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Im Zweifel glücklich (2017/2018) Review

© Weltkino

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In seinem Regiedebüt „Year of the Dog“ (2007) erzählt Mike White von einer Frau Mitte 40, die durch den Tod ihres Hundes in eine Lebenskrise gestürzt wird. Mit seiner Tragikomödie „Im Zweifel glücklich“ (zu der er erneut auch das Drehbuch geschrieben hat) widmet er sich nun zehn Jahre später wieder einer Lebenskrise – dieses Mal allerdings der eines männlichen Protagonisten. Gespielt wird dieser von Ben Stiller, der nach „Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“ (2013) und „Gefühlt Mitte Zwanzig“ (2014) ebenfalls über einige filmische Erfahrung mit persönlichen Krisen verfügt. Sein Charakter Brad kämpft mit nagenden Selbstzweifeln, die durch ständige Vergleiche mit anderen – die viel glücklicher, erfolgreicher und begehrenswerter zu sein scheinen – immer schlimmer werden. Doch auch wenn die Hauptfigur zahlreiche Ängste widerspiegelt, die in unserer von stetigem Leistungsdruck geprägten Zeit vielen Menschen bekannt sein dürften, fällt es schwer, sich wirklich in ihre trüben und unentwegt kreisenden Gedanken einzufühlen.

Brad Sloan (Stiller) hat eigentlich keinen Grund, sich zu beschweren. Er hat sich seinen Studientraum von einer eigenen Wohltätigkeitsorganisation erfüllt, lebt mit seiner Ehefrau Melanie (Jenna Fischer) und dem gemeinsamen Sohn Troy (Austin Abrams) in einem schicken Haus und führt ein ruhiges, gemütliches Leben. Doch als sein einziger Angestellter ihm kündigt, weil er lieber selbst Geld verdienen will, statt es anderen Leuten „aus der Tasche zu leiern“, beginnt Brad den Sinn seiner Existenz infrage zu stellen. Verstärkt werden seine Minderwertigkeitskomplexe durch die Erfolge seiner alten Studienfreunde. Politikexperte Craig (Michael Sheen) ist ständig im Fernsehen zu sehen, Unternehmer Jason (Luke Wilson) jettet mit seiner perfekten Familie in einem Privatflugzeug um die Welt, Regisseur Nick (gespielt von Mike White selbst) feiert wilde Partys in seiner Hollywood-Traumvilla und Billy (Jermaine Clement) hat sich bereits am Strand von Maui zur Ruhe gesetzt. Als Brad sich mit seinem Sohn für die Collegesuche auf den Weg nach Boston macht und dieser wegen eines Missverständnisses um sein Bewerbungsgespräch in Harvard gebracht wird, nimmt Brad notgedrungen Kontakt mit seinen einflussreichen Studienfreunden auf. Mehr und mehr stellt er sich die Frage, warum er es nie so weit gebracht hat wie sie.

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Immer, wenn Brad aus seinem vermeintlich langweiligen Leben und seiner Resignation ausbrechen will, scheitert er kläglich und sein ohnehin schon angekratztes Selbstbewusstsein bekommt einen weiteren Dämpfer. So wird ihm auf der Reise nach Boston zum Beispiel die gewünschte Umbuchung von Economy- auf Business-Class verwehrt – obwohl er bereit ist, über 1000 Dollar auf den ursprünglichen Preis draufzuzahlen. Und als er sich traut, sich für seinen Sohn mit einem Mitarbeiter der Harvard-Universität anzulegen, steht Troy nur peinlich berührt hinter ihm und bittet ihn, endlich damit aufzuhören. Diese und ähnliche unangenehme Situationen sind oft durchaus amüsant und wirken so aus dem Leben gegriffen, dass es eigentlich nicht schwerfallen sollte, mit Brad mitzuleiden. Doch er kreist so sehr um sich selbst, dass man ihn die meiste Zeit einfach nur packen und wachrütteln möchte. Seine Bitterkeit geht so tief, dass er zwischenzeitlich sogar den Idealismus seiner sympathischen Ehefrau für seinen mangelnden Ehrgeiz verantwortlichen machen will. Selbst als er sich für den Studienplatz seines Sohnes ins Zeug legt, geht es ihm eigentlich vor allem um sich selbst. Nachdem er erst hofft, durch Troy sein eigenes Ansehen aufwerten zu können, befürchtet er später, dass ein erfolgreicher Sohn ihn noch mittelmäßiger wirken lassen könnte. Immer wieder spielt Brad alle denkbaren Zukunftsszenarios durch und vergisst dabei, dass beim Kampf um den Harvard-Platz eigentlich sein Sohn im Mittelpunkt stehen sollte.

Natürlich ist es auch mutig von White, seiner Hauptfigur derart viele unsympathische Züge zu verleihen. Und vielleicht möchte er auch gezielt die Botschaft vermitteln, wie unbegründet und sinnlos das ewige Um-sich-selbst-Kreisen und Vergleichen mit anderen häufig ist. Doch Brads Zweifel sind angesichts seines passablen Lebens, in dem es keinerlei echte Schwierigkeiten gibt, derart unbegründet, dass man sein Verhalten kaum nachvollziehen kann. Dieses Problem lösen leider auch seine langen inneren Monologe nicht. Vielmehr erstreckt sich sein monoton gesprochenes Voiceover über einen so großen Teil des Films, dass es eher stört und ihn noch anstrengender macht. Nicht mal die klare Ansage der Studentin Ananya („Sie sind 50 und denken immer noch, dass sich alles auf der Welt nur um Sie dreht“) öffnet Brad die Augen. Er muss erst merken, dass das Leben seiner alten Freunde natürlich nicht so glamourös und glücklich ist, wie er es sich vorgestellt hat, um langsam wieder die größeren Zusammenhänge und einen Sinn in seiner eigenen Existenz zu erkennen.

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Doch was hätte es denn bedeutet, wenn Craig, Jason, Nick und Billy tatsächlich so perfekt wären, wie Brad es sich vorgestellt hat? Wäre sein eigenes Leben dadurch weniger lebenswert? Oder hätte er nicht vielmehr trotzdem gute Gründe, stolz und glücklich zu sein? Der deutsche Titel „Im Zweifel glücklich“ (Originaltitel: „Brad’s Status“) suggeriert Letzteres. Der Film selbst aber lässt diese eigentlich sehr interessante Frage dadurch, dass er die Studienfreunde am Ende „entzaubert“, nicht nur unbeantwortet, sondern auch gänzlich ungestellt. „Im Zweifel glücklich“ beschäftigt sich mit dem immer stärker werdenden Erfolgsdruck der heutigen Gesellschaft, liefert jedoch keine wirklich originellen Überlegungen oder Lösungsansätze zu diesem Thema. Noch dazu ist seine Hauptfigur so unzugänglich, dass es – trotz einiger amüsanter und lebensnah geschilderter Szenen – kaum möglich ist, ein echtes Interesse für ihre Geschichte zu entwickeln.

Autorin: Johanna Böther

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