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Frequencies (2014/2015) BluRay-Kritik

© OFDb Filmworks

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Funktioniert Science-Fiction mit Mikro-Budget? In den letzten Jahren erschienen einige Filme, deren interessante Ideen eine kostenintensive Zukunftsvision hinfällig machten. 2011 kam beispielsweise „Another Earth“ heraus, der mit gerade mal 200.000 US-Dollar realisiert wurde, zuletzt machte auf dem Fantasy Filmfest „Coherence“ auf sich aufmerksam, der eine Story um einen Kometen-Einschlag in ein Kammerspiel im Wohnzimmer verwandelte. In eine ganz ähnliche Richtung geht Darren Paul Fishers „Frequencies“, der mit einem minimalen Budget, unbekannten Darstellern und keinerlei Spezialeffekten eine wahnsinnig reichhaltige und fruchtbare Gesellschaftsvision entwirft.

In diesem Universum besitzt jeder Mensch eine bestimmte Frequenz. Diese wird gemessen, und bestimmt die meisten Ereignisse um eine Person – Menschen mit einer hohen Frequenz haben Glück, Erfolg, einen hohen IQ, während „low frequencies“ als Unglücksraben durchs Leben wandern. Protagonist Isaac-Newton „Zak“ Midgeley (Daniel Fraser) ist ein „low born“, seine Frequenz liegt ungewöhnlich tief im negativen Bereich. Und dann verliebt er sich auch noch in Marie-Curie Fortune (Eleanor Wyld), die mit einer überdurchschnittlich hohen Frequenz gesegnet ist, was quasi einer allumfassenden Inselbegabung entspricht. Das Zusammenleben von „low born“ und „high born“ ist nicht gestattet – die Frequenzen sind zu verschieden und prallen aufeinander, was zu Anomalien in der Natur führt – Gepäck fällt plötzlich vom Himmel, oder Türen knallen willkürlich auf und zu, die Stärke der Anomalien variiert. Über seine gesamte Kindheit und Jugend hinweg versucht Zak einen Weg zu finden, diese Barriere zu überwinden – im Erwachsenenalter scheint er einen Weg gefunden zu haben, doch die Konsequenzen seiner Entdeckung entpuppen sich als weitreichender, als von ihm vorhergesehen.

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Die Handlungsbeschreibung lässt es schon erkennen:, „Frequencies“ (der auch unter dem obskuren Titel „OXV: The Manual“ bekannt ist) zeigt eine Realität auf, deren Sci-Fi-Komponenten gänzlich ohne ein Alternieren der uns bekannten Welt funktionieren. Die harte Unterscheidung zwischen „low“- und „high“-Geborenen erinnert anfangs in Grundzügen an Genre-Klassiker wie „Brave New World“ oder auch an jüngere Vertretern wie „Gattaca“, nach kurzer Zeit eröffnet sich aber die große Eigenständigkeit der Idee. Dafür muss allerdings in Kauf genommen werden, dass diese Idee häufig wissenschaftlich durchexerziert wird. Auch die vermeintliche „Lösung“ der Frequenz-Problematik durch Zak erfolgt durch ein wissenschaftliches Konstrukt, dem der Film viel Zeit zur Erklärung widmet. Manchmal wird dies in interessanten Montagen gelöst, häufig muss man leider den Akteuren einfach dabei zusehen, wie sie vor vollgeschriebenen Tafeln sprechen, was leider wenig filmisch (aber vermutlich budget-schonend) gelöst worden ist. Wen schon in „Inception“ langweilte, dass Christopher Nolan seine Konzepte durchgehend von Figuren erklären lassen musste, wird sich hier wohl auch daran stören. Das Universum bleibt in sich jedoch durchgehend interessant und wartet gut dosiert mit Wendungen und neuen Erkenntnissen auf.

Schauspielerisch muss man das Ganze wohl innerhalb seiner Möglichkeiten betrachten – „Frequencies“ setzt durch die Bank auf ziemlich unbekannte Gesichter, die Hauptdarsteller machen ihre Sache recht ordentlich, bei den Nebenfiguren bleiben hin und wieder manche Dialogzeilen hinter ihrem Potential zurück. Da der Look den Independent-Charakter unterstreicht, stört das nicht zu sehr, der Film sieht aus wie ein idealer Indie-Festivalbeitrag. Trotz des offensichtlich niedrigen Production Values strahlt „Frequencies“ einen eigenen Charakter aus – wie ein billiger TV-Film wirkt er glücklicherweise nicht.

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Wenn „Science-Fiction“ nicht auto- matisch Erwartungshaltungen in Be- reichen optischer Spektakel wie „Gravity“ oder „Interstellar“ hervorruft, sondern sich auch ausschließlich in den aufgeworfenen Konzepten alter- nativer Gesellschaftsformen äußern darf, dann wird man an „Frequencies“ große Freude haben. Die minima- listische Optik ordnet sich einem großartigen Reichtum an Ideen unter, die sich mit ganz essentiellen Fragestellungen um Determinismus und freien Willen auseinandersetzen. Erfreulich, dass sich „OFDb Filmworks“ dieser Independent-Überraschung an- genommen hat, und sie hierzulande für den Heimkino-Markt auf DVD und Blu-Ray sowie als Blu-Ray-Steelbook mit viel Bonusmaterial (u.a. Audiokommentar des Regisseurs) veröffentlicht.

Autor: Roman Widera

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