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It Follows (2014/2015) Review

© It Will Follow, INC.

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Beginnt man mit der Produktion eines Horrorfilmes, sollte man sich früh überlegen: „Was ist gruselig?“ Genauso kann man sich fragen: „Was ist nicht gruselig?“, und sich solcher Elemente entledigen. Eines dieser nicht-gruseligen Elemente hält seit Jahren Einzug in den Horrorfilm: Erklärungen. Mittlerweile wird Horror-Ikonen in Remakes plötzlich eine Hintergrundgeschichte zuteil, jeder Wahnsinnige bekommt einen psychoanalytischen Hintergrund für sein Verhalten verpasst, das Übernatürliche wird zur Halluzination, zum Traum, oder das Ganze hat eine noch banalere Begründung. „It Follows“ von David Robert Mitchell tappt erfrischenderweise nicht in diese Fallen und präsentiert ein unheimliches Horrorkonzept, dem glücklicherweise vor allem eins fehlt: die Erklärung.

Im Film verschlägt es uns in einen Vorort von Detroit, das Jahr ist schwierig zuzuordnen; Autos, Möbel, Einrichtungen fühlen sich an wie aus den 1980ern. Jamie „Jay“ Height (Maika Monroe) geht mit ihrem Freund aus, ins Kino. Dort verhält er sich plötzlich komisch, als wäre etwas hinter ihm her. Sie verlassen das Gebäude. Weitere Dates folgen, schließlich haben beide Sex im Auto. Danach ist nichts mehr wie es vorher war, der Freund scheint irgendetwas auf Jay übertragen zu haben. Was das ist, kann keiner tatsächlich erklären, aber es folgt ihr, ab jetzt unentwegt.

So spärlich sollte die Story-Beschreibung bleiben, denn „It Follows“ macht deutlich mehr Spaß ohne zu viel Vorwegnahme. Gerade die Anfangsszene erwischt den Zuschauer völlig kalt, und ab dem Moment startet das Rätseln über den Ursprung der ständig folgenden Entität, die dem Film seinen Namen gibt.

Aufschluss über das Geschehen geben Inspirationsquellen des Regisseurs. George A. Romero schuf mit seinen Zombies einen langsam schreitenden, aber unaufhaltsamen Tod. Hin und wieder kann man sich auch tatsächlich an den Großmeister des Untoten-Genres erinnert fühlen, „It Follows“ ist jedoch sehr deutlich kein Zombie-Film. Eine weitere Inspirationsquelle, allerdings vor allem optisch und akustisch, ist John Carpenter: Die Location sieht exakt aus wie Haddonfield, der Vorort aus „Halloween – Die Nacht des Grauens“. Nicht selten wird man sich erinnert fühlen an die Momente, in denen die jungen Mädchen den Gehweg entlang schreiten, und der Zuschauer hinter einem Baum oder einer Hecke plötzlich die kräftige und starre Gestalt von Michael Myers im Hintergrund erkennen konnte. Auch musikalisch zollt David Robert Mitchell seinen Vorbildern Tribut: War Carpenter ab „Assault On Precinct 13“ ein Pionier für elektronische Film-Scores, so ist auch „It Follows“ mit einem ganz fantastischen instrumentalen Retro-Synthpop-Soundteppich unterlegt. Zusammen mit der anachronistischen Location (Detroit sieht so heruntergekommen aus wie heute, der Vorort und die Einrichtungen dort wirken wie vor 30 Jahren) versetzt der Film den Zuschauer zurück in ein vergessen geglaubtes Zeitalter: „It Follows“ könnte ebenso 1980 auf VHS erschienen sein und hätte zusammen mit „Halloween“ und „Dawn of the Dead“ einen großartigen Filmabend gebildet.

© It Will Follow, INC.

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Die Unerklärlichkeit der Vorkommnisse ist die angenehmste Stärke des Films. Es besteht kein Zweifel daran, dass die gezeigten Geschehnisse tatsächlich stattfinden, warum und wie, das ist jedoch nicht geklärt. Eine Erklärung hätte hier vermutlich dem unheimlichen Konzept des Filmes viel Fleisch genommen. Allegorisch könnte die unerklärliche Verfolgungen nach dem Akt als Metapher auf sexuell übertragbare Krankheiten verstanden werden, die seltene Anwesenheit von Erwachsenen legt aber eher nahe, dass es sich hier um eine übernatürliche Version typischer jugendlicher Ängste handelt: Heruntergebrochen ist Jay nach der sexuellen Erfahrung traumatisiert und fühlt sich (nicht nur) verfolgt von unangenehmen Gefühlen, den Eltern darf zudem nie irgendetwas von den Vorkommnissen erzählt werden. Das Herumtragen von Problemen, ohne sich an die Eltern wenden zu können, bekommt hier eine mehr oder weniger physische Qualität. So ist der Film durchaus auslegbar, ohne dass er jemals explizite Erklärungen anstrebt. Angenehm unaufdringlich in seinen Metaphern funktioniert der Film genauso gut als kurzweiliger Thrill mit 80er-Charme, wenn auch gegen Ende der Grusel ein wenig zurückfährt und die Teenies versuchen, zurückzuschlagen. Wie auch in vergleichbaren Werken, zum Beispiel „Nightmare on Elm Street“ – sobald die Opfer versuchen, Herren der Lage zu werden, verliert der Film an richtigem „Horror“ – gewinnt hier aber durchaus an Spannung.

Fans des Genres haben sich „It Follows“ ohnehin schon vorgemerkt, der Film wurde nach diversen Festivalpräsenzen schon als neue Hoffnung des Horrorfilms gehandelt – das ist er nicht geworden, ob er das auch je sein wollte, ist fraglich. Es ist ein kleiner Film eines erklärten Genre-Fans, in dem sich all die Ingredienzien der genannten Einflüsse zu einer neuen albtraumhaften Idee vermischen – das versucht Mitchell auch überhaupt nicht zu kaschieren. Gleichzeitig zeigt sich der Film oft allegorisch und hält sich mit hartem Gore (eine Ausnahme hierbei) zurück, womit sich durchaus auch Zuschauer angesprochen fühlen dürften, die dem Genre sonst eher zurückhaltend gegenüberstehen.

Autor: Roman Widera

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