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Im Labyrinth des Schweigens (2014) Review

© Universal Pictures

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Geschichtsbewältigung ist für den deutschen Film ein ganz großes Thema, sei es im Kino oder im Fernsehen. Während sich auf der ersten Ebene Bernd Eichinger breitmachte und dabei die Deutungshoheit über zwei zentrale Kapitel deutscher Historie beanspruchte (den Zweiten Weltkrieg mit „Der Untergang“ und den Deutschen Herbst mit „Der Baader-Meinhof-Komplex“), dominieren auf der zweiten Ebene so genannte „Event-Zweiteiler“, die historische Stoffe mit unnötigen Liebesgeschichten verkitschen und bei denen der Unterschied zwischen öffentlich-rechtlichem und Privatfernsehen bis zur Unkenntlichkeit verwischt, zumal hüben wie drüben gern die gleichen Gesichter besetzt werden. Wie gut tut in diesem Fall ein Film der leisen Töne, der sich nicht als der nächste fiktionalisierte Faktencheck darstellt, welcher alles ganz bestimmt „genauso zeigt, wie es gewesen ist“, der nicht mit emotionalisierendem Gepolter daherkommt und der alles richtig macht, was ein auf verweichlichtes Wochenendpublikum zugeschnittener Sat.1-Event-Zweiteiler mit akkurat gesetzten Werbepausen (kauft Coca-Cola, hey! Ohne „Die Luftbrücke – Nur der Himmel war frei“ wäre das heute nicht möglich!) niemals schaffen würde. „Im Labyrinth des Schweigens“ ist ein solcher Film, der in seiner Ruhe und seinem Nachdruck zehn Mal eindringlicher ist als „Der Untergang“ es auch in Dauerschleife jemals sein könnte.

Das Wirtschaftswunder ist in seiner Hochphase und den Menschen geht es gut: Ende der 1950er-Jahre ist Deutschland ein wundervoller Ort. Möchte man meinen. Denn die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs geraten (bewusst) schnell in Vergessenheit, die jüngere Generation hat in den meisten Fällen keine Ahnung mehr, was in der Zeit von 1939 bis 1945 eigentlich genau passiert ist. Zu ihnen gehört auch der Staatsanwalt Johann Radmann (Alexander Fehling), welcher im Gericht Zeuge wird, wie der Journalist Thomas Gnielka (André Szymanski) mit dem Auschwitz-Überlebenden Simon Kirsch (Johannes Krisch) einen ehemaligen Lagerwärter anzeigen will. Oberstaatsanwalt Friedberg (Robert Hunger-Bühler) weist ihn zurück, doch Radmann, der von der Heftigkeit der Szenerie überrascht ist, beginnt nachzuforschen und entdeckt nach und nach das Ausmaß des Vernichtungslagers. Unter der Ägide des Generalstaatsanwalts Fritz Bauer (Gert Voss) sucht er nach juristisch verwertbaren Beweisen, um konkrete Täter benennen und ihnen den Prozess machen zu können. Bei seiner Recherche stößt er jedoch auf starke Widerstände und bekommt langsam den Eindruck, dass die Leute an einer Aufarbeitung der Vergangenheit überhaupt nicht interessiert sind…

Zwar liegen „Im Labyrinth des Schweigens“ die von 1963 bis 1968 stattgefundenen Auschwitzprozesse zugrunde und sowohl den Journalisten Gnielka als auch den Oberstaatsanwalt Bauer gab es tatsächlich. Dies dient jedoch alles nur als grober Rahmen für die Geschichte, der es weniger darum geht, minutiös die Geschehnisse vor und während der Prozesse aufzuzeigen. Der Film ist eher an der Etablierung einer Grundstimmung interessiert, die in den 1950er-Jahren allerorten vorherrschte: Vergangenes wurde als Vergangenes betrachtet, dem man sich nicht zu stellen brauchte, eine Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus fand entweder nicht statt oder wurde als amerikanische Propaganda betrachtet. Dass alte und mitunter hochrangige Nationalsozialisten weiter frei herumliefen und teilweise wichtige Posten in der Bundesrepublik bekleideten, schien keinen zu stören. „Dieses Land will Zuckerguss. Es will die Wahrheit nicht wissen.“ sagt an einer Stelle der ehemalige Auschwitz-Häftling Kirsch zu Staatsanwalt Radmann. Und genau darum geht es dem Film: Die damit verbundene Mentalität eines ganzen Landes zu zeigen, welches das Ausmaß der Kriegsverbrechen entweder in einigen Fällen nicht kannte oder es mit Lügen und Vertuschungen hinter einer Mauer des Schweigens begrub.

