Einen Kommentar hinterlassen

High-Rise (2015/2016) Review

© DCM

© DCM

Die Filme des britischen Regisseurs Ben Wheatley sind in jedem Fall stets eines: ungewöhnlich. Sei es sein radikal unironischer Mindfuck „Kill List“, seine schwarze Komödie „Sightseers“ oder die Historien-Psychose „A Field in England“, sie alle lassen sich als dem Massengeschmack wenig zugänglich beschreiben. Diese Tendenz ist auch in Wheatleys aktueller Regiearbeit angelegt, trotz der mit Tom Hiddleston, Luke Evans, Jeremy Irons und Sienna Miller sehr prominenten Besetzung. „High-Rise“ beginnt zwar vielversprechend, gleitet jedoch trotz dauerhaft starker Bilder mit zunehmender Laufzeit in Beliebigkeit ab, wobei zusätzlich keine Gelegenheit ausgelassen wird, dem Zuschauer die zentrale Metaphorik des Films sehr aufdringlich unter die Nase zu reiben.

Die Story gestaltet sich als eine Art „Snowpiercer“ in senkrecht und dies ist nicht zuletzt eine der zentralen Schwächen des Filmes: Kennt man so oder so ähnlich schon. Tom Hiddleston als Dr. Robert Laing zieht in eine neue Wohnung eines Hochhauses, in welchem die wohlhabenden Bewohner in den oberen Stockwerken leben, kulminierend in Jeremy Irons als der reiche Architekt des Hauses, der im Penthouse an der Spitze wohnt und natürlich den Namen Royal tragen muss. Die weniger begüterten Bewohner leben weiter unten, kleine Wohnungen, wenig Tageslicht, häufige Stromausfälle. Laing schätzt zunächst den Luxus des Hauses inklusive eigenem Supermarkt und Fitnessstudio, über die Zeit macht sich jedoch gerade in den unteren Stockwerken Unzufriedenheit unter den Bewohnern breit, was schließlich zu Ausschreitungen und final zu totaler Anarchie führt.

Natürlich ist die Romanvorlage zu „High-Rise“ von J.G. Ballard aus dem Jahre 1975 älter als „Snowpiercer“, doch hat man eine materielle Metapher auf gesellschaftliche Strukturen vor nicht allzu langer Zeit in anders-kreativer Weise bereits gesehen. Das ist natürlich kein Grund, dass „High-Rise“ ein schlechter Film werden muss, das Ergebnis ist schließlich unabhängig von eventuell ähnlichen Ausgangspositionen. Doch wo Wheatley es zu Beginn noch gelingt, eine gewisse Faszination für das Hochhaus und seine Bewohner aufzubauen, inklusive der teils ziemlich verrückten Dinge, die dort so getrieben werden, wirkt das Ganze relativ schnell nur noch so, als hätte der Regisseur verzweifelt versucht, David Lynch zu imitieren. Die Atmosphäre, die manchmal nur noch lose miteinander verknüpften Handlungsbestandteile, die vollkommen irrationalen Aktionen der Charaktere und die Dialoge, denen man ab und an nur mit Mühe einen unmittelbar mit dem gerade ablaufenden Geschehen in Zusammenhang stehenden Sinn abringen kann: Dies alles hat David Lynch in Filmen wie „Lost Highway“ oder „Mulholland Drive“ schon perfektioniert. „High-Rise“ dagegen ist trotz seiner gegen Ende hin immer (bewusst) merkwürdigeren Szenen irgendwann nur noch langweilig. Was auch immer inszenatorisch aus dem Hut gezaubert wird, es wirkt selbstzweckhaft, so als hätte Wheatley sich bemüßigt gefühlt, die Schraube des Absurden einfach nur um ihrer selbst willen noch ein wenig weiter zu drehen. Man fühlt nicht mehr mit den Charakteren, so dass es ab einem gewissen Punkt schlichtweg völlig egal ist, was gerade auf der Leinwand passiert. Fast jeder wird irgendwann irgendwie zu einem Widerling, der Film schafft es aber nicht, daraus kreatives Potenzial zu schöpfen und versinkt in dramaturgischer und identifikatorischer Beliebigkeit. You just don’t care anymore.

© DCM

© DCM

Dabei sieht „High-Rise“ immerhin fantastisch aus, speziell auf Blu-ray. Die einzelnen Einstellungen sind bis ins Letzte auf oftmals fast schon geometrische Weise durchkomponiert, der Einsatz von Farben ist durchdacht, die detailreiche Siebziger-Jahre-Ausstattung ist famos und die pointiert eingesetzten Zeitlupen unterstreichen Wheatleys ohne Frage vorhandenes inszenatorisches Talent, das er auch in seinen anderen Filmen durchaus bewiesen hat. Immerhin rettet dies den Film davor, zu einem Totalausfall zu werden, kann am großen Schulterzucken ob der innerfilmischen Vorgänge aber auch nichts ändern.

Und schließlich die Metaphorik: Es hätte gereicht, einmal zu erwähnen, dass die Reichen oben wohnen, dass sie widerwärtige Ekelpakete sind und das Leben nur als ein Spiel voller Champagner, Partys und schöner Frauen betrachten (immerhin recht gelungen ist in diesem Kontext eine Szene, in der ein Trupp von Begüterten zum scheinbar ersten Mal in ihrem Leben einen Supermarkt betritt und überhaupt nicht weiß, wie Einkaufen funktioniert). Es hätte gereicht, dass die Armen unten wohnen, vollgestopfte Wohnungen und viele Kinder haben sowie dass permanent der Strom ausfällt. Irgendwann kommt die Revolution, es gibt einen Arbeiterführer und eine Elite, dann kracht es gewaltig und die Gesellschaftsstruktur ist hinüber. Kein schlechter Ansatz. Dass die einzelnen Figuren dabei nur Karikaturen ihrer selbst sind, okay, das passt in das Bild des Filmes. Dass aber in gefühlt jedem zweiten Dialog ein als Parabel auf die gesellschaftliche Situation gemeinter Satz gesagt werden muss, so dass auch ja regelmäßig unterstrichen wird, womit man es hier zu tun hat, das nervt auf Dauer gewaltig, womit Wheatley seinem (berechtigten) kritischen Ansatz selbst den Wind aus den Segeln nimmt. Weniger wäre mehr gewesen, so jedoch ist das Ganze am Ende nur noch marktschreierisch, was der auf konzeptioneller Ebene grundlegend teils fast schon mystischen Stimmung, in deren Rahmen eben nicht alles erläutert und erklärt werden muss, diametral widerspricht. Holzhammer wäre hier das Stichwort.

© DCM

© DCM

Chance vertan. Auch die schicke Optik und gut aufgelegte Schauspieler, wobei insbesondere auf Tom Hiddleston sowie Luke Evans verwiesen werden muss, können die Qualität des Filmes nicht heben. Ben Wheatley bleibt definitiv ein interessanter Regisseur, was er aber mit „High-Rise“ abliefert, stimmt vorne und hinten nicht. Subtext eigentlich hochaktuell, Ausführung jedoch spannungsarm und belanglos.

Autor: Jakob Larisch

Leave a Reply