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Interstellar (2014) Review

Interstellar 2

Es gibt Regisseure im aktuellen Hollywood-Business, welche eine nicht gerade als inflationär zu bezeichnende Veröffentlichungspolitik pflegen. Häufig drehen sie alle zwei bis drei Jahre einen Film, weswegen ihr nächstes Werk aufgrund der langen Wartezeit stets mit hoher Spannung betrachtet wird. Zumeist haben sie in der Vergangenheit einen oder mehrere Filme gemacht, welche in der öffentlichen Diskussion häufig als „Meisterwerke“ tituliert werden oder einen Kultstatus errungen haben. David Fincher ist so ein Fall, mit „Sieben“ (1995) und „Fight Club“ (1999) oder Darren Aronofsky mit „Requiem for a Dream“ (2000) und „The Wrestler“ (2007). Auch Christopher Nolan fällt in diese Kategorie, der mit „Memento“ (2000) das anachronische Erzählen und mit „The Dark Knight“ (2008) den Comic-Blockbuster revolutionierte. War dessen Follow-Up „Inception“ (2010) noch von der Kritik weitgehend positiv aufgenommen worden und konnte mit seiner populärwissenschaftlichen Darbietung philosophischer Themenkomplexe überzeugen, so war „The Dark Knight Rises“ (2012) zumindest an den Kinokassen, nicht jedoch in der öffentlichen Beurteilung erfolgreich. Nach dem Abschluss der „The Dark Knight“-Trilogie fokussierten sich nicht nur Cineasten daher umso mehr auf Nolans ersten Film post-Batman. Kann der Mindfuck-Meister an die alten Zeiten anknüpfen und wieder auf allen Ebenen überzeugen? Die Antwort lautet: Nein, kann er nicht, trotz visuell spektakulärer Szenen und eines Bildersturms, der einen durchaus bleibenden Eindruck hinterlässt.

In der nicht allzu fernen Zukunft sind die Ressourcen der Erde knapp geworden. Einzig Mais gedeiht noch halbwegs unproblematisch, weswegen viel Wert auf die Ausbildung von Farmern gelegt wird. Ein solcher ist der ehemalige NASA-Astronaut Cooper (Matthew McConaughey), dessen Tochter Murphy (Mackenzie Foy) der Überzeugung ist, von einem Geist, der Bücher aus ihrem Regal wirft, geheime Nachrichten zu erhalten. Als Cooper dem nachgeht, findet er heraus, dass es sich dabei unter anderem um die Koordinaten eines Ortes handelt, welcher sich als geheimer NASA-Stützpunkt unter der Leitung von Professor Brand (Michael Caine) und seiner Tochter Amelia (Anne Hathaway) entpuppt. Von ihnen wird Cooper vor die ernüchternde Diagnose gestellt, dass die Menschheit aufgrund der sich immer weiter verschlechternden Naturbedingungen vom Aussterben bedroht ist. Als Lösung schlägt Brand eine Expedition ins All vor: In der Nähe des Saturns habe sich vor einiger Zeit ein Wurmloch aufgetan, durch welches die Reise zu anderen Galaxien möglich sei. Zwölf Forscher wären zu möglichen neuen Welten aufgebrochen, von denen einige vielversprechende Daten gesendet hätten. Nun müsste eine finale Mission sich auf die Suche nach ihnen machen, um eine neue Heimat für die Menschen zu finden. Cooper erklärt sich bereit, als Pilot mitzufliegen, im All wird jedoch recht schnell klar, dass die Gesetze von Raum und Zeit nicht immer zu ihren Gunsten spielen…

Seit „The Dark Knight“ und insbesondere den visionären Gestaltungen der Traumwelten in „Inception“, die zu den atemberaubendsten Momenten gehören, welche in letzter Zeit auf der Leinwand zu bestaunen waren, darf Christopher Nolan völlig zu Recht als einer der visuell stärksten Regisseure der Gegenwart gelten. Wichtig dabei ist in der Tat das Wort „Leinwand“, denn Nolan dreht Filme für das Kino, für die Präsentation auf großen Flächen in dunklen Sälen mit einer Wirkung, die mit „somatisch“ vermutlich nur unzureichend beschrieben ist. Als einer der letzten Film-Puristen dreht er nicht nur konsequent auf analogem Film, sondern setzt daneben auch auf so wenig CGI-Effekte wie möglich, um den Charakter des Haptischen, des Greifbaren weitestgehend zu erhalten. All diesen Punkten bleibt er auch in „Interstellar“ treu und das tut dem Film zunächst extrem gut. Zwar wurden die zahlreichen Aufnahmen des Weltraums logischerweise digital erstellt, während der Dreharbeiten ging Nolan jedoch einen unüblichen Weg, indem er seine Darsteller nicht vor Greenscreens spielen ließ, sondern vor Leinwänden mit den bereits erzeugten Effekten, so dass sie sich in das Gefühl der unendlichen Weite des Alls besser einfühlen konnten.

