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Greta (2018/2019) Review

© capelight pictures / Ascot Elite

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Neil Jordan ist ein vielseitiger Regisseur, sein Oeuvre bewegt sich zwischen Fantasyfilmen („Die Zeit der Wölfe“, 1984), Vampirfilmen („Interview mit einem Vampir“, 1994; „Byzantium“, 2012), Thrillern („Mona Lisa“, 1986; „Jenseits der Träume“, 1999), politisch fundierten Filmen („The Crying Game“, 1992; „Michael Collins“, 1996), Komödien („High Spirits“, 1988) oder Rachefilmen („Die Fremde in dir“, 2007). Doch blieb er bei aller Anerkennung stets ein Maverick, ein letztlich filmischer Außenseiter, der weder kommerzielle noch Kritiker-Erfolge am Fließband produzierte und dessen neue Filme vermutlich nie mit einer solchen Spannung erwartet wurden wie die von einigen seiner Kollegen. Dies trifft auch auf seinen jüngsten Film „Greta“ zu, der trotz einer vortrefflichen Besetzung nahezu vollkommen unter dem öffentlichen Radar lief.

Der Film hat eine eigentlich ziemlich einfache Prämisse: Isabelle Huppert spielt die Titelfigur, die sich zunächst mit der Kellnerin Frankie (Chloë Grace Moretz) anfreundet, nachdem diese eine von Greta in der U-Bahn verlorene Handtasche zu ihr zurückbringt. Mit der Zeit wird Greta jedoch aufdringlich, zudem entdeckt Frankie eine ganze Reihe identischer Handtaschen in Gretas Wohnung, die nahelegen, dass sich ein System dahinter verbirgt und Greta sie absichtlich in der U-Bahn liegenlässt. Frankie versucht, die Freundschaft zu beenden, doch Greta entwickelt sich zu einer obsessiven Stalkerin, die es mit der Zeit nicht nur auf Frankie, sondern auch auf deren beste Freundin Erica (Maika Monroe) abgesehen hat.

© capelight pictures / Ascot Elite

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Über diese einfache Prämisse geht „Greta“ dann auch leider nicht hinaus. Der Stalking-Thriller mit Anleihen beim Detektivfilm (wenn Frankie versucht, die Gründe für Gretas Verhalten in deren Vergangenheit zu suchen) fokussiert sich zum einen auf die Versuche von Greta, in Frankies Leben einzudringen bzw. ein Bestandteil ihres Lebens zu bleiben sowie zum anderen auf Frankies (und Ericas) Versuche, genau dies zu verhindern. Mit Ausnahme eines gegen Ende eingebundenen, erzählerisch durchdachten Moments, der gekonnt mit den Erwartungen spielt, wird das alles mit der Zeit ein wenig redundant und es ist der Performance der wie üblich exzellenten Isabelle Huppert zu verdanken, der es gelingt, einem sehr einfach geschriebenen Charakter durch ihr Spiel noch ein paar zusätzliche Facetten abzuringen, dass sich die Vorhersehbarkeit des Filmes nicht irgendwann vollkommen in den Vordergrund drängt. Denn es ist klar, dass es zu einem gewissen Zeitpunkt zur zentralen Konfrontation kommen muss, es ist klar, dass Greta immer neue Methoden und Tricks ausprobiert und es ist klar, dass der von Frankies Vater (Colm Feore) angeheuerte Privatdetektiv (Neil-Jordan-Dauergast Stephen Rea) keinen Erfolg haben wird. Wo ist eigentlich die Polizei, fragt man sich da, doch Neil Jordan beantwortet diese Frage mit einer sehr heftigen, plakativen und polemischen Kritik am Versagen staatlicher Organe, die auch schon „Die Fremde in dir“ gekennzeichnet hatte. Das hilft zwar dramaturgisch, da Greta auf diese Weise immer wieder weitermachen kann, doch ist der Film hierbei zu oberflächlich und zu plump, um tatsächlich als ernstgemeinte Kritik durchgehen zu können. Wo nicht nach den (gesellschaftlichen) Ursachen für so unterschiedliche Faktoren wie bestimmte rechtliche Vorschriften oder auch die Überlastung der Polizei gefragt wird, sollte man auch nicht einseitig auf die Symptome einschlagen. Dazu passt, dass die Erklärung für Gretas Verhalten arg küchenpsychologisch daherkommt. Für Ambivalenzen ist in diesem Weltbild offensichtlich kaum Platz.

Immerhin ist „Greta“ atmosphärisch kohärent, der Film spielt sich größtenteils in den Wohnungen der Protagonistinnen sowie in dem Restaurant ab, in dem Frankie arbeitet. Sowohl dort als auch auf den Straßen von New York gelingt es dem Regisseur, das Klima einer ständigen Bedrohung zu evozieren, nie kann man ganz sicher sein, ob Greta nicht doch hinter der nächsten Hausecke, im Fahrstuhl oder in der U-Bahn lauert. Nicht zuletzt ist „Greta“ mit Blick auf die darstellerischen Leistungen interessant, denn er zeigt leider sehr deutlich, dass Chloë Moretz letztlich schauspielerisch limitiert ist. Dies kommt nicht nur in den Szenen mit der ohnehin in einer eigenen Liga spielenden Isabelle Huppert, sondern insbesondere in den Momenten mit der großartig aufspielenden Maika Monroe zum Tragen: Während letztere ihre rotzig-liebenswürdige Figur mit einer bewundernswert starken Natürlichkeit spielt, so dass man sich am Ende fast wünscht, sie hätte die zweite Hauptrolle übernommen, wirkt Chloë Moretz stets bemüht und angestrengt, immer wieder mit den gleichen ein, zwei Gesichtsausdrücken durch das Bild laufend, was sich auch nicht ausschließlich durch ihre Rolle erklären lässt. Die mit eigentlich deutlich gröberen Pinselstrichen gezeichnete Erica wirkt somit nicht nur sympathischer, sondern hinterlässt zudem mit Blick auf die Figurenkonstellation als Ganzes bei deutlich weniger Screentime einen deutlich markanteren Eindruck.

© capelight pictures

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„Greta“ lässt sich am besten mit der Abwandlung einer Metapher zusammenfassen, die an einer Stelle von Frankie angebracht wird: Ihre Freunde würden ihr immer sagen, sie sei wie Kaugummi, erzählt sie zu Beginn: „I tend to stick around.“ Der Film weist hingegen andere Eigenschaften von Kaugummi auf: Er zieht sich etwas und auch der Geschmack ist im Endeffekt schnell verflogen.

Autor: Jakob Larisch

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