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Her (2013) Review

Die Erforschung medialer Möglichkeiten bei gleichzeitiger Auslotung ihrer Grenzen scheint ein Thema zu sein, welches sich als potenzielle Konstante im zwar (noch) nicht sehr ausgedehnten, aber dennoch äußerst vielschichtigen Werk des Regisseurs Spike Jonze betrachten ließe. Ob er die Fähigkeiten seines eigenen Mediums in der Interaktion mit einer wie auch immer gearteten „Realität“ unter die Lupe nimmt, wie in „Being John Malkovich“ (1999) und „Adaption.“ (2002) oder die filmischen Perspektiven einer mit kaum Sprache auskommenden Kinderbuchvorlage untersucht, wie in „Wo die wilden Kerle wohnen“ (2009), stets steht ein direkter oder indirekter Akt künstlerischer Kommunikation im Fokus seiner Werke. So auch in seinem neuesten Film „Her“ und dies gleich im doppelten Sinne, wird hier doch die Frage nach der Echtheit zwischenmenschlicher Aktionen sowohl am Medium des Briefes als auch am Medium der digitalen Interaktion festgemacht. Heraus kommt ein Film, welcher auf leise Art fundamentale Fragen des Lebens stellt, sie beantwortet und daneben einfach eine wundervoll melancholische Komödie ist.

In der nahen Zukunft werden die meisten Bereiche des Lebens digital organisiert, intelligente Betriebssysteme erleichtern das Leben vielfach. Ein gewisses Maß an Nostalgie herrscht dennoch, so gibt es beispielsweise einen hohen Bedarf an handgeschriebenen Briefen, welche allerdings von einer Firma im Auftrag der betreffenden Person stellvertretend verfasst werden. Bei einer solchen Firma arbeitet Theodore Twombly (Joaquin Phoenix), der nach wie vor unter der Trennung von seiner Frau Catherine (Rooney Mara) leidet. Aus Gründen der sozialen Interaktion entscheidet er, sich eine künstliche Intelligenz mit einem Bewusstsein anzuschaffen: Samantha (Stimme: Scarlett Johansson), welche ihn durch Gespräche, Gedanken und Tätigkeiten den Spaß am Leben wieder entdecken lässt. Mit ihr kommuniziert Theodore bald auf einer normalen menschlichen Basis und verliebt sich nach und nach in sie. Auch seine Nachbarin Amy (Amy Adams) lernt nach ihrer Trennung von ihrem Ehemann Charles (Matt Letscher) ein intelligentes OS (Operating System) kennen und schätzen. Doch die Limitierungen einer derartigen Beziehung scheinen vorprogrammiert, denn Samantha entwickelt sich in einer Geschwindigkeit, mit welcher Theodore nach einiger Zeit nicht mehr mithalten kann. Und daraus entstehen Probleme…

„Her“ ist in erster Linie eine durchaus realistische Zukunftsvision. Es gibt keinerlei fliegende Autos, interplanetarische Reisen oder futuristische Ernährungsformen, stattdessen fährt man Zug, nimmt Dates wahr und wohnt in verglasten Hochhäusern. Eigentlich alles wie heutzutage, nur die Kommunikation hat sich entscheidend verändert. Fast jeder Mensch kann an jedem Ort und zu jeder Zeit durch einen manuell zu steuernden Knopf im Ohr mit Hilfe gesprochener Befehle ohne Konsultation eines Computers Emails abrufen, Texte schreiben oder Online-Dating-Portale besuchen. Nötig dafür ist ein an Smartphones gemahnendes Gerät, welches die digitale Identität enthält den Schritt vom Touchscreen zur verbalen Steuerung vollzogen zu haben scheint. Auch Videospiele haben sich weiterentwickelt, sie werden dreidimensional in den Raum projiziert und man kann mit den Figuren tatsächlich kommunizieren. Alles nichts, was nicht innerhalb der nächsten zehn bis zwanzig Jahre technisch vorstellbar erschiene.

