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Ghostland (2017/2018) Review

© capelight pictures

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Mit „Martyrs“ (2008) schuf der französische Regisseur Pascal Laugier nicht nur einen der besten Horrorfilme des 21. Jahrhunderts, sondern einen der maßgeblich besten Horrorfilme aller Zeiten, ein transgressiver und intensiver filmischer Faustschlag, der ein großes, abschließendes Ausrufezeichen hinter die sich zu dieser Zeit bereits wieder im Rückgang befindliche Strömung der „New French Extremity“ setzte. Nach dem vollkommen andersartigen, aber nichtsdestotrotz sehr sehenswerten „The Tall Man“ (2012) meldet sich Laugier nach nun sechs Jahren filmischer Abstinenz wieder zurück und legt sein neuestes Werk „Ghostland“ vor, sein erster Film, der erfreulicherweise eine Kinoauswertung in Deutschland spendiert bekam. Alle Vergleiche mit „Martyrs“ erübrigen sich, da man ein solches Once-in-a-Lifetime-Meisterwerk kaum noch einmal toppen kann, doch „Ghostland“ legt einen Vergleich auch gar nicht nahe, sondern weist schlicht ganz eigene Qualitäten auf. Und davon gibt es viele: „Ghostland“ dürfte einer der stärksten Horrorfilme der letzten Zeit sein, womit in diesem einleitenden Absatz gleich zwei Mal mit Superlativen operiert wird.

Es ist allerdings schwierig, über den Film zu sprechen, ohne nicht recht schnell in Spoiler-Territorium vorzudringen, daher soll „Ghostland“ hier eher abstrakt verhandelt werden. Grundlegend ist er noch am ehesten dem Home-Invasion-(Sub-)Genre zuzuordnen: Eine Mutter (Myléne Farmer) zieht gemeinsam mit ihren beiden Töchtern im Teenager-Alter, Beth (Emilia Jones) und Vera (Taylor Hickson), in ein von ihr geerbtes Haus. In der ersten Nacht brechen dort zwei Männer ein und beginnen, die Familie zu terrorisieren. Alles, was danach passiert, sollte selbst herausgefunden werden. Laugier spielt hierbei hervorragend mit den potenziellen Erwartungen seines (Horrorfilm-)Publikums: Wirkt „Ghostland“ in den ersten gut zehn Minuten noch wie ein recht konventioneller Gruselfilm inklusive Jump-Scares, sich leicht im Wind bewegenden Schaukeln und enorm vielen unheimlich anmutenden Puppen, die im ganzen Haus verteilt sind, so gibt es nach dieser vermutlich bewusst derart in Genre-Sicherheiten wiegenden Exposition eine in ihrer Machart vollkommen unerwartete, unter die Haut gehende und knallhart inszenierte Wendung, nach welcher der komplette Film den Ballast der Konventionen vollkommen hinter sich lässt.

Laugier dekonstruiert alles, was man an Annahmen über den Handlungsverlauf hätte haben können, so dass „Ghostland“ tatsächlich das Kunststück gelingt, unvorhersehbar zu sein. Immer dann, wenn man so langsam meint, durchschaut zu haben, wohin sich der Film entwickelt, macht das Drehbuch eine Kehrtwende, die zu einer völligen Neubewertung des bereits Gesehenen führt. Laugier scheint das Spiel mit Twists zu mögen, dies war schon in „Martyrs“ und „The Tall Man“ der Fall: Alle drei Filme schauen sich am besten, wenn man zuvor möglichst wenig über sie weiß. Eine Zweitrezeption gestaltet sich damit sehr produktiv, da durchaus einiges an Anspielungen vorhanden ist, die man aber (logischerweise) erst retrospektiv richtig einordnen kann. Lediglich am Ende gibt es ein, zwei kurze Momente, die sich in ihrer Gestaltung erahnen lassen, doch wird dies durch die zuvor und auch danach immer wieder rechtzeitig gesetzten dramaturgischen Haken gekonnt übertüncht und tut der konstant gehaltenen Spannung keinen Abbruch. Zur Wucht von „Ghostland“ trägt auch die teils drastische Gewaltdarstellung bei. Laugier macht in dieser Hinsicht keine Gefangenen, doch verkommt sie an keiner Stelle zum Selbstzweck; das war bei diesem Regisseur ohnehin noch nie der Fall. Vielmehr stützen die jeweiligen Momente das Erleben des Zuschauers, lassen ihn das Geschehen noch intensiver und damit noch beklemmender wahrnehmen und passen sich mustergültig in die durch das Setting des Filmes evozierte, düstere Atmosphäre ein.

