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Guardians of the Galaxy (2014) Review

© Disney

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Ein kleiner Schritt für einen Waschbären, aber ein großer Schritt für die Menschheit! Die Comic-Schmiede Marvel entwickelt ihr „Cinematic Universe“ weiter und weiter, welches mit „Guardians of the Galaxy“ nun eine neue Stufe erreicht. Denn die titelgebende intergalaktische Heldentruppe stellt den ersten Fall des sich mittlerweile scheinbar ins Unendliche ausdehnenden Franchises dar, welcher (zunächst) vom Stamm-Team der „Avengers“ um Iron Man, Hulk, Captain America und Thor losgelöst agiert. Marvel wäre natürlich nicht Marvel, wenn es nicht schon vermutlich sehr konkrete Pläne gäbe, alle Welten miteinander zu verschmelzen. Und was soll man sagen: Nachdem sich schon die SciFi-Mythologie-Melange aus „Thor“ (2011) trotz gegenteiliger Bedenken durchaus kohärent in das Universum eingliederte, sieht es nicht so aus, als würde „Guardians of the Galaxy“ einen anderen Weg gehen. Die Marvel-Handschrift ist unverkennbar und wer würde in ein paar Jahren nicht den vollen Eintrittspreis dafür zahlen, einen Donnergott Seite an Seite mit einem Waschbären kämpfen zu sehen?

Peter Quill (Chris Pratt) ist ein Weltraum-Outlaw, ein Mensch, der in den 1980er-Jahren als Kind von der Erde entführt wurde. Heute nennt er sich „Star-Lord“ und erledigt mit seinem Kollegen Yondu Udonta (Michael Rooker) Diebstähle und Schmuggelarbeiten für verschiedene Auftraggeber. Als Peter sich entschließt, ein von ihm erbeutetes und scheinbar wertvolles Artefakt namens Orb auf eigene Faust zu verkaufen, bekommt er Probleme: Yondu setzt ein hohes Kopfgeld auf ihn aus, welches der sprechende und intelligente Waschbär Rocket (Stimme: Bradley Cooper) und sein Gefolgsbaum Groot (Stimme: Vin Diesel) einstreichen wollen und zu diesem Zweck Jagd auf ihn machen. Auch Gamora (Zoe Saldana) ist hinter dem Orb her, eine Assassine und Tochter des intergalaktischen Eroberers Thanos (Josh Brolin), die diesen jedoch eigentlich hintergehen will, um seine wahnsinnigen Pläne zu verhindern. Thanos hat sich mit Ronan (Lee Pace) verbündet, der mit Hilfe des Orb wiederum den Planeten Xandar zerstören will. Dort werden Peter, Rocket, Groot und Gamora kollektiv gefangen genommen und zur Gefängniswelt Kyln gebracht. Mit Hilfe von Drax (Dave Bautista), einem weiteren Insassen, der sich an Ronan für den Mord an seiner Familie rächen will, gelingt ihnen der Ausbruch, um den Orb zur Verwahrung zum „Collector“ (Benicio Del Toro) zu bringen. Doch auch dort enden die Probleme nicht…

Wer hier mit wem warum an welcher Stelle welchen Plan schmiedet, um was wieso zu erreichen, klingt erstmal komplizierter, als es tatsächlich ist. Letztlich dient die Handlung eher als Mittel zum Zweck, der eigentliche Fokus des Films liegt vielmehr auf den durchgeknallten Charakteren und ihrer Interaktion. Und dafür ist ein anarchischer Regisseur wie James Gunn genau der Richtige. Auch sein letzter Langspielfilm „Super – Shut Up, Crime!“ (2010) basierte auf zwei völlig wahnsinnigen (Möchtegern)-Superhelden und ihrer, sagen wir, speziellen Art und Weise, das Verbrechen zu bekämpfen. In dieser Hinsicht schließt „Guardians of the Galaxy“ nahtlos daran an: Hier sind es nun nicht mehr zwei, sondern fünf Charaktere, die unterschiedlicher nicht sein könnten und eher unkonventionelle Methoden an den Tag legen, um ihre Ziele zu erreichen. Das Highlight ist hierbei sicherlich die etwa zwanzigminütige Gefängnissequenz, von der Planung des Ausbruchs über seine Durchführung bis hin zur Flucht. Wie die einzelnen Individuen samt ihrer Marotten, aber auch samt ihrer beeindruckenden Fähigkeiten hierbei miteinander agieren, um ans Ziel zu kommen, das ist „telling by showing“ par excellence, erzählerisch brillant und visuell überragend inszeniert.