Interstellar 1

Die entsprechenden Bilder sind dabei schlicht phänomenal und auch wenn „Interstellar“ nicht ganz an die Wucht eines „Gravity“ (2013) herankommt, so schafft es Nolan dennoch, die Kraft und die majestätische Wirkung des Weltraums auf den Zuschauer zu übertragen, ihn förmlich in den Kinosessel zu drücken und ihn gleichzeitig in die Leinwand zu saugen. Einen großen Anteil daran hat auch der wie immer bombastische Score von Hans Zimmer, der mit seinen sakralen Klängen das Filmerlebnis noch einmal intensiviert. Wenn die Crew nach etwa einem Drittel des Film das Wurmloch erreicht, zuerst an ihm vorbei- und schließlich hineinfliegt, dann scheint sich die Leinwand in den Bildern gekrümmter Raumzeit förmlich über das Publikum zu ergießen. Nolan findet dabei einen faszinierenden filmischen Ausdruck, Dinge darzustellen, die das menschliche Gehirn eigentlich nicht in der Lage ist, verarbeiten zu können.

„Interstellar“ ist immer in diesen Momenten an der Peripherie zwischen Raumschiff und Weltall am stärksten, wenn die Bilder ganz bei sich sind, die Dramaturgie fast als Diener des Visuellen erscheint und die Story einen perfekten filmischen Ausdruck findet. Diese Szenen sind ganz großes Kino, ein visuelles und emotionales Highlight. Und auch dass die beiden Planeten, welche die Astronauten besuchen, nicht per CGI erstellt wurden, sondern ihren Drehort in Island haben, dass die in alle Richtungen endlos erscheinende Wasserfläche, in der Amelia Brand fast ertrinkt, ebenso echt ist wie die Eislandschaft, in der Cooper nach Leben fahndet, diese wirklichkeitsgrundierte Umsetzung macht die Wirkung dieser Augenblicke umso stärker und die Szenen umso beeindruckender. Die visuelle Fantasie des Regisseurs ist das Glanzlicht von „Interstellar“, hier erfüllt er alle Erwartungen.

Leider lässt sich das nicht für alle Facetten behaupten, denn auf der dramaturgischen Seite hat der Film durchaus Schwachstellen. Die Etablierung der leicht dystopischen Welt braucht seine Zeit und es ist gut, dass Nolan sie sich nimmt, dennoch wirkt es zunächst teils so, als hätte sich Cutter Lee Smith erst einmal warmschneiden müssen, worunter der Rhythmus ein wenig leidet. Richtig Fahrt nimmt der Film schließlich auf, als die Weltraummission startet, sehr stark gerät dann auch das lange Mittelstück des Films, das Finden des Wurmlochs, die Reisen auf die Planeten, die Probleme, die sich auftun. Ein Rätsel, welches „Interstellar“ dabei von vornherein aufwirft, ist: Wie ist dieses Wurmloch dorthin gekommen, wer hat es platziert? Die Figuren wissen es nicht, es ist jedoch bis zum Schluss die alles entscheidende Frage, weil der zentrale Motor der Handlung. Diese Frage wird natürlich geklärt, doch die Auflösung ist derart überkonstruiert, dass das Gesamtbild des Films darunter nicht unerheblich leidet. In der Diegese mag das Ganze kohärent sein und es ist nicht so, dass sich „Interstellar“ in reiner Beliebigkeit ergeht. Ohne das Ende zu verraten, wäre jedoch ein wenig mehr Fundierung wünschenswert gewesen, wie wer nun warum was so tun konnte, wie er es konnte. Ein nicht zu unterschätzender Fleck auf der visuell weißen Weste des Weltraumabenteuers.

