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Howl (2015/2016) DVD-Kritik

© capelight pictures

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Eine kleine Gruppe von Menschen. Ein überschaubarer Zeitraum. Ein begrenzter Ort. Aus dieser Konstellation ist schon manch großartiger Film entstanden, nicht zuletzt im Horrorbereich, denn im Rahmen derartiger Genre-Kammerspiele lässt sich ein klaustrophobischer Charakter evozieren, verbunden mit einer Bedrohung, der man nicht entkommen kann, woraus entsprechende Filme wiederum ganz famos Spannung zu schöpfen vermögen. Man denke nur an „Night of the Living Dead“, „Tanz der Teufel“, „Funny Games“, „Cube“, „The Hole“, „Saw“…die Liste ließe sich fortsetzen. Ein neuerer Genrevertreter ist der britische Werwolf-Film „Howl“: Die Gruppe von Menschen sind die Fahrgäste eines Nahverkehrszuges, der Zeitraum ist eine Nacht und der begrenzte Ort ist ebenjener Zug samt des Waldstückes um ihn herum, in welchem er nach einer Notbremsung fern jedes Bahnhofes zum Stehen kommt. Nur „großartig“ bleibt hier auf der Strecke, Wortspiel beabsichtigt.

Regisseur des Ganzen ist der Brite Paul Hyett, dessen Karriere als Make-Up-Designer für Filme wie „The Descent“, „Doomsday – Tag der Rache“, „Eden Lake“ oder „Unknown Identity“ begann, bevor er 2012 mit dem brillanten wie schonungslosen Thriller „The Seasoning House“ sein Regiedebüt gab, ein in den Nachkriegswirren des Balkankonflikts situiertes Kammerspiel, welches sich mit dem heiklen Thema Zwangsprostitution auseinandersetzte. Ohne in Anbetracht dieses Sujets sensationsgierig oder reißerisch zu werden, zeigte Hyett dabei, dass er eine spannungsgeladene und stilsichere Inszenierung meisterlich auf Film zu bannen verstand.

Dies trifft auch auf „Howl“ zu, der auf formaler Ebene vollends überzeugt. Rund die erste halbe Stunde des Filmes führt Hyett zunächst seine Figuren ein, am Bahnhof London Waterloo trifft man den Protagonisten, Schaffner Joe (Ed Speelers), der in seine Kollegin und Snackverkäuferin Ellen (Holly Weston) verknallt ist. Beide wurden für eine Schicht im Mitternachtszug eingeteilt, die sie widerwillig antreten, wobei man sich an dieser Stelle wundern kann, wie gut es britische Zuggesellschaften mit ihren Kunden meinen, wenn in Zügen mitten in der Nacht sogar Imbisse verkauft werden. Bei der Fahrkartenkontrolle lernt man die anderen Fahrgäste kennen, welche in der Folge die unfreiwillige Schicksalsgemeinschaft bilden werden, was trotz der Tatsache, dass jenseits der Ticketüberprüfung eigentlich nicht viel passiert, aufgrund eines gewissen Abwechslungsreichtums der Charaktere an keiner Stelle in Redundanz abgleitet. Da wäre ein älteres Ehepaar (Duncan Preston und Ania Marson), die verzogene und zickige Teenagerin Nina (Rosie Day, die zuvor die Hauptrolle in „The Seasoning House“ spielte), der betrunkene Fastfood-Liebhaber Paul (Calvin Dean), der Nerd Matthew (Amit Shah), der schmierige Geschäftsmann Adrian (Elliot Cowan), die alleinerziehende Mutter Kate (Shauna Macdonald) und der Jugendliche Billy (Sam Gittins). Die einzelnen Figuren sind natürlich eher Figurentypen als tiefgründig ausgearbeitete Charaktere, das tut dem Charme der Gruppenzusammenstellung aber keinen Abbruch.