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Der ganze Film sieht schlicht atemberaubend aus, die CGI-Effekte sind top und man wünscht sich insgeheim, dass George Lucas mit seiner „Star Wars“-Prequel-Trilogie eventuell 15 Jahre gewartet hätte, wenn diese daraufhin so ausgesehen hätte wie „Guardians of the Galaxy“ heute. Das Setdesign ist brillant, jedwede Welt bekommt ihren eigenen visuellen Stempel aufgedrückt, die Weltraumschlachten sind perfekt inszeniert und auch Kampfsequenzen zwischen den fünf Guardians und ihren Gegnern sind nicht zuletzt durch den wohldosierten Einsatz von Zeitlupen ein Schauwert für sich. Daneben muss an dieser Stelle noch der Soundtrack erwähnt werden, welcher zu großen Teilen aus Liedern der 1970er- und 1980er-Jahre besteht, die mehr als einmal eine Kommentarfunktion besitzen. Diese Songs befinden sich auf einer Kassette mit dem Titel „Awesome Mix Vol. 1“, welche Peter in seinem Raumschiff wie auch seinem Walkman in Dauerschleife hört und die ihm als Erinnerung an die Erde dient. James Gunn lässt den Zuschauer darüber noch tiefer in die erzählte Welt eindringen, denn mehr als einmal verschmelzen auf der musikalischen Ebene die Grenzen zwischen Diegese und Rezeption.

Auch ein Film wie „Guardians of the Galaxy“ hat jedoch ein paar Schwächen, welche in diesem Fall in der Dramaturgie zu finden sind. Die erste Hälfte des Films ist hierbei noch exzellent ausbalanciert, jedem der fünf Charaktere wird genügend Zeit für eine (zum Teil schreiend komische) Einführung gegeben, jeder wird entsprechend charakterisiert, was ganz wunderbar funktioniert. Natürlich hat man es hier mit Figurentypen zu tun, das ist aber in fast jedem Superheldenfilm so und stellt absolut kein Problem dar. Nach einer Viertelstunde weiß man, wer wofür verantwortlich sein wird und trotzdem besitzt jeder der fünf bei weitem genügend Tiefe, um trotz der moralischen Ambiguität als Identifikationsfigur zu taugen und nicht als Schablone durchzufallen. Bis hierhin alles gut. Das erste Problem liegt jedoch beim Antagonisten. Wie schon Malekith (Christopher Eccleston) in „Thor – The Dark Kingdom“ (2012) ist Ronan von vorne bis hinten austauschbar und bekommt jenseits seiner recht dünn motivierten Rachegelüste nicht wirklich einen Grund für sein Handeln verpasst. Thanos, der schon in „The Avengers“ (2011) den Strippenzieher hinter Lokis (Tom Hiddleston) Plan gab, bleibt auch hier noch ziemlich im Dunkeln und wird vermutlich in künftigen Filmen eine nach und nach größere Rolle einnehmen. Jedoch hätte ein zumindest etwas stärkerer Fokus auf dessen Absichten dem Film eventuell besser getan, denn Ronan ist nicht mehr als eine Marionette und somit lediglich eine schnell abzuhakende Durchgangsetappe auf dem Weg zu etwas anderem. Wie der bisherige Verlauf des „Marvel Cinematic Universe“ gezeigt hat, sind allerdings gerade die Filme die stärksten, die ihre Antagonisten nicht zu eindimensionalen Marionetten verkommen lassen, sondern ihnen eine Motivation verleihen, die eventuell auch über einen Film hinausreicht.

