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I Feel Pretty (2018) Review

© Concorde Home Entertainment

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„Sei ganz du selbst“ ist eine Aufforderung, die Hollywood schon immer versuchte, unter sein Publikum zu bringen. Sich nicht von dem beeinflussen lassen, was andere denken, nicht versuchen, jemand anders zu sein, sondern eben, nun ja, ganz man selbst. Dass man immer „selbst“ ist, es sich hierbei also um vollkommenen metaphysischen Unsinn handelt, soll an dieser Stelle nicht weiter vertieft werden, denn es geht um etwas anderes: Die Idee, dass es quasi eine Essenz des „Selbst“ gibt, die bei jedem in gewissem Maße unterschiedlich ausgeprägt ist. Dabei wird die eingangs genannte Aussage bzw. Aufforderung nur allzu oft ideologisch genutzt: Die Suche nach einer eigenen Identität ist heutzutage derart fragmentarisch organisiert, dass die Konstitution des eigenen Selbst quasi zur Lebensaufgabe wird, man seiner eigenen Identität somit dauerhaft nachjagt, ohne sie jemals zu erreichen (oder erreichen zu können?). So ist man stets mit sich selbst (oder auch der vorgeblichen Verteidigung einer vermeintlichen Identität anderer) beschäftigt, ohne dabei größere politische Konflikte adäquat wahrnehmen, geschweige denn sich auf sie einlassen zu können.

Wann immer man also „man selbst“ sein soll, ohne dass dies näher spezifiziert wird, ist folglich Skepsis angebracht. So auch bei „I Feel Pretty“, denn hier geschieht nichts anderes. Amy Schumer spielt Renee, die mit ihrem Körper unzufrieden ist, was der Film in den ersten 15 Minuten dadurch betont, dass er nahezu ausschließlich Frauen mit Modelfigur an ihr vorbeilaufen lässt. Bei einem Unfall im Fitnessstudio stößt sie sich den Kopf, wodurch sie sich fortan als schön wahrnimmt, was sich sehr positiv auf ihr Selbstvertrauen und damit ihr Liebesleben sowie ihren Job auswirkt. Doch nichts dauert ewig und so ist ein zweiter, dieses Mal sprichwörtlicher Stoß vor den Kopf unausweichlich. Damit hat man nur unwesentlich etwas über die Handlung verraten, weil die Dramaturgie meist sehr vorhersehbar ist.

Eigentlich widerspricht bereits der Titel des Films seiner Grundprämisse: Denn der abgedroschenen Phrase, jede/r sei „auf seine eigene Weise schön“, trägt „I Feel Pretty“ dadurch Rechnung, dass die anderen Figuren (und auch das Publikum) Renee nach deren Unfall natürlich genau so sehen, wie sie immer schon aussah und lediglich von ihrem neu gewonnenen Selbstvertrauen beeindruckt sind, welches ihr in der Folge diverse vorher ungekannte Türen öffnet. Eigentlich müsste der Film also „I Feel Confident“ heißen (was nicht so markig klingt) oder aber: „I Am Pretty“. Denn wenn die Bewältigung des Lebens nicht vom Aussehen, sondern vom Selbstvertrauen abhängt (ein Gedanke, dem hier übrigens in keiner Weise widersprochen werden soll), warum muss man sich dann zusätzlich schön „fühlen“ und kann es nicht einfach „sein“?

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Hinzu kommt das sehr beengte Blickfeld des Filmes hinsichtlich der gesellschaftlichen Verortung seiner Themen. Dass Schönheitsideale eine Institution einer industriell gestützten, quasi-überwachenden Kontrolle sind, denen man immer weiter nachläuft (siehe erster Absatz), das scheint auch Amy Schumer verstanden zu haben. Dazu passt zunächst, dass sie zu Beginn des Filmes bei einer elitären Kosmetikfirma arbeitet, denn Kosmetik suggeriert stets, dass zur eigenen Identität etwas „fehlt“, was erst aufgetragen werden muss. An einer Stelle blitzt hierbei fast so etwas wie ein Klassenbewusstsein auf, als die Firma eine Make-Up-Linie für eine Zielgruppe mit weniger Geld auf den Markt bringen will, aber nicht weiß, wie die „einfachen Frauen“ so ticken und Renee ihnen das erst einmal erklären muss. Doch anstatt einer Industrie, die von einem von ihr selbst entfachten und künstlich am Leben gehaltenen kollektiven Minderwertigkeitskomplex lebt, mit der Zeit den Rücken zu kehren, unterwirft sie sich am Ende der Logik des Profits. Ohne das einzugestehen, natürlich. Und Michelle Williams als Avery LeClaire, die Chefin des Kosmetikimperiums, darf sich glücklich versöhnt mit ihrer Mutter in die Arme fallen, womit ein sich durch den kompletten Film ziehender Konflikt einfach so durch die Kraft einer Motivationsrede von Renee aus der Welt geschafft wird, die platter und banaler nicht hätte sein können. Schwer reich bleibt Avery trotzdem (und zahlt vermutlich deutlich zu wenig Steuern), womit das Grundproblem, dass es überhaupt eine Mehrklassengesellschaft (auch in Bezug auf Kosmetik) gibt, nicht im mindesten angetastet wird. Das alles passt vorne und hinten nicht. Wenn man Selbstbewusstsein unabhängig von der Bestätigung anderer aufbauen kann (was Renee ja gerade tut), dann ist Kosmetik schlicht überflüssig.

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Das Grundproblem ist, dass „schön“ und „selbstbewusst“ eigentlich nicht zusammen-hängen, sondern es sich um eine (unter anderem, aber nicht nur durch die Kosmetikindustrie) konstruierte Verbindung beider Faktoren handelt. Ein Film wie „I Feel Pretty“ festigt diese Verbindung jedoch nur, indem er den Pakt mit der Kosmetikindustrie sucht, anstatt mit ihr zu brechen. Dies wäre ein fast schon revolutionärer Akt gewesen: Das angesprochene Klassenbewusstsein aktiv wahrzunehmen und aus dem Feld der Beauty-Kontrolle komplett auszubrechen, anstatt es einfach nur bezahlbarer zu machen.

Autor: Jakob Larisch

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