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Ghost in the Shell (2017) Review

© Paramount Pictures

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Als die Welle des Cyberpunks Ende der 1980er-Jahre mit dem Rückenwind des anbrechenden Internetzeitalters über das Science-Fiction-Genre spülte, brachte sie bekannte Themen um Identität, Kontrolle und soziale Umwälzungen mit sich – wenn auch im neuen, binären und spekulativ-futuristischen Gewand. Diesen Mantel streifte sich unter anderem William Gibson für seine „Neuromancer“-Reihe über und auch Ridley Scotts „Blade Runner“ sollte eine Instanz des Genres werden – während auf der anderen Seite des Globus‘ die technophilen Japaner sich mit Werken wie „Akira“ oder „Ghost in the Shell“ ihre ganz eigenen und doch sehr ähnlichen Gedanken zu dem Thema machten. Knapp 20 Jahre nach deren erster Anime-Umsetzung liefert Rupert Sanders („Snow White and the Huntsman“) nun das amerikanische Remake in Hochglanz-Optik – gemessen an der Taktfrequenz Hollywoods sogar reichlich spät, behält man den Kult-Status der Vorlage im Kopf.

In der nicht allzu fernen Zukunft ist die Menschheit vernetzter als je zuvor und hat Smartphone und Tablets längst hinter sich gelassen. Über Schnittstellen am Körper können Nutzer direkt in die Datenwelt eintauchen, an jeder Straßenecke versuchen Kleinganoven Technik und Hacks an den genervten Passanten zu bringen und auch die Medizin hat dank der neuen Entwicklungen riesige Sprünge gemacht. Einer davon ist die Arbeit der Hanka-Robotics-Wissenschaftlerin Dr. Ouélets (Juliette Binoche) die den ersten, vollständigen Maschinenkörper entwickelte, der von einem menschlichen Geist namens „Major“ (Scarlett Johansson) kontrolliert wird. Ihre Eltern sowie ihr ursprünglicher Körper kamen bei einem Terror-Anschlag ums Leben, Ouélet ergriff die Gelegenheit – ein Umstand, über den Major nicht immer froh ist, kämpft sie doch nun mit Erinnerungslücken und Identitätsfragen um ihre tatsächliche Menschlichkeit. Gleichzeitig ist sie mit ihren außergewöhnlichen Fähigkeiten nicht nur ein Prototyp, den Hanka-Robotics für seine zukünftigen Firmenpläne genau im Auge behalten will, sondern auch Teil der auf Cyberkriminalität spezialisierten Regierungsorganisation Sektion 9, geleitet von dem undurchsichtigen Daisuke Aramaki (Takeshi Kitano). Major und Co-Ermittler Batou (Pilou Asbæk) haben es bei ihrem neuesten Auftrag dabei mit einem ganz besonders kniffligen Fall zu tun – denn scheinbar ist es einem kriminellen Hacker nun sogar möglich, Menschen über ihre Schnittstellen anzuzapfen und zu kontrollieren.

Cyberpunk im Film ist es wohl besonders inne, visuelle Welten zu erschaffen, die so noch nie gesehen werden, ob es sich dabei um die Visualisierung einer Computerwelt wie in „Matrix“ oder der düster-verregneten Multi-Kulti-Großstadt eines „Blade Runner“ handelt. Sanders und sein Kameramann Jess Hall können bei der Tradition futuristischer Großstädte mit allerlei Hologrammen als Werbetafeln auch absolut in die Vollen gehen; selbst wenn man als Zuschauer all dies in irgendeiner Form vielleicht schon einmal gesehen hat, ändert dies wenig daran, dass „Ghost in the Shell“ sich stellenweise wunderschön präsentiert. Die Glanzmomente bilden dabei sicherlich Majors und Batous Ermittlungen inmitten der Großstadt – was einem hier an Ideen um die Ohren fliegt, würde bereits eine zweite Sichtung des Films rechtfertigen: Passanten in Hologramm-Bubbles, die jeden Smartphone-Nutzer in der Fußgängerzone alt aussehen lassen oder Bewohner mit allerlei hochtechnologischen Prothesen, egal ob Fischhändler oder Türsteher. Das liegt auch an der generell hohen Qualität des Produktionsdesigns. Wenn Yakuza-Handlanger mit eisernem Kieferersatz und „aufgenähten“ Bildschirmen vor den Augen die Grenze zwischen Mensch und Maschine weiter zerfließen lassen, erzeugt das treffendste Sci-Fi-Atmosphäre. Insgesamt fallen die Effekte absolut positiv auf, dank der an der Anime-Vorlage orientierten Überstilisierung stört dies selbst dann nicht, wenn das CGI einmal im Vordergrund steht. Bei einer Schießerei zwischen Major und einem metallenen Kampfroboter sorgt eine geerdete Inszenierung dafür, dass all dies ordentlich Wumms hat und sich nicht nach leerer Hülle anfühlen muss. Weiter kommt dem Ganzen zu Gute, dass „Ghost in the Shell“ seine Story auf dem Boden hält; Ja, es geht um Verschwörungen und Intrigen auf höchster politischer Ebene, dennoch bleibt alles im Rahmen einer Detektiv-Geschichte und artet an keiner Stelle zur hohlen Materialschlacht aus.

