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Frank (2014/2015) Review

© Weltkino

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„Du musst es einfach hinnehmen“, bekommt der Keyboarder Jon (Domnhall Gleeson) an einer Stelle des Filmes „Frank“ gesagt, als er sich fragt, wie zum Teufel der von Michael Fassbender gespielte Titelcharakter denn so sein tägliches Leben bewältigt, wenn er Tag und Nacht (ja, im Sinne von „immer“) einen riesigen Kopf aus Pappmaché trägt. Denn schließlich ist das mit dem Essen, dem Rasieren oder dem Zähneputzen so eine Sache, wenn man nicht an sein eigenes Gesicht herankommt. Der zitierte Satz stellt dabei einen netten Meta-Verweis des Drehbuches dar, denn natürlich dürfte auch der Zuschauer ein wenig an der Praktikabilität eines solchen Daseins zweifeln. Zwar bekommt man immerhin einmal zu Gesicht, wie Frank das Duschen gestaltet, mit so profanen Dingen hält sich der Film aber auf Dauer nicht wirklich auf. Man muss es daher irgendwann tatsächlich einfach hinnehmen, dass da einer immer mit einem überdimensionierten Papp-Schädel herumläuft. Das ist nun mal so. „Frank“ ist in all seiner mit dieser Idee einhergehenden filmischen Anarchie ein schwarzhumoriger und subtiler Kommentar auf die Schnelllebigkeit der YouTube-Gesellschaft, der jedoch über seine Laufzeit mit einigen kleinen dramaturgischen Unregelmäßigkeiten zu kämpfen hat.

Frank ist Sänger einer Band, deren Auftreten und musikalische Vorgehensweise mit sowohl „extrovertiert“ als auch „durchgeknallt“ noch harmlos umschrieben sind. An ihr explizit zur Schau gestelltes Anderssein, welches sich sowohl in der äußeren Erscheinung von Frank wie auch dem teils an improvisierte Zwölftonmusik erinnernden musikalischen Stil äußert, geht der Film nun von einer quasi umgekehrten Seite heran, indem er es als Normalität markiert. Domnhall Gleeson fungiert dabei als der innerfilmische Stellvertreter des Zuschauers, dessen Figur Jon aus seinem etwas langweiligen Leben gerissen wird, als ihm die Band mit dem wundervollen Namen „Soronprfbs“ den Platz als Keyboarder anbietet, nachdem ihr letzter versucht hat, sich im Meer zu ertränken. Er willigt ein, was in einem etwa einjährigen Aufenthalt in einer Hütte in den irischen Wäldern zwecks Aufnahme eines neuen Albums mündet, welcher knapp die Hälfte des Filmes einnimmt. Naturgemäß treten in einer solchen Abgeschiedenheit nicht viele weitere Figuren auf, womit die Band über den Großteil des Films als einziger identifikatorischer Referenzpunkt für Jon und damit den Zuschauer dient und einem die gesellschaftliche Normalität dabei mit der Zeit gedanklich fast abhanden kommt.

Der musikalische wie zwischenmenschliche Wahnsinn der Proben wird von Jon dabei nach einiger Zeit akzeptiert und in Teilen adaptiert, auch wenn ihm außer Frank und Don (Scoot McNairy) keines der restlichen Bandmitglieder wirklich wohlgesonnen ist, insbesondere nicht die stets finster dreinblickende Clara (hervorragend: Maggie Gyllenhaal). Doch ganz von der Außenwelt lösen kann sich Jon nicht, so twittert er regelmäßig über den Verlauf der Geschehnisse in der Hütte und postet Videos von den Bandproben auf YouTube. Der Ärger ist groß, als das Ganze auffliegt, doch Frank ist von den Möglichkeiten des ihm scheinbar unbekannten Mediums YouTube fasziniert und geht auf Jons Angebot ein, es mit einem Live-Auftritt zu versuchen. Wenn nur die Musik nicht so verdammt experimentell wäre, was Jon dazu veranlasst, den Vorschlag nach etwas mehr Eingängigkeit in den Raum zu stellen. Böser Fehler oder Weg zum Ruhm?

© Weltkino

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In dieser Wendung zeigt sich das Potenzial von „Frank“, denn die von Jon geposteten Videos haben ihre 23.000 Klicks nicht erhalten, weil die Musik der Band so brillant wäre, sondern weil die Clips schlicht und ergreifend eine Form musikalischen Irrsinns zeigen, dessen Output dabei vollkommen nebensächlich ist. In einer Zeit des immer kurzlebiger werdenden Ruhms, in der unter dem ökonomischen Druck des Musikmarktes kaum mehr stabile, sich entwickelnde und langlebige musikalische Karrieren möglich scheinen, zählt somit nicht so sehr ein sich in Singles und Alben manifestierendes und solides musikalisches Ergebnis. Vielmehr ist es ein oberflächliches Interesse an Skandalen, an scheinbaren Hintergründen, an der kurzfristigen Bedienung von Sensationsgier, das möglichst viel Aufmerksamkeit und damit möglichst viele Klickzahlen als Währung der digitalen Zeit generiert. Qualität wird Quantität unterworfen, man interessiert sich nur noch für Wirkungen und nicht mehr für Ursachen, die Verpackung ist wichtiger als der Inhalt, das zeigt der Film nicht nur mit seiner Story, sondern auch ganz konkret in Form des Kopfes, hinter dem Frank sein Gesicht versteckt. Der Film rutscht dabei glücklicherweise nicht in eine platte Be-Yourself-Moral ab, sondern bietet ein charmantes Plädoyer für ein persönliches Wirken in kleinem Rahmen, so lange man damit sein eigenes Glück findet.

Mit seiner Laufzeit von 91 Minuten eigentlich kurz und bündig, muss sich „Frank“ leider den Vorwurf einer teils etwas schiefen narrativen Gestaltung machen lassen, die sich insbesondere während des Hüttenkollers in der ersten Hälfte des Films einschleicht. Lange Zeit ist nicht ganz klar, wo der Film eigentlich hin will, so dass es sich umso stärker bemerkbar macht, dass man irgendwann nachhaltig begriffen hat, dass die Truppe schlicht vollkommen am zerebralen Rad dreht. Dies führt zwar zu sehr lustigen Szenen, aber nach einer Weile hat sich das anarchische Konzept etwas abgenutzt, was für anarchischen Humor ziemlich schnell den Todesstoß bedeuten kann. „Frank“ fängt sich in der zweiten Hälfte diesbezüglich wieder etwas, scheint es aber nun wiederum ein wenig zu eilig zu haben, ins Ziel zu kommen, denn auf dem Weg von der Hütte auf die Bühne passiert zu viel in zu kurzer Zeit. Etwas dramaturgische Ausgewogenheit hätte diesen Unebenheiten vorbeugen können, das grandiose Ende sorgt allerdings dafür, dass man den Film mit einem positiven Grundgefühl verlässt.

Schauspielerisch lebt der Film insbesondere vom Dreieck Gleeson – Gyllenhaal – Fassbender, wobei man bei letzterem natürlich auf die Mimik verzichten muss. Neben der Gestik transportiert sich somit ein Großteil von Franks Wirken über die Stimme, weswegen es dem Verleih Weltkino hoch anzurechnen ist, dass er den Film nur in der Originalfassung mit deutschen Untertiteln herausbringt. „Frank“ ist ein über weite Strecken auf hintergründige Weise witziger Film, zwar nicht hundertprozentig erzählerisch ausbalanciert, aber insbesondere für Freunde eines zurückgenommenen und dennoch absurden Humors durchaus sehenswert.

Autor: Jakob Larisch

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