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Das zweite Problem steht in gewisser Weise in Verbindung mit dem Antagonisten, denn der Orb, hinter dem Ronan und irgendwie auch alle anderen her sind, taugt nicht zu viel mehr als einem klassischen MacGuffin. Das war schon bei Alfred Hitchcock kein Problem und ist über fast die komplette Laufzeit des Films auch bei „Guardians of the Galaxy“ keines. Doch gerade am Ende wird das Drehbuch nach vier Fünfteln Laufzeit voller brillanter Setpieces, humorvoller Einschübe und einer grandiosen Origin Story um fünf wildgewordene Chaoten in dieser Hinsicht geradezu generisch und handelt in Bezug auf die Konfliktlösung den Standardplot nach Schema F ab. Auch wenn die finale Konfrontation von einer gut gelungenen ironischen Brechung begleitet wird, so scheinen James Gunn und seine Co-Drehbuchautorin Nicole Perlman den Großteil ihrer ohne Zweifel im Überschuss vorhandenen kreativen Energie an dieser Stelle bereits verbraucht zu haben. Das ist natürlich eine Beschwerde auf hohem Niveau, dennoch liegt an dieser Stelle in Kombination mit dem eindimensionalen Bösewicht der Unterschied zwischen einem perfekten und einem „nur noch“ sehr guten Film. „Guardians of the Galaxy“ hätte definitiv das Potenzial zur Perfektion gehabt, reizt es gegen Ende jedoch nicht vollständig aus. Schade.

Ein derartig überdrehter Film funktioniert nur mit entsprechenden Schauspielern und hier sind Marvel (wie eigentlich immer) ideale Besetzungscoups gelungen, die Mischung aus frischen und bekannten Gesichtern ist wunderbar ausgewogen. Chris Pratt ist natürlich das Zugpferd des Films und man weiß bereits bei der Einführung von Star-Lord auf dem Weg zum Diebstahl des Orb, dass dieser Mann einen derartigen Film mühelos tragen kann. Zoe Saldana als zunächst zweischneidig scheinende Killerin agiert ihren Konflikt ebenfalls mit routinierter Gelassenheit aus und harmoniert extrem gut mit Chris Pratt. Wrestler Dave Bautista, der für diesen Film extra Schauspielunterricht nahm, weiß in der Besetzung des Muskelmannes, der keine Ironie und keine Metaphern versteht, ebenfalls hundertprozentig zu überzeugen, auch wenn seine Rolle naturgemäß physischer angelegt ist. Daneben muss an dieser Stelle ein Kompliment insbesondere an Fahri Yardım gehen, der im Deutschen die Synchronisation von Rocket übernahm und trotz heftiger Kritik im Vorfeld diesen Job herausragend meistert. Hans-Eckart Eckhardt als Groot hat nicht so viel zu tun, schafft es jedoch in der Tat, mit einem einzigen Satz (der Baum kann lediglich „Ich bin Groot!“ sagen) verschiedene Stimmungen zu transportieren. Lee Pace als Ronan holt das Beste aus seiner eindimensionalen Rolle heraus, die drei Schwergewichte Glenn Close, John C. Reilly und Benicio Del Toro agieren eher am Rande und wirken ein wenig wie die Mentoren aus dem Hintergrund.

„Guardians of the Galaxy“ ist ein mehr als würdiger Bestandteil des „Marvel Cinematic Universe“ und fügt sich mit seiner Mischung aus postmodernen Meta-Spielchen, durchgedrehten Figuren, visuell beeindruckenden Schauwerten und teils selbstironisch-trockenem, teils krachendem Humor perfekt in das nach wie vor bei weitem beste aller Superhelden-Franchises ein. Die angesprochenen Schwächen trüben zwar den Gesamteindruck ein wenig, werden jedoch durch eine berauschende Inszenierung und insbesondere die den Charakteren eigene Dynamik vergleichsweise adäquat ausgeglichen. Der Film ist eine knallbunte und völlig überdrehte Fahrt auf der Achterbahn des Wahnsinns und definitiv ein Plädoyer für mehr Waschbären im Kino. „What should we do next: Something good, something bad? Bit of both?”

Autor: Jakob Larisch

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