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Hacksaw Ridge – Die Entscheidung (2016/2017) Review

© Universum Film

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Zehn Jahre ist es her, dass Mel Gibson, berühmt geworden in Schauspielrollen wie „Lethal Weapon“s Martin Riggs oder als „Mad Max“, zuletzt in den Regiestuhl fand. Mit dem Maya-Abenteuer „Apocalypto“ feierte Gibson zum dritten Mal eine brutale Märtyrer-Schlachtplatte, deren erster Gang sich bereits 1995 in „Braveheart“ herauskristallisierte nur um in dem exzessiven Leidens-Porno „Die Passion Christi“ (2004) den vorzeitigen Höhepunkt zu finden. Zwar kein Enfant Terrible Hollywoods, so chauffierte sich Gibson daraufhin dennoch mit einigen Aussagen ins Abseits der großen Studio-Spielfelder, nun aber ist der Australier zurück – und hat sich diesmal den blutigen Zweiter-Weltkriegs-Schauplatz des Pazifik als Spielwiese für seine Bibelstunde gesichert. Aber wer glaubt, dadurch schon wissen zu können, was auf ihn zukommt, kann sich nur sicher sein, den Rahmen abgesteckt zu haben. Und was „Hacksaw Ridge“ innerhalb dieser Kadrierung abzufeuern weiß, ist stellenweise mit Worten nicht mehr zu erklären und wird wohl selbst erlebt werden müssen.

In einem verschlafenen Südstaaten-Nest wächst der bibeltreue Desmond Doss (Andrew Garfield) fernab des kriegerischen Chaos in der Welt auf, hat allerdings unter seinem alkoholisierten und gewalttätigen Vater (Hugo Weaving) zu leiden. Als Desmond bei einer Rauferei seinen Bruder beinahe tötet, scheint ihm klar, wie schnell er fast Gottes sechstes und wichtigstes Gebot gebrochen hätte. Das hindert ihn nicht daran, sich freiwillig zum Wehrdienst zu melden, gegen den Wunsch seines Vaters, gegen den Wunsch seiner Verlobten Dorothy (Teresa Palmer). Als Sanitäter will Desmond seinem Land dienen, ohne ein Leben nehmen zu müssen; er verweigert den Dienst an der Waffe – ein Umstand, den seine Vorgesetzten Sergeant Howell (Vince Vaughn) und Captain Jack Glover (Sam Worthington) nur schlecht nachvollziehen können. Von Vorgesetzten und Kameraden als Feigling abgestempelt, hat sich Doss also bereits an der Heimatfront zu bewähren, all diese Schwierigkeit erscheinen aber verschwindend gering, als Desmonds Regiment letztendlich in Okinawa ihrer ersten Schlacht bevorsteht. Es gilt, Hacksaw Ridge zu erobern, ein Steilhang und eine japanische Bunker-Festung. Und allem Anschein nach scheint diese nichts anderes zu tun, als die Lebenden zu verschlingen und als Krüppel, Gebrandmarkte und insbesondere Tote wieder auszuspucken.

Wenn Doss und seine Kameraden erstmals vor der titelgebenden Klippe stehen, die es nicht nur zu erobern, sondern zuerst einmal zu erklimmen gilt, hat sich die knüppeldicke Inszenierung längst ausgezahlt. Kurz zuvor erst hat Gibson seinen Kameramann Simon Duggan („Warcraft“, „300: Rise of an Empire“) auf ein geschlagenes US-Bataillon voll draufhalten lassen – ewig lang müssen die Frischlinge und der Zuschauer in zermürbten oder toten Gesichtern nach Menschen unter all dem Blut und Dreck suchen. Diese quälenden Minuten gipfeln, völlig unverwässert, in der Sicherheit, dass Doss und seinem Zug nicht weniger als der Ab- bzw. Aufstieg in die Hölle bevorsteht. Für den Zuschauer könnte die letztendliche Konfrontation zwischen amerikanischen und japanischen Soldaten fast schon etwas Befreiendes haben, würde die unerträgliche Spannung in der Magengrube nicht augenblicklich von ekliger Brutalität abgelöst; Kopfschüsse, gesprengte Gliedmaßen, zerfetzte Leiber, all das stellenweise in voyeuristischster Zeitlupe inszeniert, widersetzen sich in ihrer gnadenlosen Form dennoch jeglicher Schaulust. „Hacksaw Ridge“ wirft sich der uralten Frage entgegen, ob es überhaupt möglich ist, einen Film über die Gräuel des Krieges zu drehen ohne diese film-ästhetisch zu verherrlichen. Und statt eine Antwort liefern zu wollen, suhlt er sich in dem Blutbad, das dieses Paradoxon hinterlässt. Damit spricht er sich nie frei von dieser implizierten Schuld, schafft es aber auf jeden Fall, einen Bild-Teppich darzulegen, dessen Facetten dem Zuschauer noch einige Zeit nachhängen dürften.

