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Grand Budapest Hotel (2014) Review

Es soll ja Filmemacher geben, deren Stil der geneigte Fan und Zuschauer schon nach wenigen Minuten erkennt. Auch wenn zurecht darauf hingewiesen wird, dass ein Film in aller Regel eine Arbeit des Kollektivs ist, sind die Gewaltexzesse und coolen Dialoge des Quentin Tarantino oder John Woos weiße Tauben in Zeitlupe manchmal ein Gimmick, manchmal aber auch ein thematischer Schwerpunkt oder eine ganze Filmästhetik, die der Zuschauer zu schätzen und erwarten lernt. Ein solcher Filmemacher ist auch Wes Anderson, der schon mit Filmen wie „Darjeeling Limited“, „Der fantastische Mr. Fox“ oder „Moonrise Kingdom“ sein Gespür für liebenswerte und schrullige Charaktere, verrückte und lustige Geschichten sowie theatrale und bunte Bilder bewies und dessen neuestes Werk „Grand Budapest Hotel“ momentan in den Kinos zu sehen ist.

Der Film erzählt die Geschichte des titelgebenden Hotels, welches irgendwo in der fiktiven Republik Zubrowka liegt, die Wes Andersons bunte Vorstellung des sozialistischen Polens darstellt (passionierte Bisongrass-Wodka-Trinker werden ihn in den Kreis der Ihren aufnehmen). In dem ehemals luxuriösen und berühmten Hotel, welches durch das Alter, den Krieg und die politischen Umstände seinen Glanz eingebüßt hat, residiert ein junger Schriftseller (Jude Law), der durch Zufall mit einem weiteren Gast, dem ehemals reichsten Manns Zubrowkas und Besitzer des Grand Budapest, Zero Moustafa (F. Murray Abraham), bekannt gemacht wird. Dieser erzählt ihm beim Abendessen die Geschichte des Hotels, beginnend am Ende der 1930er Jahre, die gleichzeitig seine eigene Geschichte und vor allem die des Concierges Monsieur Gustave H. (Ralph Fiennes) darstellt. Monsieur Gustave ist aufgrund seines stets makellosen und stark parfümierten Auftretens, sowie seiner Höflichkeit und der Leidenschaft, mit der er sein Hotel führt, der eigentliche Grund für dessen Erfolg und wird von seinen Gästen geliebt, vor allem von einigen älteren und wohl betuchten Damen, mit denen er Affären unterhält.

Als die von ihm am meisten geliebte und am wohlsten betuchte Madame D. (Tilda Swinton im Make-Up einer 80-jährigen Adeligen) verstirbt, bricht Monsieur Gustave mit seinem gerade frisch eingestellten Lobbyboy, dem jungen Zero (Tony Revolori) auf, ihr die letzte Ehre zu erweisen. Von der Familie der Verstorbenen wird er allerdings nicht besonders freundlich empfangen und als ihm bei der Testamentsverlesung auch noch das besonders wertvolle Bild „Jüngling mit Apfel“ vermacht wird, wollen es der Sohn der Verstorbenen, Dmitri (Adrien Brody) und sein finsterer Handlanger Joplin(Willem Defoe) kaum glauben. Kurzerhand stehlen Zero und Monsieur Gustave das Gemälde und kehren ins Budapest Hotel zurück. Als Monsieur Gustave daraufhin allerdings des Mordes an Madame D. beschuldigt wird, beginnt für ihn und Zero ein Abenteuer, in deren Verlauf sie nicht nur den einzigen Zeugen der Tat finden und den Angriffen des Motorrad fahrenden und Finger abtrennenden Joplin entgehen müssen, sondern auch eine ungleiche Freundschaft aufbauen, Zero seine große Liebe findet und sie schließlich mitten im beginnenden Zweiten Weltkrieg auch noch dem scharfsinnigen Polizeiinspektor Henckels (Edward Norton) entkommen müssen.