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Wie ebenfalls schon in „The Tall Man“ und letztlich auch in „Martyrs“ behandelt Laugier einen (teils) indirekten Generationenkonflikt, wobei er sehr schnell verdeutlicht, auf wessen Seite er steht: Es sind stets die Kinder bzw. Jugendlichen, die in einer ihnen auf verschiedene Weise feindlich gesinnten Welt um ihr sowohl gesellschaftliches wie auch sprichwörtliches Überleben kämpfen müssen. Laugier macht ihre Perspektive dabei im Falle von „The Tall Man“ eher mittelbar, im Falle von „Martyrs“ und nun auch „Ghostland“ jedoch unmittelbar zu einem Knotenpunkt des Films und visualisiert hier diesen Kampf bzw. eine Angst vor dem der Erwachsenengeneration innewohnenden und gar nicht einmal derart subkutanen Gewaltpotenzial als einen zentralen Kern des Horrors. Waren die Frontlinien diesbezüglich in „Martyrs“ jedoch noch (relativ) eindeutig, ist dies in „The Tall Man“ und nun auch in „Ghostland“ nicht der Fall. So ist doch zumindest Beths und Veras Mutter eine durchaus positiv gezeichnete Figur, auch wenn sie mit ihren zwei pubertierenden sowie sich ständig kabbelnden Töchtern mal die eine oder andere Meinungsverschiedenheit austrägt (was nun allerdings nicht wahnsinnig ungewöhnlich ist). Doch sie kann den Einzug des Schreckens nicht verhindern, so dass auch die Familie auf fatale Weise nicht mehr imstande ist, denjenigen Hort der Sicherheit darzustellen, den sie eigentlich darstellen sollte.

Gemeinsam mit dem ebenfalls exzellenten „A Quiet Place“ stellt „Ghostland“ bislang die Speerspitze des Horrorfilms im Jahreskontext 2018 dar. Man kann bei diesem Film jedoch nicht einmal so sehr von klassischen Innovationen sprechen (das macht aber auch nichts), vielmehr ist er quasi innovativ ex negativo: Er zeigt weniger etwas dezidiert Neues, sondern dekonstruiert vielmehr das Bekannte hin zum Unerwarteten, wobei er die Spannungsschraube nahezu kontinuierlich auf Anschlag gedreht hält. Pascal Laugier dürfte mit zu den interessantesten (Genre-)Regisseuren der Gegenwart gehören, was er mit „Ghostland“ wiederholt unter Beweis stellt. Und es ist immer gut zu wissen, dass es auch im zeitgenössischen Kino noch Filme gibt, die das Moment filmischer Unvorhersehbarkeit gekonnt zu ihren Gunsten einzusetzen vermögen.

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Die Edition: capelight pictures veröffentlicht „Ghostland“ in ihrer altbewährten Mediabook-Reihe, als Steelbook sowie als DVD- bzw. Blu-ray-Standardauflage im KeepCase. Das Mediabook beinhaltet einen gewohnt informativen Essay von Marcus Stiglegger sowie ein Interview mit Pascal Laugier, als Bonus findet sich auf den Discs neben einigen Trailern ein extrem sehenswertes, mehr als einstündiges (!) Making-Of, in welchem der in vielerlei Hinsicht intensive Produktionsprozess sehr lebendig und eindringlich bebildert wird sowie zudem Interviews mit Regisseur und Hauptdarstellerinnen.

Autor: Jakob Larisch

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