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Gut gegen Nordwind (2019) Review

© Sony Pictures

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Der Universitätsdozent Leo Leike (Alexander Fehlinger) erfährt von seiner Freundin Marlene (Claudia Korlinski), dass sie ihn schon seit einiger Zeit mit einem Piloten aus Spanien betrügt und ihn verlassen möchte. Völlig verzweifelt und bereit, alles zur Rettung seiner Beziehung zu tun, besorgt sich Leo einen Verlobungsring und wartet nachts vor Marlenes Wohnung. Gerade als er alle Hoffnung aufgeben möchte, erhält er eine E-Mail von Emma Rothner (Nora Tschirner), die ihr Abonnement kündigen möchte.

In der Adaption des gleichnamigen Romans des österreichischen Schriftstellers Daniel Glattauer begegnen die zwei sich unbekannten Personen Leo und Emma sich eher zufällig in der anonymen Welt des Internets. Der Film verfolgt die beiden Protagonisten, wie sie die anfängliche Skepsis gegeneinander langsam ablegen und sich im Schutze ihrer virtuellen, abgelegenen Insel immer mehr einander öffnen Hier werden Dialoge, die ausschließlich per E-Mail stattfinden, zum Eintauchen in die Intimität einer privaten Konversation genutzt. Dem Zuschauer wird dies durch Screenshots vom Computer, aufgenommene Sprachmemos und Projektionen auf Gegenständen visualisiert, womit man sozusagen in die Konversation der beiden eintaucht und sich als Teil ihrer versteht. So werden die Gefühle aus der Leinwand an den Zuschauer übertragen, so fiebern wir mit Leo und Emma, wenn einer auf die Antwort des anderen wartet. Wir empfinden Freude, wenn eine Nachricht beantwortet wurde, Ungeduld, wenn eine Antwort auf sich warten lässt und auch Zorn, wenn wir eine andere Reaktion erwartet hätten.

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Darüber hinaus ist das Konzept des Films äußerst interessant und auch, zugebenermaßen, gleichermaßen realistisch wie auch unwahrscheinlich. Wenn man jedoch alle unrealistischen Faktoren als narrative Notwendigkeiten der Geschichte ansieht, die zu den realistischen und intensiven Begegnungen der beiden führt, kann man diese mit Leichtigkeit verzeihen. Ein solcher Film kann nur dann funktionieren, wenn das vorhandene Material auch entsprechend smart umgesetzt wird. Dies gelingt der Regisseurin Vanessa Jopp hervorragend. Zunächst erfahren wir von Emma durch Leo, der sie per Mail kennenlernt. Zusammen mit ihm erfahren wir mit jeder Mail ein kleines Stück mehr aus ihrem Leben, bis zu dem Zeitpunkt, an dem Emma sich dazu entscheidet, den Schutz der Anonymität des Internets zu verlassen und sich erstmals Leo vollständig zu offenbaren. Erst dann sehen wir Emma auch das erste Mal im Film. Von diesem Zeitpunkt an befindet sich der Zuschauer in der Lage, mit beiden Seiten mitzufühlen und erkennt, wie schwer es doch sein kann, für die andere Seite cool und fesch zu wirken. Dass sich beide auch erst gegen Ende des Filmes bewusst gegenüberstehen, ist eine sowohl mutige als auch die absolut richtige Entscheidung gewesen. Die Chemie der beiden Darsteller miteinander, gepaart mit ihrem schauspielerischen Talent, sorgen dafür, dass die Dialoge niemals hölzern und niemals kitschig wirken, sondern immer eine Mischung aus Nervosität, Unachtsamkeit, Coolness und Unbedachtheit wiederspiegeln. Dies klappt auch in Sequenzen, in denen die Figuren nur visuell zu vernehmen sind.

Als sich der Zuschauer gerade für ein klischeehaftes Ende vorbereitet, das er dem Film sicher verziehen hätte, erfolgt eine brillante Wendung. Eine, die uns daran erinnert, dass die Liebe zwischen Leo und Emma nicht für die Unschuld der wahren Liebe steht, die wir ihr gerne zusprechen würden. Sie ist so realistisch, wie sie sein kann, aber auch genauso rücksichtslos. Auch wenn uns kurz darauf das tatsächliche Happy End erwartet, werden wir mit dieser Szene daran erinnert, welchen Preis sie bereit waren, für ihre Liebe zu bezahlen. „Gut gegen Nordwind“ ist, trotz oder gerade wegen seiner dialoglastigen Handlung, ein äußerst unterhaltsamer Liebesfilm, der an den Grenzen des Realismus wandelt, ohne diese für länger als nötig zu verlassen. Wer diesem Genre nicht abgeneigt ist und auch mal etwas Neues ausprobieren möchte, dem ist dieser Film äußerst zu empfehlen.

Autor: Mamon Hassani

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