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Keinohrhasen (2007) Review

Ende 2007 kam “Keinohrhasen” in die Kinos und ist bis dato nicht nur der erfolgreichste Film von Regisseur, Drehbuchautor, Produzent und Hauptdarsteller Til Schweiger, sondern auch einer der zehn erfolgreichsten deutschen Filme überhaupt, dessen Kinostart von großer medialer Aufregung begleitet wurde. Til Schweiger hielt keine allgemeine Pressevorführung ab, weil ihm “manche Kritiker richtig auf den Sack” gingen. Schweiger bezog sich dabei wohl auf seine vorherigen Filme “One Way” (2006) und “Wo ist Fred?” (2006), in denen sich ein Großteil der Kritik gegen ihn als Hauptdarsteller richtete. Sein eigenes Regie-Werk “Barfuss“ [sic] (2005) wurde dagegen vornehmlich wegen seiner Hauptdarstellerin Johanna Wokalek von der Kritik gefeiert. Inwiefern sich das Medienecho auf den Erfolg von ”Keinohrhasen“ ausgewirkt hat, kann nur gemutmaßt werden. Für meine Begriffe ist ”Keinohrhasen” ein Mainstream-Film, der unabhängig von der Kritik läuft, weswegen ich keinen Pressecoup für den Erfolg verantwortlich mache. Erklären kann ich mir den enormen Erfolg von “Keinohrhasen“ jedoch nicht. Schweigers Werk lässt sich treffend als UnRomantic DisComedy bezeichnen.

Der Plot ist schnell zusammengefasst: Ludo Decker (Til Schweiger) ist ein Boulevard-Reporter bei der Zeitung „das Blatt“ (angelehnt in Layout und Logo an die „Bild“-Zeitung) in Berlin. Auf seinem Feldzug, das Klatsch- und Tratsch-süchtige Publikum mit immer neuen schlüpfrigen Details über A-Z-Prominente zu füttern, platzt er in die geheime Verlobung von Wladimir Klitschko (Wladimir Klitschko) und Yvonne Catterfeld (Yvonne Catterfeld) und zerstört deren Verlobungs-Torte. Er wird wegen persönlicher Unreife zu 300 Sozialstunden in einem Kindergarten verurteilt. Die Leiterin der Kindergartengruppe ist das prüde Mauerblümchen Anna Gotzlowski (Nora Tschirner). Am Anfang können die beiden so gar nicht miteinander, kommen sich im Laufe der Zeit aber immer näher….

Hier erahnt man schon die größte Schwäche des Films – das Drehbuch. Die Skurrilitäten stören eher weniger, die machen nämlich einen Teil des Humors von ”Keinohrhasen“ aus. Dieser besteht zunächst aus bizarren Situationen, in denen Promis sich selbst spielen und auf die Schippe nehmen (Jürgen Vogel, Barbara Schöneberger sowie die bereits genannten Wladimir Klitschko und Yvonne Catterfeld). Dazu kommen Szenen vom guten alten Rein-Raus-Spielchen, gewürzt mit einer Prise „och, ist das süß“ und Slapstick im Kindergarten. Da ist für jeden was dabei, der sich mal so richtig fremdschämen möchte.

Keinohrhasen 3

Dass der Hauptplot derartig konstruiert daherkommt, stört mich nicht mal sonderlich, darüber kann ich auch bei anderen Filmen hinweg sehen. Es geht dabei eher um die Nebensächlichkeiten, bei denen man sich ständig nur fragt: „Warum?“. Als Beispiel wähle ich drei Szenen vom Anfang. Ludo und Anna treffen sich schon vor ihrer Begegnung im Kindergarten mehrmals zufällig. Zunächst überfährt Ludos Fotograf Moritz (Matthias Schweighöfer) Anna fast mit dem Auto. Sie überquert gerade mit ihrer 20-köpfigen Kindergartengruppe die sechsspurige, vielbefahrene Straße des 17. Juni. Dort ist zwar im Film ein Zebrastreifen, aber das würde trotzdem kein halbwegs zurechnungsfähiger Mensch machen. Die anderen Szenen finden in einem Luxus-Restaurant und in einem Luxus-Wellnesstempel statt. In der filmischen Welt ist ein Journalist ein Großverdiener, das habe ich mittlerweile akzeptiert, aber eine Kindergärtnerin?