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Als es zur Notbremsung kommt, verschwindet zunächst der Zugführer (Sean Pertwee), weswegen die aufgrund der Uhrzeit ungehaltenen Fahrgäste von Joe verlangen, doch endlich den Zug zu bewegen. Hyett variiert in diesem Rahmen das Thema einer kleinen Gruppe von Menschen an einem begrenzten Ort zwar nicht wirklich, schafft es aber zu dieser Zeit, mustergültig, Spannung daraus zu ziehen. Warum genau hat der Zug gehalten? Wo ist der Fahrer? Was macht man nun? Die Interaktion der Charaktere weist genügend Energie auf, um all diese Fragen auf realistische Weise zu diskutieren, bevor man sich entschließt, zu Fuß weiterzugehen. Als Joe und Ellen jedoch die entstellte Leiche des Zugführers entdecken, kehrt die Gruppe schnellstens wieder in den Zug zurück, zumal das titelgebende Heulen einsetzt und Jenny, die ältere Ehefrau, von etwas gebissen wird, bevor sich sich mit tatkräftiger Hilfe der restlichen Personen retten kann.

Nun heißt es: Die Menschen drinnen, die Gefahr draußen und als die Attacken auf den Zug beginnen bzw. weitergehen, ist es gerade die Unsichtbarkeit der Aggressoren, welche die Spannung aufrechterhält. Doch nach etwas mehr als der Hälfte der Laufzeit entschließt sich Hyett, die angreifenden Kreaturen zu zeigen und dies ist der Punkt, ab dem sich „Howl“ nicht mehr ernst nehmen lässt. Trotz einer gewissen Prise teils zynisch-sarkastischen Humors glitt der Film bis dahin nicht ins Flache ab, sondern behandelte seine Materie mit einer gewissen Seriosität (und Schonungslosigkeit). Doch mit der visuellen Enthüllung der angreifenden Werwölfe entweicht die Spannung aus „Howl“ und das nicht nur, weil das Creature Design eher lächerlich wirkt. An ihre Stelle tritt Over-the-Top-Gekloppe der Marke Mensch gegen Wolf. Das kann zwar im Rahmen des Genres ebenfalls unterhaltsam sein, auch da Hyett sprichwörtlich keine Gefangenen macht, sorgt aber für einen völligen und irreversiblen Bruch in der Erzählweise, zumal das Drehbuch sich an einigen Stellen längere Pausen gönnt, ohne dass der einem Horrorfilm stets eigene Exzess in der Lage wäre, dies aufzufangen. Klar, es wird schon noch nach Lösungen gesucht und es werden weiterhin Dinge zwischen den Charakteren verhandelt, doch die Spannung, die vorher so gut aufgebaut wurde, die unsichtbare Gefahr von außen, der Umgang mit einer unbekannten Bedrohung, all dies ist verschwunden.

Nicht falsch verstehen: „Howl“ ist wahrlich kein Reinfall, nur scheint es, als habe Hyett mitten in der Handlung kurzerhand den narrativen Modus gewechselt. Auch in „The Seasoning House“ gestaltete sich das Ende sehr exzessiv und sicher nicht immer ganz realistisch, aber dies geriet auf „klassische“ Weise zum einen deutlich kürzer, zum anderen war dort der Gegner als Charakter ausgeformt und so die einzelnen Handlungen der Figuren motivierter: Ein Paukenschlag als Höhepunkt. In „Howl“ jedoch wäre eine Entscheidung für einen der beiden Modi klüger gewesen: Entweder bis zum Schluss die Bedrohung als solche nur andeuten sowie auf einen spannungsgeladenen und gleichzeitig zurückhaltenden Aufbau mit einzelnen Spitzen setzen. Oder aber Exzess von vorneherein ohne lange Exposition, gern auch mit einem Augenzwinkern, und nach 80 Minuten Vollgas den Film beenden. „Howl“ hat Potenzial für beides, kann sich aber nicht entscheiden und bleibt trotz definitiv vorhandener Qualitäten damit letztlich unausgegoren.

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capelight pictures bringt „Howl“ in Deutschland am. 8.April 2016 Auf DVD, BluRay sowie in einem limitierten Mediabook (Bluray-DVD-Combo) auf den Markt

Autor: Jakob Larisch

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