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„Schuld“ ist hier absolut das Wort der Wahl, denn wo „Hacksaw Ridge“ bei den Schlacht- und Gewaltdarstellungen zu erschrecken weiß, hat Mel Gibson auf der anderen Seite keine Probleme, seine Lieblingsthemen ästhetisch abzufeiern, da auch das Weltkriegs-Gemetzel eine weitere, filmgewordene Märtyrer- und Leidensfeier ist. Wo Desmond Doss das Gewehr verweigert, scheint der Glaube die viel mächtigere Waffe zu sein. Und hier zieht der Film nochmal gewaltig an: ob der junge Desmond nach einer Prügelei mit seinem Bruder erstarrt vor einer Kain-und-Abel-Abbildung steht oder sich nach der Schlacht taufengleich das Blut vom Körper wäscht, die Beschreibung „dick aufgetragen“ reicht an dieser Stelle längst nicht mehr aus. Hier kann besonders Hauptdarsteller Andrew Garfield glänzen, dem der etwas naive, aber immer absolut rechtschaffende Doss wie auf den Leib geschneidert scheint. Spätestens seit Filmen wie „Boy A“ sollte Garfield eines der Gesichter sein, die fast problemlos in der Lage sind, verdientes Mitleid von Zuschauerseite zu erarbeiten. Wenn Garfields Kampf dank seiner Überzeugung nicht erst auf dem Schlachtfeld, sondern bereits in der heimischen Kaserne gegen die eigenen Kameraden beginnt, kommt man nicht drumherum, sich der erwünschten Reaktion zu entziehen, welche sich gerade bei Doss späteren Heldentaten ja doppelt und dreifach wiederauszahlen soll und kann. Der restliche Cast wird damit zwar zu guten, aber im wahrsten Sinne des Wortes „Nebendarstellern“, deren Aufgabe es lediglich ist, Garfield entsprechend die Bälle zurück zu spielen. Vince Vaughn darf als Gunnery Sergeant Stand-In einige frühe Lacher in der ersten, unschuldigen Filmhälfte verbuchen, Teresa Palmer macht Garfield und dem Publikum große, nette Augen, mehr verlangt ihre Rolle nicht von ihr. Hugo Weaving kann als Doss‘ alkoholabhängiger Vater noch einige starke Momente verdienen, andererseits ist es schwierig, Weaving in dieser ambivalenten Rolle wirklich aufgehen zu sehen. Schuld daran dürften die jahrelangen Schurken-Parts tragen, ein „Agent Smith“ scheint Weaving für die Ewigkeit eingebrannt zu sein.

Zusammen mit einigen haarscharf am Kitsch vorbeischlitternden Dialogzeilen könnte also gerade die erste Filmhälfte als etwas schwächer und etwas zu lang herausgestellt werden. Abseits vom Schlachtfeld und der Christus-Symbolik droht Gibsons Inszenierung immer dann zu kippen, wenn er in ruhigen Familienmomenten ähnlich dick aufzutragen gedenkt. Letztendlich lässt er es so weit aber (fast) nie kommen und damit profitiert der Film als Ganzes noch einmal von dem wahnsinnigen Kontrast aus heiler Welt gegen die Hölle auf Erden. „Hacksaw Ridge“ überhaupt scheint nur als irgendwie verrücktes Gesamtpaket zu funktionieren, als volle Summe seiner Teile. Das absolute Bekenntnis Gibsons zu seinem Faible dient hier nicht nur als simpler Kitt, der zwei fast völlig unterschiedliche Filme zu verbinden weiß, sondern erzeugt ein Ganzes, wie man es inzwischen immer seltener genießen darf – aus dieser Anerkennung heraus dürfte es auch dem geneigten Zuschauer ein Leichtes sein, den Film zu rezipieren als das, was er sein will und ist. Ganz unabhängig davon, was man von Einzelelementen wie Doss als „göttlich gesegnetem Krieger“ vielleicht generell halten würde.

Mit seinem Weltkriegs-Biopic „Hacksaw Ridge“ meldet sich Mel Gibson mit einem Artillerieschlag zurück – und weiß die Bescheinigung für seinen noch geschliffeneren Stil nur mit dem Blut der ihm vertrauten Themen zu unterzeichnen. Mit Andrew Garfield als perfekt passendem, bemitleidenswertem Hauptdarsteller im Regiment entfesselt Gibson ab der Filmmitte ein ekelhaftes Inferno, welches trotz Inszenierung im totalen Übermaß zu keinem Zeitpunkt falsch oder unecht wirkt und damit das (vielleicht) erschreckendste Film-Schlachtfeld seit Spielbergs „Der Soldat James Ryan“ abgeben könnte. Mit diesen Fausthieben und einem absoluten Bekenntnis zu sich selbst weiß Gibson auch etwaige Schwachstellen auszubügeln, seien es die eher dürftige Zeichnung der Nebenfiguren, zwischen „Kitsch“ und „gelungen“ taumelnde Dialogzeilen und ein kurzes Einknicken beim Selbstbewusstsein im letzten Schlussmoment. Denn hier die echten Teilnehmer des Gefechts dokumentarisch noch einmal kurz zu Wort kommen zu lassen, mag eine ehrwürdige Verbeugung vor diesen Veteranen sein. Gleichzeitig untergräbt „Hacksaw Ridge“ damit aber fast einige der Momente, die er in den letzten zwei Stunden zum Schneiden dick zu inszenieren wusste. Und das hat dieses auf die Leinwand gebannte Monster sicherlich nicht nötig.

Autor: Simon Traschinsky

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