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Gut gegen Nordwind (2019) Review

© Sony Pictures

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In Vanessa Jopps Romanze „Gut gegen Nordwind“ beginnt ein durch einen Schreibfehler beim Eintippen der E-Mail-Adresse hervorgerufener digitaler Briefverkehr, über den die beiden Schreibenden sich zusehends in das geschriebene Wort des anderen und somit in ihren Gegenüber selbst verlieben. Der Film versucht zweifelsohne große Gefühle zu evozieren und in die Fußstapfen eines Klassikers wie „E-Mail Für Dich“ (1998) mit Meg Ryan und Tom Hanks zu treten. Allein, er schafft es nicht. Und so entfaltet sich eine völlig standardmäßige und keineswegs besondere Liebesgeschichte vor den Augen des Zuschauers. Dabei ersetzt die Adaption des gleichnamigen Romans von Daniel Glattauer den tatsächlich problematischen Buchladen-Subplot des gedanklichen Vorbilds durch die familiären Hintergründe der beiden Turteltauben. Diese erhalten tatsächlich sehr viel Raum und bieten den Charakteren so eine Profilschärfung. Gleichzeitig ist dieser Hintergrund auch Nährboden für viele Drama-Klischees, die man so schon sehr oft in anderen Vertretern des Genres gesehen hat.

Sie – musikstudierte Ehefrau eines Dirigenten und fürsorgliche Stiefmutter seiner zwei Kinder. Er – Dozent für Linguistik mit liebevoller Schwester, einer Mutter mit Bindungsängsten, die sie offensichtlich auf ihren Sohn übertragen hat und einer für den Zuschauer extrem nervigen On-Off-Exfreundin, die auch nicht weiß, was sie will. Die beiden Hauptdarsteller spielen ihre Rollen eigentlich charmant, Nora Tschirner als Emma „Emmi“ Rothner insbesondere. Jedoch: Würde Alexander Fehling den Leo Leike nicht gerade so charmant-introvertiert spielen, wäre diese Figur äußerst fraglich. Subliminal scheint der Film einen von Bindungsängsten gebeutelten Mann abbilden zu wollen, dem Romantik immer gelegen kommt, wenn es an der Zeit wäre, sich diesen Ängsten zu stellen. Zwar spricht der Film selbst diese Probleme zwar an, jedoch entscheidet sich das Drehbuch bis zuletzt gegen eine Bewertung oder Einordnung dieses Charakterzugs, schließlich möchte man ja eigentlich eine Romanze und kein tiefschürfendes Psychodrama erzählen, was bei den Charakteren allerdings das durchaus Spannendere gewesen wäre. Leider bleibt „Gut gegen Nordwind“ wie so viele andere Vertreter seines Genres nicht vor ermüdenden, den Plot verkomplizierenden Wendungen gefeit, um künstlich Spannung aufzubauen und den Film in die Länge zu ziehen. So verhindert das Drehbuch bis zum Schluss, dass die Protagonisten sich erblicken, ja es scheut sich regelrecht davor. Dabei grenzt es ja schon an ein Wunder, dass die beiden überhaupt in derselben Stadt leben!

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Das größte Problem der Story liegt in den Charakterzügen des Leo Leike begründet: Er kann sich nicht entscheiden, was er will. Er flüchtet sich vor echten Gefühlen, und blockiert im realen Leben echte Nähe. Er sucht Zuflucht in einer virtuellen Bekanntschaft, schreibt ihr aber oft tagelang nicht, und zwar immer dann, wenn es für ihn kompliziert wird. Symptomatisch für seine Unentschlossenheit und seine Angst vor Nähe ist insbesondere eine Szene: Gegen Ende des Films, nachdem seine Mutter stirbt, verabredet der aufgewühlte Leo sich mit Emma Rothner zu einem realen Treffen am Abend nach der Beerdigung. Als am Grab jedoch seine Exfreundin erscheint, schneidet der Film sofort zu einer sich fertig machenden Emma, die von ihm die Nachricht erhält, er müsse absagen. Dies geschieht allerdings so spät in der Handlung, dass man als Zuschauer nur genervt aufstöhnen kann, nahm man bis dahin doch eine Weiterentwicklung der Figur an. So fällt es dem Zuschauer schwer, Empathie zu ihm aufzubauen. Es ist das Glück des Films, dass das Drehbuch nach solchen Momenten immer eine Weile Emma folgt und Darstellerin Tschirner mit ihrer Performance durch diese schon dutzendfach gesehenen Plot-Elemente trägt.

Zwar beinhaltet der Film tatsächlich auch gelungene, romantische Szenen, wie zum Beispiel jenes schriftliche Gespräch zwischen den beiden, welches „Gut gegen Nordwind“ seinen Titel gibt, in dessen Verlauf die Grenze zwischen erzählter Realität und romantischem Traum aufgebrochen wird. Daneben visualisiert der Film schön die Nähe und gleichzeitige Distanz der beiden, wenn Fehlings Charakter auf seinem Dach Feuerwerkskörper zündet, die Emma von ihrem Dach aus sieht. Auch ist dem Streifen zugute zu halten, dass man wirklich viel Einblick in Emmas Eheleben erhält und versteht, warum sie mit ihrem Mann zusammen ist. Diese wenigen positiven Dinge täuschen jedoch nicht darüber hinweg, dass „Gut gegen Nordwind“ kein einziges Alleinstellungsmerkmal hat und durch eine konventionelle Erzählung einem ebenso lange im Gedächtnis bleiben wird, wie eine E-Mail im Spam-Ordner verweilt: Nach spätestens 30 Tagen automatisch gelöscht.

Autor: Nino Steffeck

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