Einen Kommentar hinterlassen

Grave Encounters (2011) Review

„Grave Encounters“ dokumentiert die sechste Folge einer Reality-Geister-Serie, bei der ein Team, bewaffnet mit diversen elektronischen Spielereien und einer Menge Kameras, paranormalen Phänomenen auf die Spur geht. Diesmal hat es die Geisterjäger rund um Lance Preston (Sean Rogerson) in eine riesige verlassene Irrenanstalt verschlagen, deren Insassen angeblich bis heute in Geisterform ihr Unwesen treiben sollen…

Nach einer alten Weisheit meinerseits ist ein Horrorfilm bei einem DVD-Abend eigentlich eine Win-Win-Situation, da er auf zwei verschiedene Arten punkten kann. Entweder er ist wirklich gruselig und die Zuschauer werden durch die großartige Atmosphäre in den Bann gezogen, dass niemand sich traut auch nur irgendwas zu sagen, oder er ist freiwillig oder unfreiwillig komisch und man lacht sich einfach kaputt. Soviel zur Theorie, in der Praxis gibt’s dann auch noch Filme wie „Grave Encounters“.

Dieser ist dabei ein Found-Footage-Film und gesellt sich damit zu erfolgreichen Genre-Vertretern wie „The Blair-Witch-Project“, „[REC]“ und zuletzt die „Paranormal-Activity“-Reihe. In Bezug auf die Atmosphäre balancieren Found-Footage-Filme immer auf Messers Schneide. Einerseits kann eine enorme Spannung durch die Nähe zu den Protagonisten erzeugt werden, je nach Film verfolgt man die Handlung sogar durch deren Augen. Anderseits verpufft auch jegliche Spannung, sobald dieser „Zauber“ verflogen ist. Der Zuschauer muss es zumindest nachvollziehen können, warum Protagonist X in jeglichen Gefahrensituationen die Kamera dabei hat und nicht einfach liegen lässt und wegrennt.

Das Problem von „Grave Encounters“, Spannung zu erzeugen, ist nicht darauf zurückzuführen. Die Vicious Brothers (spooky!) umgehen dieses Problem zum einen mit statischen Kameras, die von der Crew im Film aufgestellt werden und zum anderen ist es verflucht dunkel in der ehemaligen Psychiatrie, sodass die Crew auf das Licht und die Infrarot-Funktion der Kameras angewiesen ist. Trotzdem passiert ihnen schon nach fünf Minuten ein folgenschwerer Fehler. Ohne spoilern zu wollen: Zu Beginn des Filmes weist mich der angebliche Produzent der Serie darauf hin, dass das was ich gleich sehe unbearbeitetes Rohmaterial ist, dass aus 76 Stunden Videomaterial zusammengeschnitten wurde. Ich bin kein Freak, was das angeht, aber wenn ich darauf hingewiesen werde, achte ich natürlich darauf. Nach fünf bzw. spätestens nach zehn Minuten sieht man aber eindeutig, dass das Rohmaterial durch den fiktiven Produzenten im Film definitiv nachträglich bearbeitet wurde. Damit hat sich der Faktor Spannung für mich quasi erledigt.

Auf der Humorebene beginnt „Grave Encounters“ vielversprechend. Es sind nicht übertrieben lustige Gags dabei, aber wie die Arbeitsweise von Reality-Shows im Allgemeinen durch den Kakao gezogen wird, ringt schon ein paar Schmunzler ab. Auch das Spiel mit Horror-Klischees gelingt „Grave Encounters“ ganz gut. Meine Lieblingsszene ist dabei, wie der Hausmeister von einem Fenster berichtet, dass er nachts immer schließt und am nächsten Morgen stets wieder geöffnet vorfindet. Kommentar von Lance Preston in die Kamera: „Definitiv ein paranormaler Hotspot!“ Daraufhin klebt sein Techniker ein Kreuz mit pinkem Gaffa-Tape auf den Boden – absolut großartig!

Schade nur, dass „Grave Encounters“ nach 20 Minuten dann versucht ein gruseliger, atmosphärischer Horrorfilm zu sein, womit er mich dann überhaupt nicht mehr kriegt. Sobald die Crew eingesperrt wird, um in der Anstalt die Nacht zu verbringen, ist jeder Witz verflogen. Was kommt: 65 Minuten Langeweile. „Grave Encounters“ ist in seinen Ideen unglaublich einfältig, was nicht nur die Location einer verlassenen Irrenanstalt beweist. Die Jump-Scares sind vorhersehbar, Standardsituationen aus x-beliebigen Horrorfilmen werden einfach nur reproduziert und die Effekte sind auch noch schlecht (wurden ja auch nicht nachbearbeitet). Die Gorillahände aus der Decke setzen dem Ganzen dann die Krone auf.

Wenn „Grave Encounters“ der erste Found-Footage oder gar der erste Horrorfilm ist, den man je gesehen hat, dann kann man dem Ganzen vielleicht noch Spaß abgewinnen, sonst ist er aber eine sehr lahme und langweilige Angelegenheit, weswegen ich den Kultfaktor, der dem Film zugeschrieben wird, überhaupt nicht nachvollziehen kann. Der Kult um „Grave Encounters“ diente 2012 sogar als Aufhänger für eine Fortsetzung, eine ebenfalls recht einfältige Idee (siehe „Blair Witch 2“), die aber etwas besser daherkommt als der Vorgänger.

Autor: Torsten Stenske

Leave a Reply