine Art Vater-Sohn-Beziehung zu entspinnen, während sie auf ihrem Weg weitere, teils etwas schräge Charaktere kennenlernen. Aus dieser Roadmovie-Struktur macht Kitano auf charmante Weise einen berührenden Film, gespickt mit dem ihm eigenen, teils herrlich absurden Humor, womit er die emotionale Waage hinsichtlich der nachdenklichen Momente gekonnt auszugleichen vermag.

Die Komik ist dabei in keiner Weise brachial, sondern sehr sanft eingesetzt, zumeist ausgelöst durch Aktionen von Kikujiro, gepaart mit seinem gern zur Schau gestellten Selbstbewusstsein. Wenn er versucht, zu schwimmen (obwohl er es eigentlich nicht kann); wenn er versucht, jonglieren zu lernen oder wenn er einen Blinden spielt, um einfacher als Anhalter mitgenommen zu werden, dann sind dies großartige Momente, wie immer von Kitano fulminant verkörpert. Auch die Bildsprache vermag ihren Teil zu der teils humorvollen Wirkung des Filmes beizutragen, man achte nur einmal darauf, wie Kitano eine Schlägerei zwischen Kikujiro und einem Lastwagenfahrer inszeniert (sowie ebenso das Ereignis, welches diesem Zwischenfall vorausging) oder wie er einen übereifrigen Hotelmitarbeiter einbaut, der Masao und Kikujiro immer wieder mitteilt, was sie in seinem Etablissement alles nicht dürften.

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Ohnehin ist der Film durch die formidable Kamera geprägt, geführt von Kitanos Stammkameramann Katsumi Yanagishima (der ebenso für die Kameraarbeit bei „Battle Royale“ verantwortlich war, welcher ebenfalls maßgeblich von diesem formalen Aspekt lebt). In regelmäßigen Abständen wiederkehrende und oft genauestens durchkomponierte Bildkompositionen durchziehen und prägen den Film und fungieren stellenweise als symbolischer Kommentar zum Geschehen: Wenn Masao auf einem aus enormer Höhe gefilmten menschenleeren Sportplatz darauf wartet, dass sein Fußballtraining beginnt, welches jedoch aufgrund der beginnenden Ferien nicht stattfindet, vor dem Ball Anlauf nimmt…und ausrutscht, dann verdeutlicht das die Einsamkeit des Charakters in einem kurzen prägnanten Moment mehr, als es etliche Dialoge könnten. Die emotionale Seite des Filmes wird zudem durch den herausragenden Soundtrack von Joe Hisaishi gestützt, insbesondere das Hauptthema „Summer“ sorgt mit seiner eingängigen Klavier-Streicher-Kombination immer wieder für eine entrückt-gefühlvolle Stimmung.

„Kikujiros Sommer“ ist nicht zuletzt dank des lakonisch-trockenen Humors trotz der emotional tiefgreifenden Geschichte sehr leichtfüßig erzählt, ein auf ganz eigene und zurückhaltende Weise bunter Film. Der Kontrast zwischen dem treuherzig-arglosen Masao und dem rüpelhaft-ruppigen Kikujiro mit betont harter Schale, aber einem dann doch weichen Kern dient als Fundament für ein wunderschönes Roadmovie, mit dem Takeshi Kitano einmal mehr seine künstlerische Variabilität als Regisseur unter Beweis zu stellen vermag.

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Die Edition: capelight pictures erweist sich mit der Veröffentlichung von „Kikujiros Sommer“ endgültig als das deutsche Kitano-Label Nr. 1, nachdem sie bereits „Hana-Bi“ (1997), „Brother“ (2000), „Dolls“ (2002), „Outrage“ (2010) und „Outrage Beyond“ (2012) in ihrer Mediabook-Reihe veröffentlichten, wobei mit Ausnahme von „Brother“ alle Releases zusätzlich mit einem Bonusfilm von Kitano aufzuwarten wussten (namentlich „Das Meer war ruhig“ (1991), „Kids Return“ (1996), „Takeshis’“ (2005) sowie „Achilles und die Schildkröte“ (2008), alle als deutschsprachige Premiere sowie bis auf erstgenannten wiederum alle auf Blu-ray). Auch in der vorliegenden VÖ ist ein Blu-ray-Bonusfilm auf einer zweiten Disc enthalten, welcher ebenfalls eine Kitano-Lücke schließt; es handelt sich um sein aktuellstes Werk „Ryuzo and His Seven Henchmen“ (2015, eine eigene Kritik folgt). Disc 3 beinhaltet „Kikujiros Sommer“ auf DVD, während als vierte Disc der bereits angesprochene träumerische Soundtrack auf CD beigelegt ist. Als Bonus gibt es die 90-minütige Dokumentation „Jam Session“ über die Entstehung von „Kikujiros Sommer“, die durch ihre spezifisch beobachtende Machart fast den Eindruck erweckt, als wäre man beim Dreh dabei gewesen und ein Interview mit Kitano, das sich im Booklet in schriftlicher Form noch einmal wiederfindet, welches wiederum zudem einen ausführlichen und gewohnt informativen Text des Filmwissenschaftlers Marcus Stiglegger aufweist. Alles in allem lässt sich wohl ohne Übertreibung konstatieren, dass capelight pictures mit dieser Veröffentlichung die ultimative Edition von „Kikujiros Sommer“ geschaffen hat.

Autor: Jakob Larisch

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