Interstellar 3

Die Schauspieler sind durch die Bank weg sehr gut, wie eigentlich immer bei Christopher Nolan. Sein Stammschauspieler Michael Caine ist dabei der weise Alte, er erklärt die Grundzüge der Story und fungiert ansonsten als graue Eminenz im Hintergrund, die er mit britischer Eleganz mühelos meistert. Matthew McConaughey als Lead funktioniert ganz hervorragend, von Wut über Trauer bis hin zu Liebe deckt er das komplette emotionale Spektrum ab, ohne dabei aufgesetzt zu wirken. Anne Hathaway wird neben ihm fast zum schauspielerischen Beiwerk, auch sie hat jedoch ihre guten bis sehr guten Szenen. Anerkennende Worte müssen zuletzt an Mackenzie Foy gehen, denn man findet nicht oft Kinderdarsteller, die in der Lage sind, Emotionen glaubhaft zu verkörpern.

„Interstellar“ ist ohne Zweifel ein visuell herausragender Film, den man ohne Zweifel im Kino konsumieren sollte, um seine volle diesbezügliche Schlagkraft zu erfahren, jedoch tut ihm die Abkehr seines Regisseurs von philosophischen Schwerpunkten, die er noch in „Memento“ und „Inception“ setzte, nicht gut. Klar, auch „Interstellar“ hat eine nicht zu unterschätzende philosophische Komponente, welche jedoch nie wirklich ausgereizt wird und zugunsten naturwissenschaftlicher Elemente in den Hintergrund tritt. Auch politisch ist der Film relevant, porträtiert er doch eine sich selbst verschlingende Welt, die über ihre Verhältnisse gelebt hat und zeichnet damit ein gar nicht mal unrealistisches Bild dessen, was diese Erde in ein paar Jahrzehnten erwarten könnte. Hier jedoch das gleiche Problem: Nur einiges wird angerissen, weniges ausgeschöpft. Schlussendlich demontiert sich der Film durch das Ende seine eigene Stimmigkeit. Das alles ist Kritik auf sehr hohem Niveau, jedoch bleibt damit trotz grandioser Momente ein leicht fader Beigeschmack und der Gedanke, dass „Interstellar“ es irgendwie anders verdient hätte.

Autor: Jakob Larisch

2 Responses to “Interstellar (2014) Review”

  1. 1
    admin Says:

    Stay with me, got a lot to say.

    Zu Beginn erstmal drei Fragen im Dialog mit mir selbst, die meine Position verdeutlichen sollen:

    1. Ist Interstellar ein schlechter Film? – Nein ist er nicht.
    2. Finde ich Interstellar gut? – Nein, definitiv nicht.
    3. Wieso nicht? – Weil ich von Nolan maßlos enttäuscht bin.

    Nolans Filme werden generell mit nur 30% Informationsgehalt angepriesen. Seinen unumstrittenen Kultstatus behauptet er seit The Dark Knight für sich. (Für die Fans der „ersten“ Stunde seit Memento).

    Als Fan reicht der Name Chris Nolan um heiß auf seinen nächsten Output zu werden. (Wie erwähnt, bei den meisten seit The Dark Knight). Da sieht man sich keine Trailer an, keine Interviews und schon gar keine Kritiken, wenn man den aktuellen Film nicht schon selbst gesehen hat.

    Nun hat uns Nolan mit TDK und Inception so über die maßen bedient, dass Fans sich Jahrelang über diese Unterhielten, spekulierten und sie zu Meisterwerken stilisierten. Dann kam Dark Knight Rises. Und ich war stink wütend. Oh Mann war ich wütend. TDK hatte die Messlatte hoch gelegt und es war klar, dass der Nachfolger auch aufgrund der verstrichenen Jahre nicht heranreichen konnte. Doch die Logikprobleme dieses dritten Teils der Trilogie, ließen mich als Zuschauer wütend werden.

    Nolan, der Mann der in so viel Zeit zur Fundierung und ausführlichen Erklärung seiner innerdiegetischen Regeln der jeweiligen Filme verwendet, verstößt gegen sie. So etwas darf nicht passieren. (Ironischerweise, geht man detailliert auf diese Probleme ein, wird das als „Nitpicking“ ausgelegt. Detailverliebheit, die nicht dass Gesamtkonstrukt schmälern sollte. Und doch ist genau dies das Grundanliegen meiner Ablehnung.)

