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Fr0he W31hn4cht3n – Die Raubkopierer, die Oscars und der Kampf gegen Windmühlen

© Universum Film

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Alle Jahre wieder das gleiche Spiel. Die Oscar-Saison fängt an und gleichzeitig tauchen hochwertige Kopien der Filme im Netz auf. Dieses Jahr besonders bitter: Einige der Filme waren bis zu diesem Zeitpunkt nicht einmal erschienen, wie beispielsweise „Joy“ oder „The Revenant“. Bis zu 40 Filme sollen die Piraten, die unter dem Decknamen „CM8“ operieren, erbeutet haben. Über die Feiertage verteilt wurden die Kopien nach und nach veröffentlicht. Quentin Tarantinos neuer Film „The Hateful Eight“ wurde innerhalb kürzester Zeit über eine Million Mal runtergeladen. Im Folgenden möchte ich einen kleinen Einblick in die Hintergründe der Szene geben und darlegen, wieso Hollywoods Kampf gegen Raubkopierer erfolglos bleiben wird und warum Netflix und Amazon aus diesem Kampf als Sieger hervorgehen werden.

Samstagabend. Ich bin verabredet. Einen Film wollen wir schauen. Das einzige Kino, in dem der Film noch zu einer annehmbaren Zeit läuft, ist natürlich das große Kettenkino. Nach 30 km Fahrt gehe ich an die Kasse und bezahle die Tickets. 3D versteht sich, Studentenrabatt gibt es keinen. Der Film wäre in 2D genauso gut, aber das wird nicht angeboten. 13 € habe ich für ein Ticket bezahlt. Soviel wird der Film in drei Monaten auf Blu-Ray kosten. Es ist warm im Kino, ich brauche etwas zu trinken. Für einen halben Liter Wasser bezahle ich knapp 5 €. Weitere 3 € wird das Parken kosten. Ich allein bin 21 € los. Ich gehe ins Kino. Zuerst eine halbe Stunde lang Werbung, dann beginnt der Film. Neben mir redet jemand ununterbrochen. Der Zwei-Meter-Riese vor mir ist sehr verspannt, denn er muss sich ständig strecken. Seine Freundin, die neben ihm sitzt, schaut andauernd auf ihr Handy, dessen Licht mir ins Gesicht scheint. Ich werde kontinuierlich abgelenkt. Der Film ist mies. Und dafür bezahle ich so viel Geld?

Viele der Leute, die sich Filme herunterladen, argumentieren genauso. Sie fühlen sich abgezockt. Sie sehen es nicht ein, viel Geld zu bezahlen für ein mieses Kino-Erlebnis. Auch ich muss immer wieder feststellen, dass ich mich insgeheim ärgere, wenn ich eine der großen Kinoketten besuche. Kleinere Kinos gibt es kaum, und wenn es sie gibt, können sie natürlich nicht das breite Angebot bieten, was beispielsweise ein Cinestar aufzufahren in der Lage ist. Aus dieser Motivation heraus finden sich immer wieder Leute, die Raubkopien von aktuellen Kinofilmen herstellen. Die Szene ist groß. Wer die bessere Qualität liefert, der bekommt Anerkennung und Ruhm. Manche Kinobetreiber kooperieren mit ihnen und erlauben ihnen, hochwertigere Kopien herzustellen. Dazu stellen sie Dreibeine im Projektionsraum auf, von denen aus sie die Leinwand abfilmen. Der Sound wird direkt vom Projektor aufgenommen. Es gibt Qualitätsstandards, Distributionskanäle und Reviewer. Sie stehen einem professionellen Publisher in Sachen Qualität in nichts nach.

Man könnte denken, ihr Hauptziel sei es, der Filmindustrie zu schaden. Das stimmt jedoch nicht. Es sind einfach technisch sehr versierte Film-Liebhaber, die die große Reichweite des Internets nutzen, um auf ihre Art und Weise gegen alte, starre Strukturen zu protestieren. Ich möchte ihre Taten nicht beschönigen, denn was diese Leute tun, ist klar illegal. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass sie nicht aus purer Boshaftigkeit handeln. Nicht umsonst steht bei jedem Film in etwa dabei: „Wenn euch der Film gefällt, dann unterstützt bitte die Filmemacher, indem ihr ins Kino geht oder die DVD kauft“. Jeder ist der Held seiner eigenen Geschichte.

Eine besonders tolle Zeit für Raubkopierer ist Weihnachten. Um diese Zeit herum werden meistens die sogenannten Oscar-Screener verschickt, DVD-Kopien von Kinofilmen, die für Mitglieder der Academy bestimmt sind. Immer wieder schaffen es Gruppen, solche Kopien in die Hände zu bekommen. Einfach veröffentlichen können Sie diese jedoch nicht. Denn sie sind besonders stark geschützt und mit digitalen Wasserzeichen versehen, die eine nachträgliche Identifizierung der Quelle ermöglichen sollen. Deswegen werden diese Filme aufwändig bearbeitet und die Wasserzeichen in mühevoller Kleinarbeit entfernt. Manchmal werden auch ganze Szenen weggeschnitten. Dieses Jahr scheinen besonders viele Filme in die Hände der Szene gelangt zu sein. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Disney beispielsweise darauf verzichtet hat, den neuen Teil der „Star Wars“-Saga an die Presse zu verschicken. Ein Trend, der sich in den kommenden Jahren wohl weiter verstärken wird.

