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Inherent Vice – Natürliche Mängel (2015) Review

© Warner Bros.

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Paul Thomas Anderson ist ein Regisseur, ähnlich wie beispielsweise Terrence Malick, bei welchem man neue Werke immer mit einer gewissen cineastischen Spannung erwartet. Sei Oeuvre ist geprägt von einem nicht gerade als inflationär zu bezeichnenden Veröffentlichungsrhythmus und einem Filmschaffen stets etwas abseits vom Hollywood-Mainstream, aber dennoch gern mit Darstellern, die wiederum nicht selten in Blockbustern auftauchen. Auch sein neuestes Werk „Inherent Vice“ hat einen beachtlichen All-Star-Cast aufzuweisen (auch wenn einige große Namen nur für wenige Minuten auftauchen, mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden). Mit vereinten Kräften versuchen nun der für teils sperrige Werke bekannte Regisseur und seine Darstellerriege sich an der Verfilmung des gleichnamigen Romans von Thomas Pynchon. Das Ergebnis ist ein bewusst konfus gestalteter Film mit zweifellos grandiosen komödiantischen Momenten, der jedoch mit zunehmender Laufzeit an seiner eigenen anarchischen Agenda scheitert.

Doc Sportello (Joaquin Phoenix) ist ein Privatdetektiv im Los Angeles der 1970er-Jahre. Zwischen Kiffen und dem Tragen modischer Sonnenbrillen löst er auch mal den einen oder anderen kleinen Fall. Eines Nachts kommt überraschend seine Ex-Freundin Shasta Fay Hepworth (Katharine Waterston) vorbei und erzählt ihn von einem Plan der Ehefrau ihrer Affäre Mickey Wolfman (Eric Roberts), welche diesen mit wiederum ihrem Liebhaber in eine Psychiatrie einweisen lassen will, um so an sein Vermögen zu kommen. Sie kann dies aus Gewissensgründen nicht mittragen und bittet Doc um Hilfe, verschwindet jedoch kurz darauf. Doc gerät daraufhin in einen Strudel aus Ereignissen um einen Mordfall, dessen er verdächtigt wird, auch die Entführung von Wolfman und das Verschwinden von Shasta werden ihm vom zuständigen Polizisten Bigfoot Bjornsen (Josh Brolin) angelastet. Währenddessen soll er für Hope Harlingen (Jena Malone) ihren Mann Coy (Owen Wilson) finden, ein ominöses Syndikat namens „Golden Fang“ spielt eine Rolle und natürlich hängt alles miteinander zusammen…

Das klingt wirr und ist es auch. Jedoch geht es Paul Thomas Anderson auch gar nicht um die Lösung eines Kriminalfalls, genauer gesagt um die Lösung der gefühlt zehn miteinander verquickten Kriminalfälle. Es geht vielmehr um starke Szenen, große Momente und den Aufbau einer gewissen Atmosphäre. Durch die Farben, das Setting und insbesondere die grandiose Musik fühlt man sich schnell in die 1970er-Jahre versetzt, zumal Doc wie ein Klischee-Hippie herumläuft und es sich der Polizist Bjornsen, mit dem ihn eine ausgeprägte Hassliebe verbindet, nicht nehmen lässt, ihn in jedem zweiten Satz so zu nennen. Die Stärke des Films liegt in der Evokation ebenjener Atmosphäre und im Ausspielen von Situationskomik. Der Rest ist nebensächlich, wer für den Eingangsmord verantwortlich ist, wird nie wirklich geklärt, auch das Schicksal von Mickey Wolfman, das die Story eigentlich erst ins Rollen brachte, wird immer unwichtiger und schließlich in einer Art filmischem Nebensatz quasi beiläufig gelöst. Oder auch nicht, ganz sicher kann man nicht sein.

© Warner Bros.

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Dadurch wirkt „Inherent Vice“ (dessen deutsche Tagline „Natürliche Mängel“ übrigens eine recht adäquate Übersetzung des Originaltitels ist) teilweise wie eine Aneinanderreihung von Sketchen. Diese reichen von lustig bis schreiend komisch und sind zumeist auf den Punkt ausgespielt, etwa wenn sich Doc aus Höflichkeit dazu entschließt, im Büro eines Zahnarztes gemeinsam mit ebenjenem zu koksen oder er in einem Bordell ermittelt, in welchem er daraufhin über das Sonderangebot „Pussy Eater’s Special“ samt anschließender Demonstration desselben verhandeln muss. Die starken Einzelszenen sind jedoch ironischerweise auch die größte Schwäche des Films, denn wer mit wem wann was wieso macht und wer gerade zu welchem Zeitpunkt warum wie wo auftaucht, das fällt häufig unter den filmischen Tisch, was „Inherent Vice“ eine gewisse narrative Beliebigkeit verleiht. Nun ist dies gerade bei auf starke Einzelmomente angelegte Komödien erst einmal nichts Verwerfliches, jedoch wirkt der Film in vielen Fällen dann doch zu stark fragmentiert, als dass sich ohne Weiteres darüber hinwegsehen ließe. Mit der (zu) langen Laufzeit von knapp 150 Minuten ohnehin etwas sperrig, stellt sich somit irgendwann eine gewisse Redundanz des humoristischen Modus operandi ein, so dass der fehlende narrative Einschlag umso mehr ins Gewicht fällt.

Joaquin Phoenix und Josh Brolin sind schauspielerisch die Highlights von „Inherent Vice“, der bekifft-planlos-smarte Doc und der akkuart-aufbrausend-strenge Bigfoot geben ein kongeniales Duo ab, so dass speziell gemeinsame Szenen extrem gut funktionieren. Hinter ihnen stehen fast alle anderen Darsteller zurück, einzig Katharine Waterston und Jena Malone können noch ein paar Akzente setzen.

„Inherent Vice“ kann zwar durch brillante Momente und die starken darstellerischen Leistungen punkten, leidet jedoch insbesondere an seiner langen Spielzeit und der Tatsache, dass man das dahinterstehende filmische Konzept irgendwann begriffen hat und sich ab diesem Zeitpunkt eine gewisse rezeptive Langatmigkeit einstellt. Zwar ist Paul Thomas Andersons neuestes Werk definitiv kein schlechter Film, dafür sind die positiven Seiten zu ausgeprägt. Allerdings ist „Inherent Vice“ auch extrem weit entfernt von seinen eindringlichen Meisterwerken wie „Magnolia“ oder „There Will Be Blood“. Nichts Ganzes und nichts Halbes: 6/10.

Autor. Jakob Larisch

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