© Paramount Pictures

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Wo also das Remake bei Umsetzung des Settings dem Original fast sklavisch treu bleibt und beim restlichen Design dank aktueller Effekte sogar darüber hinauszugehen weiß, nimmt sich „Ghost in the Shell“ bei der Handlung einige Freiheiten heraus – und schießt sich damit wenig überraschend, aber immer noch schmerzlich selbst ins Bein. Denn es wundert wohl kaum, dass die mehrdeutigen Momente einer japanischen Erzählweise dem fokus-getesteten, hollywood’schen Happy End mit sauberem Sequel-Potenzial weichen müssen. Das deutlichere Hin zu einer Detektiv-Geschichte weg von einem langsameren Stimmungsstück kommt einem unterhaltungs-orientierten Blockbuster dabei sicher gelegen, beraubt „Ghost in the Shell“ auf Story-Ebene jedoch auch aller Merkmale, die den Film von der Masse abzuheben wüssten. Denn wo wie verrückt Geheimniskrämerei betrieben wird, sind die Twists und Enthüllungen absolute Stangenware und vorhersehbar. Gleichzeitig verhindert der Drang zum absolut sauberen Ende die tatsächliche Diskussion der filmischen Themen – es ist also nur eine Spitze, dass der interessant-mysteriös etablierte Hacker Kuze am Ende keine bedeutsame Rolle mehr für die Handlung spielt. In Zeiten einer Serie wie „Westworld“, die sich mit ähnlichen Themen wie der Grenze zwischen Mensch und Maschine auseinandersetzt, wirkt die Handlung hier stellenweise ungeheuer altbacken. Und die Dialoge zwischen Major und anderen Figuren mit einem schon genre-typischen „Es ist nicht wichtig wer du bist, sondern was du tust“ sind nur wenig besser.

Dabei tut der Cast sein absolut Bestes, um aus seinen Rollen alles herauszuholen und das trotz der unterkühlten Grundstimmung im Vergleich zur bombastischen Großstadtkulisse. Dabei ist mal mehr, mal weniger Arbeit nötig, seiner Figur Profil zu verleihen – Scarlett Johansson gibt sich rollenbedingt die meiste Zeit über besonders maschinenhaft, kann aber in den nötigen Momenten emotional nochmal ausreichend aufdrehen, Pilou Asbæk darf als Co-Ermittler Batou nicht nur als die beste Umsetzung von der Anime- zur Realfigur gelten, sondern empfiehlt sich auch zukünftig für weitere Rollen des ruhenden Riesen, den man besser nicht piesacken sollte. Als besonders erinnerungswürdig erweist sich aber natürlich die Größe des japanischen Kinos, Takeshi Kitano – und das trotz seiner eigentlich gar nicht so ausufernden Rolle. Aber wie Kitano als Chef von Sektion 8 nur von seinem Sessel aus eine Ruhe und Autorität heraufzubeschwören weiß, erinnert nicht von ungefähr an einen Paten Marlon Brandos, denn bis zu den finalen Momenten hin scheint sich Kitano von all dem futuristischen Schnickschnack wenig beeindrucken zu lassen und spielt seine Figur simpel, aber effektiv als Teil eines Yakuza-Dramas. Anschlagsversuch auf sein Leben und Zusammenführen der letzten Erzählstränge inklusive.

Die Hollywood-Inkarnation von „Ghost in the Shell“ ist wohl genau das geworden, was Fans eventuell befürchtet hatten und musste dennoch deutlich weniger Federn lassen als viele andere Projekte im Zuge ihrer Amerikanisierung. Denn wo bei Handlung und Thematik wirklich alles auf den kleinsten gemeinsamen Nenner heruntergebrochen wird und der Film damit viel an Spannung und Identität aufgibt, dreht „Ghost in the Shell“ bei seiner visuellen Präsentation alles auf Anschlag. Mit „Blender“ wäre der Film vielleicht einfach und nicht unpassend umschrieben, wo lebendige und bestaunenswerte Kulissen im aktuellen Science-Fiction-Kino jedoch immer noch Mangelware sind, lässt man für diese zwei Stunden vielleicht aber auch gerne einfach mal Fünfe gerade sein, um sich passend zur 3D-Brille die Scheuklappen aufsetzen.

Autor: Simon Traschinsky

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