Das Aufdecken der Verbrechen und die damit verbundene Suche nach Schuldigen sind ein steiniger Weg für den Staatsanwalt Radmann, teils grandios bebildert: Als er die erste Zeugenaussage eines ehemaligen Auschwitz-Häftlings aufnimmt, ergeht sich der Film nicht in einer Aufzählung der Verbrechen, was filmisch ohnehin etwas inakkurat gewesen wäre. Stattdessen führt eine unaufdringliche Musik die Kamera langsam von der Befragung weg. Umschnitt in den Flur: Radmanns Sekretärin Schmittchen (Hansi Jochmann) kommt weinend aus dem Verhörzimmer, die Erfahrungen des Überlebenden sind zu viel für sie. Ein intensives Bild, sprichwörtlich mehr als tausend Worte. Im Rahmen einer sich jeder Nostalgie entziehenden Darstellung der 1950er- und 1960er-Jahre findet der Film starke Momente, dem Zuschauer diese Zeit und ihre Begleitumstände quasi stellvertretend vor Augen zu führen.

© CWP Film / Universal Pictures / Heike Ullrich

© CWP Film / Universal Pictures / Heike Ullrich

Natürlich werden auch in „Im Labyrinth des Schweigens“ Standardsituationen durchgespielt, dass der Staatsanwalt vor Wut sein Telefon in die Ecke wirft, ist dramaturgisch nicht unbedingt notwendig und auch Radmanns Träume, in denen er da Verhältnis zu seinem im Krieg vermissten Vater verarbeitet, sind eher handelsüblich. Das schmälert jedoch den Gesamteindruck keineswegs und man kann Regisseur Giulio Ricciarelli in einem derart emphatischen ersten Langspielfilm nicht den Vorwurf machen, ab und an auf bewährte Muster zurückzugreifen, da er seinen Film nicht ausschließlich auf ihnen aufbaut und sie nicht bis zum Exzess ausreizt. Denn auf anderer Ebene beweist der Regie-Debütant wieder viel Fingerspitzengefühl, etwa, wenn er die aufkeimende Romanze zwischen Radmann und Marlene (Friederike Becht) nicht zu einer verkitschte Liebesgeschichte macht, für die permanent die Aufarbeitung des Geschehens angehalten werden muss, sondern sie eher am Rande einfließen lässt und als dramaturgische Atempausen nutzt.

Dem Film tut ebenfalls gut, dass er sich nicht in pauschaler Schwarz-Weiß-Malerei übt, sondern beide Seiten der Medaille betrachtet: Nicht jeder, der in der „Partei“ war, war zwingend ein überzeugter Nazi und auch wenn dieser Abschnitt vielleicht etwas zu kurz kommt, so stellt sich „Im Labyrinth des Schweigens“ anhand eines durchaus als Identifikationsfigur zu bezeichnenden Protagonisten der Frage, wie man selbst damals gehandelt hätte. Hat man wirklich eine Wahl, wenn man als 17jähriger aus der Schule geholt und mit der gesamten Klasse kurzerhand zum Wachdienst in Auschwitz verpflichtet wird? Wäre man tatsächlich gegen die Nazi-Diktatur aufgestanden oder hätte man aus Angst um sein Leben nicht doch stillgehalten? Der Film verteidigt dabei nicht das unkritische Mitläufertum per se, sondern betont, dass jeder Fall eines menschlichen Schicksals individuell als solches zu betrachten ist.

An „Im Labyrinth des Schweigens“ wird deutlich, dass gute deutsche Filme keinen Schweiger, keinen Ferch, keinen Lauterbach und keinen Jaenicke brauchen, um gut zu funktionieren. Es ist kein Star-Aufgebot nötig und auch kein großes Geld, einfach nur eine gute Idee und deren akkurate Umsetzung. Alexander Fehling gibt dem nicht nachlassenden Staatsanwalt Radmann dabei ein mehr als akkurates Gesicht, gemeinsam mit dem eher als grauer Eminenz agierenden Gert Voss (in seiner letzten Rolle) als Generalstaatsanwalt bildet er ein markantes Duo, welches den Zuschauer sofort auf seine Seite zieht, nicht zuletzt, weil sich die Darsteller ihrer Gegenspieler sehr überzeugend deren teils widerwärtiges Weltbild so unsympathisch wie möglich und dabei trotzdem zurückhaltend zu verkörpern.

„Im Labyrinth des Schweigens“ ist thematisch ausgereifter als der Großteil dessen, was zum Thema Zweiter Weltkrieg und deutscher Auseinandersetzung mit eigenen Geschichte in den letzten Jahren im Kino zu sehen war: leise, unaufgeregt, dafür aber in den richtigen Momenten extrem präzise. Das Verleugnen und das Wegschauen werden grandios bebildert, der Film kann damit als Blaupause für ähnliches Verhalten in anderen Kontexten dienen. An einer Stelle fragt der Oberstaatsanwalt Friedberg, der für Radmanns Ermittlungen nicht viel übrig hat: „Wollen Sie, dass sich jeder junge Mensch in diesem Land fragt, ob sein Vater ein Mörder ist?“ Radmanns Antwort ist eindeutig: „Ja. Genau das will ich.“ Denn nur auf diese Weise kann man verhindern, dass so etwas wieder passiert.

Autor: Jakob Larisch

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