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Kick-Ass 2 (2013) Review

Die Fortsetzung einer Comicverfilmung? Mal etwas ganz Neues…so vermutlich ein potenzieller Reflex, den „Kick-Ass 2“ bei einem hypothetischen Kinobesucher hervorrufen könnte. Und auch wenn es sich hierbei nicht um einen kleinen Bestandteil eines riesigen Franchises handelt, so muss sich auch dieser Film wie eigentlich jedes Sequel automatisch an seinem Vorgänger messen. Denn „Kick-Ass“ (2010) war hart, schnell, brutal, fies, lustig und genial. Und „Kick-Ass 2“ ist hart, schnell, brutal, fies, lustig und genial!

Zwar hatte Dave Lizewski (Aaron Taylor-Johnson) vor einiger Zeit seinen Kick-Ass-Anzug an den Nagel gehängt, jedoch macht sich nun eine gewisse Monotonie in seinem Leben breit. Er beginnt somit, gemeinsam mit Mindy MacReady alias Hit-Girl (Chloë Grace Moretz) zu trainieren, um dem Verbrechen auf der Straße wieder adäquat begegnen zu können. Dumm nur, dass Mindys Vormund Marcus (Morris Chestnut) jeglichem Treiben als Hit-Girl eine Absage erteilt und sie stattdessen ermutigt, etwas mit Gleichaltrigen zu unternehmen, was allerdings gründlich schiefgeht. Kick-Ass lernt jedoch bald einen weiteren Freizeit-Superhelden kennen: Dr. Gravity (Donald Faison), einer von vielen Nachahmern, die Kick-Ass eine Vorbildfunktion bescheinigen und der ihn in den Rächer-Trupp „Justice Forever“ unter der Leitung von Colonel Stars and Stripes (brillant: Jim Carrey) einführt, welche als Teilzeit-Vigilanten versuchen, auf den Straßen für Recht und Ordnung zu sorgen. Zusätzlich tritt bald Chris D’Amico (Christopher Mintz-Plasse) auf den Plan, welcher sich für den Tod seines Vaters an Kick-Ass rächen möchte und dazu in Gestalt des Superschurken „Motherfucker“ gemeinsam mit einer Bande psychopathischer Krimineller versucht, ihm auf die Spur zu kommen. Kick-Ass gerät in Bedrängnis, doch natürlich kann Hit-Girl dem Ganzen nicht lange untätig zusehen…

Bereits „Kick-Ass“ gestaltete sich mit seinen vielen Verweisen auf real existierende Comics und fiktive Superhelden als ein selbstreflexives Spiel sowohl mit den filmischen Vorbildern als auch mit den Regeln des Genres, welche durch den Bezug zur vermeintlich „realen“ Welt der Protagonisten hinterfragt, aufgelöst und neu definiert wurden. „Kick-Ass 2“ beschreitet diesen Weg konsequent weiter und seziert permanent seine eigenen Mechanismen. Nicht zuletzt mit Hilfe der sich durch den Film ziehenden Fragestellung, was denn nun eigentlich das „wahre Leben“ sei und was im Gegensatz dazu eher in einem Comic oder Film passieren würde, erdet der Film die Debatte um angeblich mangelnden Realismus, welche Superheldenfilme stets umweht. Dafür werden diese beiden Positionen im Film aufeinander losgelassen: Dave alias Kick-Ass steht hierbei für den bodenständigen und in der Wirklichkeit verwurzelten Teenager, welcher in einem in der Tat realistischen Rahmen versucht, das Verbrechen zu bekämpfen. Mindy alias Hit-Girl hingegen spiegelt mit ihren Kräften und ihrem Können die unrealistische Seite des Heldendaseins wider. Das Bewusstsein des Films und letztlich auch der Figuren um diese inhaltliche Zweischneidigkeit macht „Kick-Ass 2“ mit Hilfe ironischer Brechungen somit zu einer im Gegensatz zum Vorgänger nochmals gesteigerten Auseinandersetzung um Regeln und Mechanismen des Genres wie des Mediums Film. Und wenn Dave nachts von Mindy geweckt wird und dabei ein T-Shirt mit der Aufschrift „I Hate Reboots“ trägt, ist dies ein augenzwinkernder Rippenstoß in den Körper Hollywoods.

Darin erschöpft sich „Kick-Ass 2“ jedoch nicht. Auch auf der dramaturgischen Ebene gestaltet sich das Sequel erfreulicherweise nicht als ein Aufguss des ersten Teils, sondern betritt inhaltliches Neuland, um so die Geschichte konsequent zu steigern und weiter zu erzählen. Nebenbei stellt der Film die eigene Industrie sowie die damit zusammenhängende mediale Wirklichkeit des digitalen Zeitalters entlarvend als eine Maschinerie dar, die primär auf die Verdummung der Massen ausgerichtet ist und die Menschen damit von den real existierenden Problemen ablenkt: Kriminalität, Ungerechtigkeit, Korruption, die Hilflosigkeit staatlicher Stellen. Die Polizei als Stellvertreter des Systems wird nicht mehr mit den sie umgebenden Problemen fertig; zum Glück artet der Film nicht in diesbezügliches Bashing à la „Death Wish“ aus, sondern geht mit der ganzen Problematik ein wenig reflektierter um.

Damit verbunden lässt sich „Kick-Ass 2“ nach Jim Carreys öffentlichkeitswirksamem Ausstieg aus sämtlichen Werbemaßnahmen nicht rezensieren, ohne über die Gewaltdarstellung zu sprechen. War der erste Teil schon dauerhaft provokant, so ist die fiktionalisierte Gewalt auch hier wieder stets überzeichnet und geht keine Kompromisse ein; Quentin Tarantino hätte an den Exzessen von Schlägereien, Schießereien und jeder Menge Blut vermutlich seine helle Freude. Hierbei spiegelt die Gewaltdarstellung jedoch genau das wider, was sie medial verarbeitet: Eine gesellschaftliche Unzufriedenheit und ein latent innerhalb der Gesellschaft ruhendes Gewaltpotenzial. Jedoch wird Selbstjustiz als Lösung für diese Problemstellung trotz der Vigilante-Thematik eine klare Absage erteilt: Die Welt braucht keine Menschen, die versuchen, Superhelden zu sein, sondern Menschen, die das Prinzip der Solidarität verstanden haben. Dies verdeutlicht der Film gegen Ende in einer charmanten Szene sehr prägnant.

„Kick-Ass 2“ ist definitiv nicht jedermanns Sache und wird mit seiner durchaus gezielten provokanten Ader speziell in konservativen Kreisen Kritik ernten. Blickt man jedoch hinter die Fassade des Gemischs aus Comicverfilmung, Superheldenthematik sowie einer zwar ironisierten, jedoch nie verzerrten Coming-of-Age-Geschichte, eröffnet sich dem Zuschauer einer der vermutlich intelligentesten Filme des Jahres, welcher ihn mit signifikanten Fragen konfrontiert, die eine nicht unbedingt aufzuschiebende Antwort benötigen.

Autor: Jakob Larisch

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