    Mit anderen Worten: Chris Nolan ist ein super intelligenter Mann, der zusammen mit seinem Bruder die stärksten, durchdachtesten Welten konstruiert, die wir in den letzten Jahren bewundern durften. Wir vertrauen ihnen so Blind, dass wir ins Kino gehen, nur weil einer ihre Namen darauf stehen (siehe Man of Steel).

    Chris Nolan ist ein intelligenter Mann und ein Depp! Ein intelligenter Depp! Er konstruiert seine Welten bis ins letzte Detail nur um dann drauf zu scheißen. So geschehen im finalen Akt von TDKR, wo er den Zuschauer nicht irregeführt, sondern glatt belogen hat. Dies ist benso der Fall bei Interstellar, wo er doch seinen eigenen Worten nur hätte zuhören müssen.

    Die Debatte zu TDKR und das Ende ist hinlänglich bekannt. Das Problem mit Interstellar: Nolan verbringt so viel Zeit mit der Erklärung physikalischer Vorgänge in diesem Film, lässt seine visualisierung nach den modernsten Maßstäben errechnen und lässt es im Film sogar aussprechen: Wir wissen nicht wie der Horizont des schwarzen Loches aussieht! ->Hier hört alles auf was wir in der Geschichte der Menschhheit erforscht und belegt haben. DANN HÖR AUCH AUF! Wir brauchen nicht noch ein Inception-rotierendes-Hotelflur- Setting um die Handlung zu etwas zurückzuführen, was eh von Anfang an klar war (und man hoffte, dass es nicht eintreten würde, da es als zu offensichtlich erschien).

    Nolan zitiert nicht nur sich, sondern auch gleich noch eine ganze Batterie von Sci-Filmen der Historie. Und darunter ganz besonders einen: Es dringt durch alle Poren: den übermässig gefeierten und von vielen Menschen als bester Film aller Zeiten betitelten „2001: A Space Odyssee“.
    Nolan wieso willst du dich zwanghaft mit Kubrick messen?

    Mehrere Regisseure benutzen ihre Filme auch, um ihr Emotionen gegenüber ihren Familienmitgliedern auszudrücken. Aronofsky tat dies in „The Fountain“ und Spielberg in „A.I.“.
    Nolan geh zu deiner Tochter, nimm sie in den Arm und sag ihr das du sie liebst! Natürlich ist es auch immer schön persönliche Empfindungen aus Filmen von Auteuren rauszulesen… Aber ich mache mir Sorgen um die Beziehung zu deinen Söhnen… (Die Verabschiedung von McConaughey und seinem Sohn grenzt ans Bizarre.)

    Natürlich gibt es noch viel mehr zu sagen. Aber dies ist der Kern. Ich bin enttäuscht. Einfach nur enttäuscht, weil ich sehr viel mehr Potenzial sehe als genutzt wurde.

    Zu guter letzt:

    Es gibt Regisseure denen vertraut man Blind: Aronofksy, Fincher, Jeff Nichols…
    Der im Mainstream unantastbare Nolan hat zum zweiten Mal in Folge bei mir vollständig daneben gelegen. Wie schon erwähnt, die Strategie seiner (von WB ausgearbeiteten) Filmwerbekampagnen zielen auf die maximale Auslassung von Informationen bis zum Release. Und auch die Reaktionen in Form von Podcasts, Reviews und ausufernden Kommentaren wie diesem hier zeigen, dass ein Menge Potenzial vorhanden ist, über die es sich zu diskutieren lohnt.

    Meine Probleme mit Interstellar noch einmal konkret:
    1. Er ist viel zu lang: Zu langer Anfang und Ende + Handlungsabschnitte, die einfach überflüssig sind.
    2. Die harte Etablierung real geltender physikalischer Regeln und deren konsequente Missachtung. (Stichwort „Liebe“)
    3. Der Name Nolan. (Von beiden Brüdern)

    Auch wenn ich jetzt zum Ende komme, ist noch längst nicht alles gesagt. Vll. machen wir noch einen Sonderpodcast der dem Thema gerecht wird.

    Liebe Grüße,
    Batman (seht ihr wie sehr mich der Kerl beeinflußt?) :-D

  2. 2
    David Spade Says:

    Die Kommentar-Maschine David Schröder hat zugeschlagen.
    Ich füge ein 4. hinzu:

    4. Niemand hat einen Gag über amerikanische oder russische Bauteile im Raumschiff gemacht.

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