Sicherlich könnte man das ganz einfach erklären: Sie hat sich an dem Tag eben mal was gegönnt und das würde man auch akzeptieren, wenn die Szenen nicht rein zum Selbstzweck angelegt wären. Es findet weder eine Interaktion zwischen beiden statt, noch wird Anna in irgendeiner Weise charakterisiert. Für die Narration spielt Annas Anwesenheit in den Szenen überhaupt keine Rolle, sie ist einfach nur da. Es gibt noch weitere Kleinigkeiten, die deswegen nerven, weil es so viele sind, sie keine Funktion erfüllen und mit Leichtigkeit zu vermeiden gewesen wären. Anna muss sich nicht an den oben genannten Orten befinden, man hätte sie auch in gesonderten Szenen zeigen und vielleicht sogar ein Fünkchen charakterisieren können. Neben den tumben Dialogen, in denen uns Schweiger seine Sicht zum Thema Beziehungen offenbart, schlägt man sich in diesen Szenen wohl am häufigsten gegen die Stirn.

Keinohrhasen 2Bei der Besetzung kann man nicht meckern, weitere Rollen spielen unter anderem Barbara Rudnik, Paul Maximillian Schüller, Alwara Höfels, Armin Rohde und Til Schweigers Kinder (alle). Keiner der Darsteller brilliert, aber es versagt auch keiner. Das einzig Negative: Anna ist maximal vier Jahre jünger als Ludo, was in einem Flashback durch den Altersunterschied der Kinderdarsteller (Valentin Florian Schweiger & Luna Schweiger) suggeriert wird. Til Schweiger – so fantastisch er mit Mitte 40 auch aussieht – ist fast 20 Jahre älter als Nora Tschirner und das sieht man eben auch. Wieder ein simpler Drehbuchfauxpas. Es ist für die Konflikte und den Plot völlig unerheblich, ob die beiden sich aus der Kindheit kennen, aber Luna und Valentin waren zu alt, um Kindergartenkinder zu spielen.

Die Schauspieler haben dankbare Aufgaben, jeder Rolle ist das Abziehbild von einem Klischee, welches durch „Bauer sucht Frau“-Alliterationen perfekt umrissen ist. Der fehlerlose Frauenversteher (Christian Tramitz), der cholerische Chef (Rick Kavanian), der nervige Neffe (Paul Maximillian Schüller). Selbst Ludo und Anna erfahren nicht mehr Charakterisierung als liebestoller, eitler Macho und prüdes, tollpatschiges Mauerblümchen. Liebesgeschichten stehen und fallen mit den Charakteren. Ich muss mich nicht mit einem der beiden identifizieren, aber ich muss für beide gewisse Sympathien aufbringen können. Im Idealfall will ich, dass sie am Ende zueinander finden. Bei ”Keinohrhasen“ langweilen mich beide zu Tode und es ist mir völlig egal, was aus ihnen wird.

Til Schweiger ist das auch überhaupt nicht wichtig: Ludo Decker wird von Beginn an negativ charakterisiert. Einzig sein gutes Aussehen und sein Schlag bei Frauen werden vermehrt in Szene gesetzt. Anna Gotzlowski wird als pomadige, schüchterne Frau gezeigt, die von Männern wie Ludo bzw. allen Männern – weil alle Männer wie Ludo sind – enttäuscht ist. Das trieft derart vor Klischees, dass ich die Figuren nicht mal ernst nehmen kann; da gehen mir die Opfer in einem 08/15-Slasherfilm näher. Immerhin finden die Figuren gegenseitig etwas an sich und verlieben sich sogar ineinander – warum auch immer.

Anna entwickelt wohl Gefühle für Ludo, weil dieser nicht nur gut aussieht, sondern auch mit den Kindern im Kindergarten so gut kann. Da hat Til Schweiger sich eines Kniff einer x-beliebigen amerikanischen Sitcom bedient. In denen gibt es immer eine Folge, in der der Aufreißer vom Dienst ein ihm anvertrautes Baby nutzt, um die Ladies rumzukriegen. Was Ludo an Anna findet, ist ungleich komplizierter nachzuvollziehen. Zum einen verführt sie ihn, als sie aufgetakelt, betrunken und ohne Brille (!) bei ihm vorbeikommt. Außerdem hilft sie ihm in Gesprächen dabei, Frauen besser zu verstehen. Seine Gefühle werden ihm aber erst so richtig bewusst, als er Mist baut und Anna zum Heulen bringt. Ludo kehrt darauf in sich, betrachtet den Keinohrhasen, den sie vor ihm fallen gelassen hat und kommt schließlich zu der Erkenntnis, dass er Anna liebt.

Liebe ist unergründlich, Liebe trifft einen wie ein Blitz, Liebe kann grausam sein, Liebe macht in manchen Fällen gar blind, Liebe ist unkontrollierbar. In diesem Fall ist Liebe entweder Mitleid oder aber die Macht des Keinohrhasen (den er selbst gebastelt hat), von dessen debil schielenden Augen Ludo Decker verzaubert wird.

Vielleicht lässt sich so der enorme Erfolg an den Kinokassen erklären: Mit der Macht des Keinohrhasen.

Autor: Torsten Stenske

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