Doch durch die zunehmenden digitalen Möglichkeiten leidet die zwischenmenschliche Kommunikation, da fast jeder nahezu ausschließlich mit seiner Technik beschäftigt scheint und offenbar kaum jemand mehr dazu in der Lage ist, Emotionen schriftlich darzulegen, weswegen Dinge wie Briefe sich zur Mangelware entwickeln und nur noch vertreten durch eine darauf spezialisierte Firma verfasst werden können. Der Familienausflug an den Strand oder das Picknick in der Landschaft findet zwar nach wie vor statt, nur ist die Technik eben stets allgegenwärtig, man kann sich ihr nicht mehr entziehen. Doch als mit Samantha der Schritt zur vollkommenen Künstlichen Intelligenz vollzogen ist und nach und nach auch der Rest der Theodore umgebenden Menschen auf den Geschmack eines personalisierten und denkenden OS gekommen ist, leidet soziale Interaktion darunter nachhaltig. Der scheinbar perfekte Partner oder die scheinbar perfekte Partnerin ist nur einen einzigen Klick, oder in diesem Fall Sprachbefehl entfernt. Spike Jonze verdeutlicht dies in einer eindringlichen Szene fast nebenbei, wenn ein emotional erschütterter Theodore auf einer U-Bahn-Treppe die ihm entgegenkommenden Menschen beobachtet. Jeder spricht ausschließlich in sein Gerät hinein, jeder ist an die Technik gebunden, in seiner eigenen kleinen Blase, selbstbezogen und abgeschottet von den Menschen um ihn herum. „Her“ verweist hierbei sanft auf die Gefahren des digitalen Zeitalters, es entsteht ein Individuum ohne Bezug zur Außenwelt. Dieser Subtext wird in keiner Weise aggressiv aufgedrängt, Samantha strebt nicht nach der Weltherrschaft, sie will auch nicht die Menschen à la „Matrix (1999) unterjochen. Der Fehler liegt nicht im System, der Fehler ist das System. Alles ist personalisiert, doch individuell ist eigentlich niemand mehr.

Dabei werden die Vorzüge der neuen Technik durchaus gezeigt, vieles ist tatsächlich einfacher geworden, die Menschen wirken auch nicht derartig gehetzt wie in heutigen Zeiten, wo man, ein Smartphone am Ohr, das zweite in der Hand, von einem Meeting zum nächsten jagt. Theodore rennt eigentlich nie, er schlendert stets, auch um ihn herum scheint es niemand eilig zu haben, alle wirken gelassen. Nur eine Ebene des Menschen werden Maschinen niemals ganz durchschauen können, so fortgeschritten ihre Entwicklung auch sein mag und so nahe Samantha ihr auch zu kommen scheint: Emotionen und Gefühle. Liebe. Zwar ist die Beziehung von Theodore und Samantha zu Beginn fast perfekt, doch auch hier tauchen mit der Zeit Probleme auf. Denn ein Medium, dessen Entwicklungstempo im Gegensatz zu dem des Menschen keinerlei Grenzen gesetzt sind, ist über den gewohnten Grad an Interaktion schnell hinaus. Es will Dinge verstehen und Zusammenhänge begreifen, die sich weit hinter menschlichem Begriffshorizont befinden. Was Menschen ausmacht, wird es jedoch trotz aller Intelligenz nicht erreichen können. Deutlich wird dies in einer Szene, in der Samantha endlich richtigen Sex mit Theodore haben will, nachdem dies vorher lediglich verbalisiert geschehen war, von Jonze simpel, aber effektiv in Szene gesetzt. Zu diesem Zweck engagiert sie ein menschliches Double (Portia Doubleday), stattet sie mit einer Kamera aus und gibt sich, während sie über den Knopf in Theodores Ohr mit ihm spricht, quasi ein Gesicht. Dies funktioniert jedoch nur so lange, bis er das Double anschaut, denn ihm ist klar, dass sie ein Surrogat darstellt, ein Ersatz ist und er Samantha niemals wird berühren und fühlen können. Samantha entschuldigt sich zwar später bei ihm, doch ganz zu begreifen scheint sie seine Problematik nicht. Denn menschliche Wärme kann sie ihm bei aller emotionalen Nähe niemals spenden.

