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Gravity (2013) Review

Sieben lange Jahre hat uns Alfonso Cuarón nun warten lassen, bevor er uns mit einem neuen Kinofilm beehrt. Und was bleibt mir zu sagen, nachdem ich sein neustes Werk gesehen habe? Der Mexikaner meldet sich mit einem Paukenschlag zurück! Es war zu lesen, dass es aufgrund der noch nicht ganz ausgereiften Technik so lange gedauert habe, bis er sein neues Meisterstück „Gravity“ habe fertigstellen bzw. überhaupt erst habe filmen können. Die Wartezeit hat sich gelohnt. Der Aufwand hat sich gelohnt. Cuarón bricht das Filmemachen auf seine Quintessenz herunter: Spannungskino in Reinkultur. Die intensivsten 90 Minuten des Kinojahres.

Dr. Ryan Stone (Sandra Bullock) und Lieutenant Matt Kowalski (George Clooney) schweben hilflos durchs All und sind dem Tode geweiht. Wie das passieren konnte? Ihre Mission bestand zwar lediglich darin, Verbesserungen am Hubble-Teleskop durchzuführen, doch sie wurden von einem heranrasenden Sturm aus Weltraumschrott überrascht, der versehentlich von den Russen losgetreten worden war und sich im Anschluss daran anschickte, sämtliche Raumstationen und Satelliten in der Erdumlaufbahn zu vernichten, die ihm in die Quere kommen. Und das aufgrund seiner Geschwindigkeit alle 90 Minuten. Stones und Kowalskis verzweifelter Kampf ums Überleben und ihr Wettlauf gegen die Zeit wird zum Dreh- und Angelpunkt des Plots: schnörkellos erzählt und fantastisch bebildert.

Cuaróns Geniestreich ist im Kern eigentlich „nur“ die denkbar essentiellste Survival-Story, die man sich vorstellen kann: Zwei Astronauten kämpfen ums Überleben. Das ist im Prinzip sehr schlicht, aber gerade deshalb auch so fesselnd. Der Weltraum-Krimi beinhaltet keinen unnötigen Story-Ballast, sondern begeistert mit perfektem Spannungsbogen und unzähligen Gänsehautmomenten bis hin zum epischen Finale. Die filmische Standardsituation des Wettlaufs gegen die Zeit gerät dabei zum zentralen Faktor innerhalb der Geschichte und zeigt ein ums andere Mal, wie mitreißend Kino sein kann. Nur einmal, beim retardierenden Moment kurz nach der Hälfte der Spielzeit bedient sich der Regisseur und Autor (das Drehbuch hat er gemeinsam mit Sohn Jonás verfasst) eines vielleicht etwas fragwürdigen dramaturgischen Kniffs, dessen Funktionalität im Story-Konzept aber seine Verwendung mehr als rechtfertigt.

Was „Gravity“ im Endeffekt so gut macht? Seine Intensität, die sich unmittelbar in den Kinosaal und damit auf den Zuschauer überträgt. Der Herr der Plansequenzen liefert uns nicht nur eine ungemein spannende Geschichte, sondern er schafft es auch, sie in quasi allen Bereichen des Filmemachens auf das denkbar höchste Niveau zu heben: Sound und Score drücken den Zuschauer ein ums andere Mal in den Sitz hinein und intensivieren das Geschehen kongenial, Kamera und Regie gehen eine Symbiose ein, die ihres gleichen sucht, die Schauspieler liefern ebenfalls starke Performances ab und das Skript ist so straff und fesselnd, wie es nur sein kann. All das macht eben den Unterschied aus. Den Unterschied zu den üblichen Science-Fiction-Materialschlachten, die ich als Genre-Fan natürlich im Kino trotzdem nicht missen möchte. Denn Cuarón gelingt mit „Gravity“ etwas ganz Großes: sein Film ist nicht visionär wegen seiner Geschichte, sondern wegen seiner Herangehensweise. Nie zuvor wurde mittels Regie und Kameraarbeit (vielleicht reicht es ja jetzt endlich zum ersten Oscar für den großartigen Emmanuel Lubezki!) das Gefühl der Schwere- und der Hilflosigkeit in den Weiten des Weltalls so brillant vermittelt wie in diesem Film. Nicht umsonst wurde „Gravity“ auch von Regie-Kollegen in den höchsten Tönen gelobt. Die effektive und straffe Inszenierung seines Weltraumthrillers sind ohne Frage als makellos zu bezeichnen und heben Cuaróns Film auf Anhieb in den Genreklassiker-Adelsstand.

Was lässt sich zum Thema 3D noch sagen? Ganz ehrlich: ich weiß es nicht. Irgendwann hat sich das Auge sowieso daran gewöhnt und man könnte Vor- und Nachteile im Prinzip nur über den direkten Vergleich mit der 2D-Version ausmachen. Gestört hat es in keinem Fall, alles wirkte sowieso wie aus einem Guss, ich wage sogar zu behaupten, dass die Dreidimensionalität unterschwellig viel zur Gesamtatmosphäre beigetragen hat. Ohnehin gibt es technisch überhaupt nichts zu bemängeln: alle CGI-Effekte wirken ungemein realistisch und sind organisch und harmonisch eingebettet worden, lange Shots, in welchen die Kamera zuweilen bis in den Raumanzug eindringt und ihn daraufhin wieder verlässt, um uns die Verzweiflung und Anspannung der Astronauten fast unmittelbar spürbar werden zu lassen, sind ohne Zweifel als brillante Regieeinfälle zu bewerten. Die fließende Kameraführung und die fantastisch choreographierten Plansequenzen gehören mit Sicherheit zum Eindrucksvollsten und technisch Perfektesten, was es in diesem Kinojahr auf der großen Leinwand zu bestaunen gibt.

Einige Kritiker mögen bemängeln, dass Cuaróns neuer Film „nur“ ein Genrefilm ist, der eben nicht in der Tradition solcher Klassiker wie beispielsweise „2001: Odyssee im Weltraum“ steht, welcher sich auch mit philosophischen Fragen auseinandersetzt. Muss er aber auch nicht. „Gravity“ ist „nur“ ein Genrefilm, nur ein Spannungsfilm – aber dafür ein perfekter. Das gab es in dieser Form noch nie zuvor im Kino zu sehen und ist bereits jetzt als Science-Fiction-Meilenstein zu bezeichnen. Der Mexikaner verneigt sich vor dem Mut und Überlebenswillen des Menschen in einprägsamen Bildern für die Ewigkeit. Ich verneige mich vor dem Genie des Regisseurs und vor seinem intelligenten, individuellen und mutigen inszenatorischen Ansatz, mit dem er bewusst etwas Eigenständiges probiert und neue Wege beschreitet. Große Filmkunst vom Mexikaner.

Autor: Markus Schu

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