Bei dem Versuch, den Film zu bewerten, fällt vor allem auf, wie reichhaltig und detailverliebt Anderson auf allen Ebenen arbeitet. Jedes Bild ist durchkomponiert und vermittelt die für ihn typische und für den Zuschauer erstaunliche, wilde Mischung aus Originalschauplätzen (der Film wurde komplett in Deutschland, vor allem Berlin und Dresden gedreht) und gemalten oder konstruierten Kulissen, die in Kombination mit der sehr oft frontalen, aber keinesfalls statischen Kamera eine sehr theatrale Atmosphäre schaffen. Gleichzeitig sind aber auch die Charaktere, ihre Dialoge und vor allem die Schauspieler, die sie verkörpern, fast perfekt inszeniert. Neben vielen bekannten Gesichtern aus anderen Anderson-Filmen wie Bill Murray, Edward Norton, Owen Wilson oder Jason Schwartzman wird hier noch zusätzlich ein Starensemble aufgefahren, welches man sonst nur aus Werken wie Steven Soderberghs „Ocean‘s“-Reihe oder Sylvester Stallones „The Expendables“ kennt. Zu keiner Zeit hat man allerdings den Eindruck, es handle sich um ein reines Schauspielervehikel oder das Filmäquivalent zum Namedropping. Jeder Schauspieler liefert solide bis grandiose Leistungen, allen voran der immer exzellente Willem Defoe, der nahezu keine Dialoge hat, aber trotzdem jede Szene an sich reißt und Ralph Fiennes, dem es gelingt, den Concierge Monsieur Gustave zwar unfassbar überzeichnet, verrückt und enigmatisch zu verkörpern, der aber gleichzeitig dem Zuschauer die nötige Identifikation gestattet und nicht wie eine überzeichnete Witzfigur, sondern wie eine reale (wenn auch äußerst sonderbare) Person mit nachvollziehbaren Motiven und Gefühlen wirkt. Auch Tony Revolori, der den jungen Zero Moustafa und damit zweiten Protagonisten verkörpert, liefert eine sehr gute Leistung ab und man macht einem 17-jährigen Schauspieler, der in seinem zweiten Spielfilm auftritt, vielleicht das größte Kompliment, wenn man sagt, dass seine Darbietung zwischen einem Dutzend Stars und in einem Film, der neben seinen Charakteren gleichzeitig sehr viel Wert auf die Geschichte sowie die Bilder legt, kein bisschen untergeht oder am Rand steht, sondern sich nahtlos in den Film einfügt.

Auch die Story des Films ist überdurchschnittlich gut gelungen, auch wenn man hier sicherlich am ehesten Kritikpunkte finden kann. Das Konstrukt der Abenteuerreise, auf die sich ein ungleiches Paar begeben muss, um aus ihrer Notlage zu entkommen ist sicherlich nicht die Neuerfindung des Rades, zumal Anderson auch einige Motive und Themen aus seinen vorherigen Filmen entlehnt, wie zum Beispiel das Reisen mit dem Zug aus „Darjeeling Limited“ oder die Freundschaft zwischen Jung und Alt aus „Die Tiefseetaucher“. Dies ist allerdings keinesfalls als Kritik zu sehen, im Gegenteil ist davon auszugehen, dass Anderson, dem oft vorgeworfen wird, seine Filme seien zu überladen, bei der Geschichte bewusst einen Gang zurück schaltet, um seine erstaunlichen Bilder und liebenswerten Charaktere nicht in eine zu komplexe Story zwängen zu müssen. Trotzdem hält sie den höchsten Ansprüchen stand und erscheint zu keiner Sekunde langweilig, vorhersehbar oder plump.

Von Kritikern wird sich Anderson auch in diesem Fall wieder anhören dürfen, der Film sei überfrachtet und verfalle in „Style over Substance“-Manierismen. Und zweifellos enthält „Grand Hotel Budapest“ keine Minute Leerlauf und lässt den Zuschauer nicht mehr aus seinem Bann, aber Anderson wandelt virtuos an der Grenze zwischen „der Film hat alles“ und „der Film hat zu viel“ und schafft es bis auf ganz wenige Ausnahmen, auf der richtigen Seite zu bleiben (war es unbedingt notwendig, neben der expliziten Aufteilung des Films in drei Zeitebenen, jede einzelne in unterschiedlichen Bildformaten/Seitenverhältnissen zu drehen?).

Sehr oft wird über Filme, die nicht den Sehgewohnheiten der Zuschauer entsprechen, gesagt, man müsse sich „auf die Filme einlassen“, um ihnen etwas abgewinnen zu können. Auch wenn „Grand Budapest Hotel“ ganz sicher kein konventionelles Werk ist, ist das hier keinesfalls nötig. Völlig selbstverständlich wird man in einen Film gezogen, dessen Sog man sich gar nicht entziehen kann und der jeden Zuschauer zumindest für anderthalb Stunden ausgezeichnet unterhalten sollte. Gleichzeitig bietet der Film aber für jeden, der danach sucht, wesentlich mehr als seichte Unterhaltung, sondern auch leise Töne, wahre Originalität und Kreativität und sogar einige ganz leise Kommentare zu vergangener und gegenwärtiger Politik und Gesellschaft.

Wes Anderson legt einen Film vor, der möglicherweise sein bis jetzt bestes Werk darstellt und der auch mitten in der Nach-Oscar-Saison einen Besuch wert ist. Von der ersten Minute an ist der Film so leichtfüßig, dass er geradezu tanzt und auch wenn er die meiste Zeit in einem munteren Cha-Cha-Cha verbleibt, so führt Wes Anderson seinen Zuschauer als Tanzpartner auch durch leidenschaftliche Tangos und den ein oder anderen schwermütigen Langsamen Walzer (nicht zufällig verweist Anderson im Abspann auf die oft tragische Literatur des Stefan Zweig, dem auch Jude Laws Charakter nachempfunden ist). Und dann sind da noch die Momente, in denen er jegliche Erwartungshaltung und Konvention von sich wirft und in den verrücktesten Harlem Shake verfällt (oder in einen Kasatschok-Breakdance, wie während des Abspanns zu sehen ist). Unbedingt ansehen und mittanzen!

Autor: Laszlo Horvath

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