„Her“ behandelt in der Tat fundamentale Fragen der menschlichen Existenz. Was Philip K. Dick  schon 1968 mit seinem Romantitel „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“ pointiert auf den Punkt brachte, wird hier neu verhandelt. Können Maschinen ein Bewusstsein entwickeln? Was ist Bewusstsein eigentlich? Samantha kann denken, sie scheint für eine kurze Zeit wie Theodore zu fühlen, doch ihre Bewegungsmöglichkeiten im virtuellen Raum geben ihr einen Grad an Jenseitigkeit, der sie klar vom menschlichen Dasein abkoppelt. Was ist Liebe? Amy gibt zwischenzeitlich eine Antwort, basierend auf einer Definition des deutschen Philosophen Niklas Luhmann: Liebe ist eine Form gesellschaftlich akzeptierten Wahnsinns. Doch kann sie funktionieren, wenn das Objekt der Liebe kein Teil der menschlichen Gesellschaft ist? Kann man überhaupt eine Maschine lieben? Scheinbar schon, denn Theodore leidet zwischenzeitlich an Liebeskummer. Oder bildet er sich das nur ein? Wichtiger noch: Kann eine Maschine lieben? Sie tut zwar so, doch fühlt sie real oder sind ihre Gefühle nur extern programmiert? So oder so, ihr Grad an Liebe verselbstständigt sich schließlich, geht in Bereiche, welche sich menschlichem Verständnis entziehen. Und daher kann es eigentlich nur eine Antwort auf die von Jonze so offen und dennoch unauffällig gestellten Fragen geben.

Joaquin Phoenix verleiht seinem Theodore Twombly eine gefühlvolle Ausstrahlung, seine Sorgen, Ängste und Nöte dürften in der einen oder anderen Form wohlbekannt sein. Sowohl sein distanziertes Verhältnis zu Katherine als auch seine freundschaftliche Verbindung zu Amy werden durch die unterkühlt spielende Rooney Mara und die offenherzig warm auftretende Amy Adams (mit ungewohnter Frisur) perfekt gespiegelt. Scarlett Johansson ist verbal verständlicherweise dauerpräsent und schafft es, den Zuschauer nach zwei Sätzen vergessen zu lassen, dass er es hier eigentlich mit einer digital gestalteten Künstlichen Intelligenz zu tun hat, da sie das komplette Spektrum menschlicher Emotionen abdeckt. Sie lacht, sie freut sich, kann auf der anderen Seite jedoch auch wütend oder traurig werden. Zusätzlich merkt man Samanthas Stimme die zunehmende Entfremdung von Theodore an, sie wird bei aller Nähe und Freundlichkeit stets distanzierter, eine Bandbreite an ausschließlich auditiver Kommunikation, die Johansson scheinbar mühelos abdeckt. Besondere Erwähnung verdient an dieser Stelle noch Olivia Wilde als verzweifeltes Blind Date von Theodore, mit welcher er zunächst einen wunderbaren Abend zu verbringen scheint, jedoch irgendwann merkt, dass er sich wegen seiner Gefühle für Samantha nicht hundert- prozentig auf sie einlassen kann, was ihr umgehend emotional zu schaffen macht. Ihr vielleicht zehnminütiger Auftritt bleibt nicht zuletzt wegen ihres plötzlichen Umschwungs von ausgelassen zu niedergeschlagen in Erinnerung, welcher die sozialen Auswirkungen von Theodores Abhängigkeit zu seiner digitalen Nebenwelt markant verdeutlicht.

Spike Jonze ist mit „Her“ der bislang vielleicht stärkste Film seiner noch kurzen Karriere gelungen, auch wenn er sich natürlich schwer mit seinen frühen filmischen Meta-Spielen vergleichen lässt. Er verdeutlicht auf berührende und zugleich behutsam kritische Weise den schwer zu kontrollierenden Effekt, den die zunehmende Digitalisierung aller Lebensbereiche auf den Menschen und seine Fähigkeit zu Kommunikation hat und stellt auf diese Weise die Wichtigkeit direkter menschlicher Interaktion jenseits sozialer Netzwerke oder anderweitiger Kontakt-Substitute heraus. Daneben gelingt dem völlig zu Recht mit dem Oscar für das beste Original-Drehbuch bedachten Film ein wundervolles Statement, was im Leben tatsächlich zählt, womit er einen Kontrast zum herrschenden Zeitgeist schafft. Amy Adams fasst dieses Statement zusammen: “I’ve just come to realize that we’re only here briefly. And while I’m here, I wanna allow myself joy. So fuck it.“

Autor: Jakob Larisch

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