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Fucking Berlin (2016) DVD-Kritik

© EuroVideo Medien

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Die Geschichte von Sonia Rossi klingt unglaublich. Der jungen Mathestudentin fehlt es an vielem, aber vor allem fehlt es ihr an Geld. Statt einen „normalen“ Nebenjob anzunehmen, um die Haushaltskasse etwas aufzubessern, versucht sich das unbedarfte Mädchen zunächst als Call-Girl, später dann als Prostituierte. Was folgt, ist eine Aneinanderreihung skurriler Anekdoten über gebrochene Herzen und abgedrehte Freier. Der Stoff für eine gute Story war also definitiv vorhanden und so versuchte sich Rossi gleich selbst an der Niederschrift ihrer besonderen Jugendzeit. Das Buch wurde ein Bestseller, trotz oder gerade wegen der medialen Berichterstattung. Viele wollten dieser wahnsinnigen Erzählung nicht so recht über den Weg trauen. Der Popularität des Buches schadete dieser Umstand wahrlich nicht und so sollte eine entsprechende Verfilmung bald folgen. 2016 ist nun das Jahr, in dem uns Regisseur Florian Gottschick den passenden Streifen zum Roman schenkt; mit der aufstrebenden deutschen Newcomerin Svenja Jung als, ihr könnt es erraten, Sonj(i)a.

Vor dem eigentlichen Film machte schon ein Trailer die Runde, der wohlige Erinnerungen an eine andere deutsche Filmperle weckte: „Victoria“. Nicht nur den Schauplatz Berlin teilen sich die beiden Produktionen, sondern auch eine ähnliche Stimmung. Grelle Lichter, laute Musik und eine gewisse „dirtiness“ weckten Hoffnungen auf einen weiteren heimischen Indie-Hit. Was ist davon im fertigen Film übrig geblieben? Nicht alles, aber genug. „Fucking Berlin“ ist über die volle Laufzeit ein unterhaltsames und flottes „Biopic“, das sich die Absurdität der Vorlage bewahrt. Das Tempo sowie die Elektrizität des Trailers kann das Endprodukt leider nicht halten, die ruhigen Momente schaden dem eigentlichen Plot aber ebenso nicht. Ganz im Gegenteil. Eine große Stärke des Films sind seine wunderschönen Bilder, welche Regisseur Gottschick ausgiebig zelebriert. In manchen Szenen hätte der Schnitt gerne früher kommen können, übelnehmen kann man den Machern diesen Zug jedoch nicht, bedenkt man das heutige deutsche Schnittgewitter bei vielen Produktionen.

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Lustigerweise ist die zweite Stärke von „Fucking Berlin“ seine Hauptdarstellerin Svenja Jung. Warum das lustig ist? Ausgerechnet die Protagonistin machte in dem angesprochenen Trailer keinen guten Eindruck. Die Voice-Over, die den Film stets begleiten, wirkten in der Vorschau noch arg gestellt und wie ein Fremdkörper. Glücklicherweise ist das eigentliche Werk eine große Bühne für die wunderbare Jung. Wenn die zweifelnde Sonja nackt an einem Fenster weit über den Straßen Berlins in die Ferne blickt, dann sind das nicht nur große Bilder sondern ebenfalls große Emotionen. Jung spielt die Schmutzigkeit und Ehrlichkeit der Szenen voll in die Karten und sie nutzt die Chance. Erneut muss man dem Regisseur ein Kompliment machen, denn er vermeidet es, unbequeme Stellen der Vorlage visuell glattzubügeln. Dennoch steht zu keinem Zeitpunkt der Vorwurf des Voyeurismus im Raum, dazu fehlt dem Werk, im positiven Sinne, schlicht die szenische Hochglanzpolitur und die Hauptdarstellerin.

Weniger gelungen ist das davon losgelöste Drehbuch. Das orientiert sich zwar an der frechen Vorlage, viele plakative Formulierungen machen es aber gerade den Nebendarstellern schwer, ihren Charakteren Profil zu verleihen. Vielen Dialogen merkt man die strenge Drehbuchvorgabe an, etwas mehr Improvisation hätte einigen Sequenzen gut getan. Die entsprechenden Schauspieler wären vorhanden gewesen. So bleibt die Stadt selbst der beste Spielpartner für Svenja Jung. Neben den berauschenden Bildern wird Berlin hier vor allem durch die musikalische Untermalung (Stichwort: „Alle Farben“) zu einem echten Typen.

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Ob „Fucking Berlin“ tatsächlich jemals so geschehen ist, kann auch der Film nicht beantworten. Das will er aber auch nicht und muss er nicht. Frei von allen Spekulationen ist Florian Gottschicks Werk ein mehr als unterhaltsames und visuell großartiges „Dirty-Kleinod“ mit einer tollen Hauptdarstellerin in einer tollen Stadt und leider nicht ganz so tollen Schönheitsfehlern. Es ist kein neues „Victoria“, dafür aber 100% ein „Fucking Berlin“. Und das heißt seit diesem Jahr nichts Schlechtes mehr.

Autor: Max Fischer

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