Die Reaktion von Hollywood ist immer die gleiche. Es wird sehr viel Geld ausgegeben, um gegen diese Gruppen vorzugehen. Ganze Abteilungen sind damit beschäftigt, diese Filme im Netz zu finden und sie offline zu nehmen. Doch für jede Quelle, die offline geht, erscheinen zehn neue. Für jede Seite, die von der Polizei hochgenommen wird, erscheinen fünf neue. Manche erinnern sich vielleicht an das Aus von kino.to. Seitdem gibt es bereits zahlreiche neue „Anbieter“, die das Angebot von kino.to sogar übertreffen. Selbst die zahlreichen neuen Kopierschutzmethoden, die ständig weiterentwickelt werden, bieten immer nur temporären Schutz. Dieser Kampf scheint aussichtslos, denn es ist ein Kampf einer alten, starren Struktur gegen technische Innovation. Es ist nicht so, dass die Leute kein Geld mehr bezahlen wollen. Die meisten illegalen Seiten bieten Premium-Abos an für unbegrenzten Zugang. Und die Leute bezahlen dafür gerne. Wieso auch nicht?

Der Mensch ist allgemein bequem. Viele Leute haben daheim sowieso ein Heimkino mit großem Fernseher und guten Soundanlagen, die sie individuell auf sich einstellen können. Der Sitzplatz ist immer optimal und meistens kennt man die Personen, die neben einem sitzen. Auch wenn Kino immer wieder als Erlebnis heraufbeschworen wird: Für viele stellt das Heimkino einfach eine bequemere und bessere Alternative da. Das Einzige, was fehlt, ist, dass die neuesten Blockbuster direkt am Erscheinungstag für den heimischen Fernseher verfügbar sind. Video on Demand ist das Stichwort. Das haben mittlerweile auch einige schlaue Leute erkannt. Der rasante Aufstieg von Netflix und Amazon Instant Video kommt nicht von ungefähr. Tausende Filme und Serien, bequem daheim mit Freunden anschauen, zu jeder Zeit für einen unschlagbaren Preis und im Gegensatz zu Raubkopien vollkommen legal. Das Internet macht es möglich. Dabei sind diese Firmen nicht mal selbst auf die Idee gekommen. Sie mussten sich einfach nur am Vorbild der Raubkopierer orientieren und aus dem illegalen ein legales Geschäft machen.

Die Videotheken haben den Kampf bereits verloren, immer mehr müssen ihr Geschäft aufgeben. Ein Grund zu trauern ist das nicht. Sie sind einfach ein Opfer der Zeit, wie einst die VHS, die CD und Schwarzweiß-Fernsehen. Niemand möchte mehr bis zur Videothek fahren, einen Film ausleihen, wieder hinfahren, weil die DVD nicht abgespielt wird und dann ein drittes Mal hinfahren, um den Film zurückzugeben. Es gibt mit den eben genannten Anbietern einfach eine Alternative, die besser ist. Die Art und Weise, wie wir Medien konsumieren, hat sich geändert. Ich habe heutzutage die Wahl, alles schauen zu können, was ich möchte und vor allem wann ich es möchte. Damit konnten die Videotheken einfach nicht mithalten.

Auch das Kino wird in Schwierigkeiten geraten. Mit „Beasts of No Nation“ erschien 2015 der erste Kinofilm, der gleichzeitig in den Lichtspielhäusern und auf Netflix lief. Der Film wurde von Netflix produziert, die nebenbei auch hochwertige Serien für ihre Plattform in Auftrag geben. Noch weigern sich die Kinos, einen solchen Film in ihr Programm aufzunehmen und argumentieren, dass das Kino der beste Ort sei, um einen Film zu genießen. Doch ist er das wirklich? Sollte dies das einzige Argument für einen Kinobesuch sein, sehe ich nicht, wie das Kino überleben will. Wenn ich die Alternative habe zwischen Kino und Heimkino, wird sich der Großteil für letzteres entscheiden – aus dem alleinigen Grund, weil es bequemer und individueller ist. Dabei könnte es doch so einfach sein. Ich möchte an dieser Stelle auf die Kollegen von Kino+ verweisen, die die aktuelle Situation sehr gut analysieren (ab Minute 23:02):

Es bleibt zu sagen, dass spannende Zeiten auf uns zukommen. Profitieren wird am Ende der Nutzer. Das Kino muss jedoch endlich aufwachen und Konzepte entwickeln, um diesen unausweichlichen Wandel zu überleben – sofern es das überhaupt will.

Autor: Frederic Burgard

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